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Bereits zum 18. Mal hat die OVAG den Jugendliteraturpreis ausgelobt. In der ersten Reihe in der Mitte die drei Erstplatzierten: Svantje Rack aus Biebertal (3. v. l.), Sarah Emamzahi aus Lich (M.) und Siegerin Emmilie Specht aus Nidda (3. v. r.).

Schonungslose Geschichten

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Gießen/Bad Nauheim (hsm). »Bildet euch ruhig schon mal was darauf ein«, sagte Laudator Martin Maria Schwarz und fachte damit die Ungeduld unter den 24 Ausgewählten an. Sie alle waren gespannt, wer beim Jugendliteraturpreis der OVAG auf welchen Plätzen landen würde. Am Freitagabend wurden die jungen Schreibtalente aus den Landkreisen Gießen, Vogelsberg und der Wetterau im Kursaal in Bad Nauheim ausgezeichnet.

Nach der Begrüßung und Einführung von OVAG-Vorstand Oswin Veith und den Gruppenehrungen kam der erste Jubelschrei: Svantje Rack von der Herderschule Gießen belegte mit der Erzählung »Bahnhof« den dritten Platz. Gefolgt von Sarah Emamzahi vom Asklepios-Bildungszentrum Lich mit »Wie viele Tode kann ein Mensch überleben?« als Zweitplatzierte. Und dann Begeisterung über den ersten Platz von Emmilie Specht vom Gymnasium Nidda mit »Die Sache mit der Wahrheit«.

Groß war die Freude auch bei den weiteren 21 Einzelpreisträgern, darunter die erst zwölfjährige Julia Schnabel aus Bad Nauheim und Celina Scheibel (13) aus Langgöns.

Sie alle stachen mit ihrer Schreibkunst aus 180 Bewerbungen heraus. Die siebenköpfige Jury hatte sich beeindrucken lassen von der Vielfalt der Themen, den persönlichen Erlebnissen, die teilweise unter die Haut gingen. Veith sprach davon, dass die Autorinnen und drei Autoren sich den Kopf über Geschichten zerbrochen hätten, um einen Appell an die Welt zu richten, über Dinge, die ihnen unter den Nägeln brennen.

»Ich habe beim Lesen höchst bemerkenswerte Menschen kennengelernt«, erzählt Schwarz in einer lebendigen, Mut machenden Laudatio. »Ich traf einen Obdachlosen, der seine karge Nahrung mit Tauben teilt um der Gemeinschaft willen, bis eine Mutter mit Kindern ihm diese schenkt. Ich lernte eine Schaffnerin kennen, die es liebt, zwischen Hiersein und Dortsein zu leben. Oder eine junge Frau, die bei der Festrede zu einer Hochzeit alle Tabus bricht und sowohl Entsetzen wie Rührung erzeugt.«

Da waren die Geschichten von zerplatzten Mutterträumen einer Fußballkarriere, dem morschen Dreieck zwischen der Autorin und geschiedenen Eltern, aus denen sie sich mit dem Ausruf befreit: »Menschen brauchen keinen Zucker, sie brauchen Wahrheit!«

Schwarz stellt fest, dass es keine Modethemen sind, sondern die schonungslose Auseinandersetzung mit einer Welt aus Schein, Trug, Illusionen, manchmal - wie bei den Flüchtlingsschilderungen - auch grenzenlose Angst und Hoffnung. »Hier wird Literatur nicht zu einem Instrument, um der Wirklichkeit zu entkommen, sondern um sie zurückzuerobern«, sagt er. Seine Bewunderung für die Texte ist ehrlich.

Der Redakteur des Hessischen Rundfunks und freie Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung weiß, was es bedeutet, sich auf Kurzgeschichten einzulassen: Sie führen ein Schattendasein bei Verlagen, sind Ladenhüter und verlangen den Schreibenden verdammt viel ab. Die Kunst liege im Weglassen überflüssiger Worte, also im Kürzen. Einfache Sätze erzeugten Tempo. Man müsse zwischen den Zeilen lesen können. Und ganz wichtig: der erste Satz. Er solle die Leser sofort hineinziehen in die Geschichte, sie zum Teil des Geschehens machen. Dafür gibt er Beispiele, sodass sich nahezu jede und jeder irgendwo wiederfindet und zurecht stolz auf die Erwähnung sein darf. Denn diese jungen Schreibtalente haben alles richtig gemacht. An ihren Texten feilen dürfen sie dann mit professioneller Hilfe in einem viertägigen Workshop.

»Schreib es auf«, hatte Hannah Arendt in einer Biografie über Rahel Varnhagen geraten. »Mach’ eine Geschichte draus, damit es sich in dir auflösen kann.« Ein Rat, den viele der Teilnehmer in den nächsten Wettbewerb mitnehmen und weitergeben an Jugendliche in den 38 Schulen im Wetterau-, Vogelsbergkreis und Kreis Gießen - wenn Lesungen dort wieder möglich sein werden.

Mit echt hessischen Klängen von Nashi Young Cho und ihrer Band erlebten die jungen Menschen noch einen beschwingten Abend mit ihren Familien und Lehrkräften.

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