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Die Figur, die in der Hausfassade eingelassen ist, ist auch gleichzeitig der gesuchte Name der Villa.

Schützenswertes Kulturdenkmal

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Das Gießener Land ist reich an Schätzen. Versteckte, wenig bekannte Orte, die des Entdeckens doch wert sind. Kleinode, die selbst vielen "Eingeborenen" fremd sind. In den Sommerferien stellen wir auch dieses Jahr einige vor. Die Kreisredaktion lädt zur "Schatzsuche" ein.

Fast ein bisschen nachdenklich blickt er drein. Seit fast 120 Jahren. Vielleicht, weil er seither nicht das herrschaftliche Gebäude anschauen darf, das ihm seinen Namen verdankt. Zumindest den heutigen. Denn die Villa hört auch auf einen zweiten Namen, der mit dem Gewässer zutun hat, das an der Ortschaft, in dem sie steht, entlangfließt.

Den "Schatz" der Woche hat ein Mitglied einer bedeutenden mittelhessischen Unternehmerfamilie um die 20. Jahrhundertwende erbauen lassen. Der Bauherr war der letzte Blutsverwandte, der um 1900 bei einer großen Metallverarbeitungsinstitution im Vorstand tätig war - genauer im Hüttenbetrieb. In ganz Europa hat sich die 1731 gegründete Firma einen Namen gemacht.

Heute versperrt eine große Birke aus Richtung Süden den Blick auf das alte, markante zweieinhalbgeschossige Klinkergebäude. In dessen Fassade ist der Söldner mit Schwert und Lanze eingelassen. Das gepuffte Hemd und die gepufften Hosen, die er trägt, und das breitkrempige Barett mit Federn auf seinem Haupt zeugen von längst vergangenen Zeiten.

Man geht davon aus, dass die Architekten Jacob Stein und Hans Meyer aus Gießen die üppige Villa oberhalb der Bahnschienen entworfen haben. Die beiden Architekten waren zum Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kreis und vor allem in der Stadt Gießen die Planer für zahlreiche Wohnhäuser und prächtige Villen.

Das gesuchte Gebäude steht an einer Hauptverkehrsstraße und ist seit jeher in Privatbesitz - mal bewohnt, mal Gastronomie. Aber es hat auch lange Jahre leer gestanden. In den 1960er und 70er Jahren konnte man dort italienisch essen gehen, ehe es im Jahr 1994 wieder zum Wohnhaus umgebaut wurde. Danach war die Villa, die in erster Linie durch ihre asymmetrischen Gliederung wirkt, ein Zufluchtsort für Kriegsflüchtlinge und Asylbewerber aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Pendant zu Arbeiterhäusern

Gegenüber des gesuchten rostroten Gebäudes sind Häuser zu finden, die ebenfalls von den Architekten Stein und Meyer entworfen wurden. In ihnen wohnten ab dem Jahr 1902 Angestellte des großen Metallverarbeitungsunternehmens.

Trotz späterer erheblicher Vereinfachung der Dach- und Giebelaufbauten der Villa zeigt das Gebäude mit seinem Erkerturm, dem Stufengiebel in Renaissancemanier und dem breiten Treppenhausturm auch heute noch schützenswerten Bestand. Wichtige Details sind der umlaufende Balkon am Erker, die eingefassten, teils flachbogigen, teils gerade abschließenden Fenster, von denen einige paarweise angeordnet sind, und die rundbogige, originale Eingangstür. Damit ist die Villa aus künstlerischen und städtebaulichen Gründen Kulturdenkmal.

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