Wegen Schüssen in Richtung seiner Ehefrau muss sich ein 63-Jähriger vor dem Landgericht verantworten. ARCHIVFOTO: KHN
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Wegen Schüssen in Richtung seiner Ehefrau muss sich ein 63-Jähriger vor dem Landgericht verantworten. ARCHIVFOTO: KHN

Landgericht

Schüsse in der Silvesternacht: Angeklagter präsentiert fragwürdige Version der Tat

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Während des Feuerwerks zum Jahreswechsel schießt ein 63-Jähriger dreimal in Richtung seiner Ehefrau, verfehlt sie nur knapp. Beim Prozessauftakt überraschte der Mann nun mit seiner Version.

Dass es in der Silvesternacht laut wird, ist nicht ungewöhnlich. Doch diese Geräusche zum Jahreswechsel 2019/2020 konnte die heute 62-Jährige sich nicht erklären: "Ich hatte ein-, zweimal an der Zigarette gezogen, als ich einen scharfen Knall hörte. Im selben Moment rieselte etwas auf meinen Balkon", schildert sie vor Gericht. Nach dem Knall schaute sie nach vorne, blickte vom Balkon in den dunklen Garten des Mehrfamilienhauses im Landkreis Gießen. Sie bekam Angst, trat schnell wieder durch die Balkontür in ihre Wohnung.

Was die Frau in diesem Moment noch nicht wusste: Während sie rauchend auf dem Balkon stand, lauerte ihr Ehemann unten im Garten. Er hatte drei Revolverschüsse in ihre Richtung abgefeuert, sie schlugen in der Hauswand ein. Die Staatsanwaltschaft wirft dem von der Frau getrennt lebenden Mann einen Mordversuch vor. Er habe ihren Tod zumindest billigend in Kauf genommen. Seit dem gestrigen Mittwoch muss sich der 63-Jährige aus dem Vogelsbergkreis vor dem Gießener Landgericht verantworten.

Schüsse in Silvesternacht: Schwere Vorwürfe gegen den Angeklagten

Zwar trafen sie die Schüsse nicht, doch die Frau berichtete von den psychischen Folgen: Schlaflosigkeit, Panikattacken, Zittern. "Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich keine Hoffnung, dass ich irgendwann angstfrei sein werde."

Wenige Monate vor der Tat hatte sie ihren Mann verlassen und eine neue Wohnung bezogen. Die beiden haben vor mehr als 40 Jahren geheiratet - doch den gemeinsamen Alltag beschrieb die Frau, zugleich Nebenklägerin, nun als Tortur: "Unser Leben war von viel Arbeit geprägt - und der unfassbaren Härte meines Ehemanns", formulierte sie in ihrer schriftlich vorbereiteten Aussage. "Mein Mann hat mich geschlagen - zum Teil mit der Hand, zum Teil mit Stöcken." Wann immer er mit ihrer Arbeit im gemeinsamen landwirtschaftlichen Betrieb nicht zufrieden gewesen sei, habe er ausfallend und mitunter brutal reagiert, teils sogar - mit einer Mistgabel in der Hand - Morddrohungen ausgesprochen. Auch seine Schäferhunde habe er häufig geschlagen.

Um die Finanzen des Betriebs habe sie sich gekümmert, sagte die Frau aus. Als sie den Gatten verließ, buchte sie rund 70 000 Euro auf ein anderes Konto um, nahm außerdem gut 40 000 Euro aus einem Tresor mit.

Nach der Trennung und ihrem Auszug wollten sich beide vertraglich einigen: Sie sollte aus der Gesellschaft bürgerlichen Rechts ausscheiden und dafür eine Abfindung über 50 000 Euro erhalten. Doch die Frau zögerte offenbar mit der Unterschrift, sehr zum Unmut des Gatten.

Schüsse in Silvesternacht: "Saublöde Idee"

Der Angeklagte bestritt vor Gericht, seine Frau geschlagen zu haben. "Sie ist eine Person, die immer Recht haben will", im Streit sei er dann aber meist weggegangen. Er ist auch wegen zwei Gewaltattacken gegen seine Frau im Jahr 2019 angeklagt. In einem Fall habe er ihr eine Ohrfeige verpasst, nachdem sie ihn bespuckt habe, sagte er am Mittwoch - und bestritt den zweiten Vorfall.

Die Schüsse zum Jahreswechsel gestand er dagegen - und präsentierte eine Version, die teils für Verwunderung sorgte: "Am 31. Dezember ist mir irgendwann die saublöde Idee gekommen, dass ich meine Frau erschrecken könnte." Mit scharfer Munition. Er habe über oder neben sie gezielt, dann abgedrückt. Verletzen wollen habe er sie aber nicht. Er habe vielmehr gehofft, dass die Frau sich dann endlich bei ihm melden und den Vertrag unterschreiben würde.

Doch woher sollte die Frau wissen, dass er geschossen hat? Musste ihm nicht klar sein, dass nach den Schüssen eher eine Anzeige wahrscheinlich ist als eine Kontaktaufnahme der Frau? "Ich kann Ihren Gedankengängen nicht ganz folgen. Das macht doch keinen Sinn", sagte die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze. Der Angeklagte: "Nee, Sinn macht‘s keinen."

Schüsse in Silvesternacht: Keine Waffenerlaubnis

Ein Polizeibeamter berichtete vor Gericht von der Durchsuchung des Anwesens des Angeklagten. Der Mann habe sich kooperativ verhalten und auch das Versteck der Tatwaffe genannt. Den Revolver, für den er keine Erlaubnis besitzt, will der 63-Jährige vor ein paar Jahren erworben haben, um seine Schafherde im Notfall vor Wölfen zu schützen. Danach habe er ein paar Mal damit geschossen.

Trotz rund 15 Metern Distanz und Dunkelheit sei er sich sicher gewesen, seine Frau nicht zu treffen. Der Polizist, ein geübter Schütze und seit über 30 Jahren im Dienst, sagte im Zeugenstand, er hätte sich diesen Schuss nicht zugetraut.

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