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Wo gehobelt wird ...: Obermeister Sven Keßler in der Schreinerei seines Vaters in Beuern.

Portrait

Gießen: „Verjüngungskur“ im Handwerk – 30-jähriger Schreiner aus Gießen ist Mehrfachmeister

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Mit gerade einmal 30 Jahren führt der Großen-Busecker Sven Keßler nun die Tischler-Innung als Obermeister. Der einstige Ruder-Weltmeister berichtet von derzeit teils schwierigen Rahmenbedingungen des Handwerks - und rät dazu, sich vor dem Berufseinstieg keinen Illusionen hinzugeben.

Von einem Mangel an Beschäftigung kann bei Sven Keßler keine Rede sein. Als Schreinermeister hat der 30-Jährige im Betrieb seines Vaters in Beuern alle Hände voll zu tun, arbeitet von früh morgens oft bis zum frühen Abend. Nebenher ist er in der Ruder-Bundesliga aktiv. »Das hört sich höher an, als es ist«, gibt sich der sportbegeisterte Großen-Busecker und Weltmeister von 2014 im »leichten Achter« bescheiden.

Im Januar ist ein weiterer Meistertitel hinzugekommen - nicht ganz so spektakulär klingend wie der des Weltmeisters, aber für das regionale Handwerk von großer Bedeutung: Keßler ist nun Obermeister der Tischler-Innung Gießen. Wie war seine Reaktion, als er aus Innungskreisen nach seiner Bereitschaft gefragt wurde, den Posten zu übernehmen? »Ich meinte: Okay, da muss ich mich erstmal informieren«, verrät Keßler beim Gespräch im Büro der Schreinerei. »Ich hatte zwei, drei Wochen Bedenkzeit, dann habe ich gesagt: Ja, ich kann mir das vorstellen.«

Gießen: 30-Jähriger als Obermeister in der Tischler-Innung – eine „Verjünungskur“

Dass er nun als 30-Jähriger Obermeister ist, sieht Keßler als Teil einer »Verjüngungskur« der Innung. »Schritt für Schritt ergibt das Sinn, aber man braucht auch die Erfahrung der Altmeister«, sagt er. Anfangs habe er die Aufgabe vielleicht »ein bisschen unterschätzt«, finde sich mittlerweile jedoch gut zurecht.

»Es ist schon mehr Zeitaufwand, aber das hält sich im Rahmen«, sagt Keßler über seine Funktion. Viele Aufgaben sind für ihn neu, kürzlich etwa die Vorbereitung der Mitgliederversammlung oder des Prüfungsausschusses. »Aber ich kann auf die Erfahrung anderer zurückgreifen«, und auch die Kreishandwerkerschaft, deren Teil die Innung ist, unterstütze nach Kräften. Auch bei traurigen Anlässen vertritt Keßler nun seine Zunft: »Wenn ein Mitglied verstirbt, muss man auf die Beerdigung und ein paar Worte sagen - das gehört auch dazu.« Keine ganz einfache Aufgabe für einen jungen Mann.

Schreinermeister aus Gießen: Der Traumberuf wurde mit in die Wiege gelegt

Aktuell hat die Tischler-Innung laut Keßler etwa 30 Mitglieder. Insgesamt gebe es kreisweit 113 Betriebe, die potenziell dabei sein könnten, darunter Bau- und Möbelschreinereien, aber auch reine Montagebetriebe. Das klingt nach reichlich Luft nach oben - und Keßler will dazu beitragen, den Mitgliederstand zu erhöhen. »Gerade jüngere Unternehmer identifizieren sich heute oft wenig mit der Innung und sagen: Das kostet nur Geld!«, so sein Eindruck. Die Bereitschaft, sich in der Innung zu engagieren, sei beim Nachwuchs gering. Dabei böten sich für Mitglieder durchaus Vorteile, etwa durch den Austausch von Geräten, Weiterbildungen und mehr.

