Landgericht

Schüsse in der Silvesternacht: Urteil steht bevor

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Im Prozess um Schüsse in der Silvesternacht standen nun die Plädoyers an. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass ein 63-Jähriger dabei den Tod seiner Frau in Kauf genommen hat.

Im Grunde sind sich über den Tatablauf alle einig: Der 63-jährige Angeklagte hat zum Jahreswechsel in Richtung seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau geschossen und sie nur knapp verfehlt, teils um etwa einen halben Meter. Er lauerte unten im Garten und wartete, bis sie den Balkon ihrer Dachgeschosswohnung im Kreis Gießen betrat, um bei einer Zigarette das Silvester-Feuerwerk zu betrachten. Dann drückte er mit dem Revolver dreimal ab.

Die Ansichten darüber, wie diese Tat rechtlich zu bewerten sind, gehen allerdings auseinander - das machten am Dienstag die Plädoyers im Strafprozess vor dem Landgericht deutlich.

Staatsanwalt Mike Hahn sah nach der Beweisaufnahme einen mindestens bedingten Tötungsvorsatz als erwiesen an. Die Anklage lautete neben illegalem Waffenbesitz auf versuchten Mord. Der Vorsatz ergebe sich aus der Gesamtschau der Umstände: Zwar hätten sich die Eheleute wohl schon länger auseinandergelebt. Nach ihrem Auszug im Oktober 2019 sei für den Angeklagten dann aber "ein Lebensgerüst zusammengebrochen" - privat wie beruflich. Denn das Paar führte auch den heimischen Schafbetrieb gemeinsam.

Der Angeklagte hatte beteuert, er habe seine Frau mit den Schüssen nur erschrecken wollen - und dazu bringen, dass sie endlich den Vertrag für ihren Ausstieg aus der Gesellschaft bürgerlichen Rechts unterschreibt. Aus Sicht des Staatsanwalts ist das nicht plausibel. Immerhin habe der Mann mit einer scharfen Waffe geschossen und auch wegen der "mehr als schlechten Lichtverhältnisse" als ungeübter Schütze nicht kontrollieren können, ob er vorbeischießt. Wenn man jemanden erschrecken wolle, "muss ich schon irgendwie kundtun, dass ich es bin". Der Mann habe sich aber versteckt. "Sinn ergibt das ja nun wirklich nicht", kommentierte Hahn die Version des Angeklagten.

Laut Staatsanwalt liegt auch ein klares Motiv vor: "Wäre sie verstorben, wäre alles erstmal auf ihn übergegangen." Auch sei es eine heimtückische Tat, die Frau wehrlos gewesen. Der Mann habe seine Ehefrau "zur Schießbudenfigur degradiert".

Schüsse in der Silvesternacht: Keine Vorstrafen

Zwar sei dem Schützen positiv anzurechnen, dass er der Polizei das Waffenversteck genannt habe, nicht vorbestraft sei und die Tat eingeräumt habe. Andererseits leide die Ehefrau bis heute unter den psychischen Folgen. Auch könne man nicht von einer spontanen Tat sprechen: Zwischen Entschluss und Umsetzung hätten mehrere Stunden gelegen. Vor den Schüssen habe der Angeklagte mindestens 20 Minuten im Garten gewartet - und sich nicht umentschieden. Unterm Strich forderte Hahn fünf Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe.

Die Frau tritt im Prozess als Nebenklägerin auf. Als ihr Vertreter wies Rechtsanwalt Sacha Feller in seinem Plädoyer auf die aus seiner Sicht gegebenen niederen Beweggründe des Täters hin: Er habe sich einen Vermögensvorteil erhofft, seine Frau vor der Tat auch ausgekundschaftet. Auch die "Gefährlichkeit des Tatwerkzeugs" spreche für mindestens bedingten Vorsatz - und nicht etwa für "bewusste Fahrlässigkeit".

"Der Schaden liegt bei der Nebenklägerin", sagte Feller. "Bislang war für sie der Umgang in der freien Natur völlig selbstverständlich. Sie geht jetzt nachts nicht mehr alleine raus." Es werde lange dauern, die psychischen Folgen der Tat aufzuarbeiten. Feller hält fünfeinhalb Jahre Haft ebenfalls für angemessen.

Bei der Tat habe es sich um "eine höchst lebensgefährliche Angelegenheit" gehandelt, räumte Verteidiger Dietmar Kleiner in seinem Plädoyer ein. Doch bei der Frage des Vorsatzes gebe es "dünnes Eis in allen Richtungen". Der Angeklagte habe vor den Schüssen die Waffe jeweils an einen Baumstamm gedrückt "mit dem Zweck, den Schuss aus seiner Sicht sicher ausführen zu können". Es sei letzendlich schwierig, "tatsächlich sagen zu können, ob es ihm gleichgültig war, dass er sie trifft". Für die Strafzumessung stellte Kleiner keinen konkreten Antrag. Bis zuletzt hatte er in der Beweisaufnahme nichts unversucht gelassen, um die in den Akten zu Grunde gelegte Position des Schützen in Zweifel zu ziehen. Er scheiterte jedoch mit dem Antrag, den Tatort noch einmal gemeinsam in Augenschein zu nehmen und die Schussbahnen neu zu vermessen.

Der Angeklagte betonte in seinem letzten Wort erneut, er habe seine Frau weder verletzen noch töten wollen. Das Urteil fällt am Donnerstag.

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