Für Keßler war schon früh klar, dass er Schreiner werden will. »Ich bin in der Werkstatt mit Holz groß geworden.« Anfang der 1990er gründete sein Vater jenen Betrieb, der heute in Beuern ansässig ist. Formal ist sein Sohn als Meister bei ihm angestellt und wird die Schreinerei mit sechs Mitarbeitern wohl irgendwann übernehmen. »Während meiner Ausbildung haben viele gefragt: Hat dich dein Vater gezwungen, Schreiner zu werden?«, sagt er und lacht. »Ich bin schon erpicht darauf, dass er es durchzieht«, sagt der Vater, der für ein paar Absprachen ins Büro gekommen ist.

Gießen: Handwerk muss mit der Zeit gehen

Als Spross einer Schreinerei hatte Sven Keßler schon ein recht genaues Bild von diesem Beruf, bevor er nach dem Realschulabschluss und einem Freiwilligen Sozialen Jahr die Ausbildung begann. Doch das sei vor allem bei ganz jungen Berufsanfängern häufig anders. »Viele sagen: Wir basteln mal was«, berichtet er. Sein Vater teilt diesen Eindruck: »Etwas von IKEA kann man vielleicht basteln, aber wir haben hier richtig Arbeit!« Je jünger Berufsanfänger seien, desto mehr Illusionen über das Berufsbild stünden häufig im Raum. Oftmals wäre ein Berufsgrundbildungsjahr als staatliche Ausbildung an einer Berufsschule samt Praxistagen im Betrieb anfangs sinnvoll, findet Sven Keßler.

Zwar gehöre es noch immer zur Ausbildung, das traditionelle Handwerk zu erlernen, etwa auch unverleimte Verbindungen für Schubladen oder Schränke zu beherrschen. Doch das sei aufwändig und im Berufsalltag kaum umsetzbar, gerade mit Blick auf die Arbeitszeit, erläutert er.

Wichtiger als jedes Werkzeug perfekt zu beherrschen ist aus Keßlers Sicht, als Schreiner mit der Zeit zu gehen. »Es wird von Jahr zu Jahr mehr an Technologien - zum Beispiel im Bereich Smart-Home oder beim Einbruchsschutz.« Als Bauschreiner hat er im Alltag unter anderem viel mit Türen, Fenstern und Einbauschränken zu tun. Und da Kunden zunehmend anspruchsvoller seien, müsse man über neue Produkte stets auf dem Laufenden bleiben.

Schreinerei in Gießen: Material ist immer schwerer zu bekommen

Neben dem Know-how braucht es passgenaue Rohstoffe - und da wird es zurzeit schwierig. »Binnen fünf Monaten sind die Preise für Bauhölzer um 65 Prozent gestiegen, etwa bei Kanthölzern und Dachlatten«, sagt Keßler. Er sieht dafür mehrere Gründe, nicht zuletzt die Corona-Folgen. »Letztes Jahr im März war das Telefon für eine Woche ein bisschen ruhiger. Da dachten wir: Jetzt sind viele in Kurzarbeit, alle müssen sparen.« Doch dann sei die Nachfrage schnell wieder angezogen - und boome noch immer. Besonders gefragt sind laut Keßler Produkte für Terrassen-, aber auch Innenausbau. Sein Eindruck: »Das Geld für den Urlaub wird gespart und zu Hause investiert.« Zurzeit seien selbst »Standard-Platten« kaum noch vorrätig, das berichteten auch etliche andere Innungsbetriebe. Als Folge verlängerten sich freilich auch die Auftragszeiten. Was sonst an Material für den zurzeit weitgehend brachliegenden Messebau gebraucht werde, gehe nun in die Betriebe. Wenn der Messebau wieder anziehe, werde der Markt wohl noch knapper, so Keßler.

Für seine sportliche Passion hat er nun nicht mehr so viel Zeit wie vor ein paar Jahren, als er sich als Sportsoldat ganz dem Rudern widmen konnte. Anschließend machte er den Meisterkurs als Schreiner, kam dann in den Betrieb zurück. Nun hat sich der Mehrfach-Meister neuen Aufgaben gestellt. Langeweile dürfte für den 30-Jährigen vorerst kein Thema sein.

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