Seit Dienstag muss sich eine 39-Jährige aus dem Kreis Gießen vor dem Gießener Landgericht verantworten.
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Seit Dienstag muss sich eine 39-Jährige aus dem Kreis Gießen vor dem Gießener Landgericht verantworten.

Landgericht

Auf schlafenden Ehemann eingestochen: Prozess gibt Einblick in tragische Beziehung

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Die Staatsanwaltschaft geht von einem Mordversuch aus: Im Dezember stach eine Frau aus dem Kreis Gießen mehrfach auf ihren Ehemann ein, er überlebte nur knapp. Wie konnte es so weit kommen?

Es war offenbar eine große Liebe, die trotz Rückschlägen 17 Jahre hielt, Kinder hervorbrachte - und dann fast tödlich endete. "Es tut mir wahnsinnig leid", sagte die Angeklagte vor Gericht. "Ich war in einer Ausnahmesituation und erkenne mich selbst nicht wieder", bekannte sie schluchzend. Doch was in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 2019 in der gemeinsamen Wohnung im Kreis Gießen geschehen ist, daran könne sie sich nicht erinnern. Dies zu rekonstruieren, ist nun Aufgabe der fünften Strafkammer am Landgericht.

Seit Dienstag muss sich die 39-Jährige wegen der Gewalttat vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr einen heimtückischen Mordversuch vor. Mehrfach hat sie demnach auf ihren Mann eingestochen, teils noch während er schlief, vor allem in Oberkörper und Arme. Schließlich konnte er flüchten, Nachbarn riefen Hilfe. Der Mann überlebte am Ende nur dank einer Notoperation.

Prozess um Messerstiche: Schwere Prüfung für ein junges Paar

Gut zwei Stunden, unter Tränen und voller Verzweiflung, schildere die Frau die Beziehung zu ihrem Mann, ihre berufliche und persönliche Situation. 2002 hatte sie ihn kennen gelernt. "Wir führten gute Gespräche, auch über die Vergangenheit und Ängste. Ich hatte das Gefühl, ich habe meinen Seelenverwandten gefunden", sagte sie.

Bald darauf folgte eine schwere Prüfung: Ihr Mann ging als US-Soldat in den Irak, habe sich so ein Studium finanzieren wollen. Aus einem halben Jahr im Einsatz wurden schließlich 15 Monate. Bei Telefonaten habe sie im Hintergrund Explosionen gehört, sei ständig in Angst um ihn und mit der kleinen Tochter allein gewesen.

Nach seiner Rückkehr sei die Beziehung schwieriger geworden. Der Versuch, sich gemeinsam in den USA etwas aufzubauen, scheiterte. Nach längerer Suche fand er einen Job in Deutschland. Sie ließ sich zu Erzieherin ausbilden, Doch die erhoffte Stabilität in der Beziehung blieb aus.

Prozess um Messerstiche: "Am Rande des Nervenzusammenbruchs"

Ausführlich schilderte die Angeklagte, wie ihr der Alltag in den letzten Jahren mehr und mehr über den Kopf gewachsen sei: Sie leitete eine Kita, die laut ihren Worten chronisch unterbesetzt war. Der Druck stieg, sie nahm Arbeit mit nach Hause. Schon als Jugendliche habe sie depressive Phasen gehabt und sich selbst verletzt, nun nahmen die Probleme erneut zu. "Ich wurde keinem gerecht, habe irgendwie funktioniert. Ich war ständig am Rande des vollkommenen Nervenzusammenbruchs." Ihr Mann arbeitete unter Woche in einiger Entfernung, die Ehe wurde zur Wochenendbeziehung. Hinzu kamen Geldprobleme: Im Wesentlichen habe sie den Lebensunterhalt bestritten, keinen Einblick in seine amerikanischen Konten gehabt. Schulden teils auf sich selbst übertragen. Die Streits wurden heftiger, Misstrauen und Vorwürfe wuchsen.

Schließlich habe sie von einer Liebesbeziehung ihres Mannes zu einer anderen Frau erfahren, doch er habe alles abgestritten. Sie habe die Frau zur Rede gestellt - und entdeckt, dass der Name ihres Mannes schon an deren Haustür prangte. Im seinem Auto brachte sie ein GPS-Gerät an, um zu kontrollieren, wo er sich aufhält. "Ich hatte ständig Angst, die Verlust- und Versagensängste führten mich in den Kontrollzwang."

Vergangenen Dezember habe sie gemerkt, dass er Geld, das eigentlich für die Klassenfahrten der Kinder vorgesehen gewesen sei, abgehoben habe - und vermutete, er wolle es seiner Geliebten geben. Am Abend vor der Tat stellte sie die Frau abermals zur Rede. Doch auch daran könne sie sich nicht mehr wirklich erinnern.

Während eine Tochter der beiden von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebraucht machte, äußerte sich der Ehemann ausführlich. Er habe seine Frau am Abend vor der Tat kaum wiedererkannt. Als er nach Hause kam und sie von seiner Geliebten zurückgekommen war, habe sich allmählich ein Streit entwickelt. Seine Frau sei, anders als sonst, ruhig geblieben, "wie ein Roboter". Sie hätten noch gemeinsam geduscht, dann habe er sich auf der Couch schlafen gelegt.

Prozess um Messerstiche: Drohungen nicht ernst genommen

Gegen 2.30 Uhr sei er dann erwacht - "mit einem Messer in der Brust" und seiner Frau vor ihm. "Ich habe gesagt: ›Was machst du?‹ Sie hat gesagt: ›Ich will dich umbringen.‹" Nach seiner Erinnerung hatte die Frau zwei Messer. "Sie war an diesem Abend verdammt stark", sagte das Opfer vor Gericht. Sie habe versucht, weiter auf ihn einzustechen. Er wollte an ihr vorbeikommen, warnte die Töchter in ihrem Zimmer. Der Mann betonte allerdings, er sei sicher, dass die Kinder nicht in Gefahr waren - auch wenn seine Frau im Streit wohl schon mal gedroht habe, ihm, sich selbst oder den Kindern etwas anzutun, wenn er sie verlasse. Das habe er aber nie ernst genommen.

Während seine Ehefrau ihn im Zeugenstand verzweifelt und unter Tränen anblickte, räumte der Mann eigene Fehler ein: "Ich war nicht der einfachste Mensch auf Planet Erde", sagte er. Er habe sowohl seine Frau als auch die Geliebte belogen, habe sich hin- und hergerissen gefühlt. "Mein Problem war, dass ich keine richtige Entscheidung treffen konnte."

Auch wenn manche Erinnerung an den Tattag verblasst ist, hat sich beim Opfer ein Eindruck verfestigt: "Da war keine Emotion bei ihr, ich kannte diese Frau nicht." Die Angeklagte sagte aus, an jenem Abend Schlafmittel und Ibuprofen genommen zu haben. Die Frage, inwieweit sie die Tat geplant hat und wie es zum Tatzeitpunkt um ihre Psyche bestellt war, dürfte an den weiteren Prozesstagen noch eine Rolle spielen. Ebenso die Frage nach dem Motiv. Möglich scheint, dass die Ehefrau am Abend erfahren hatte, dass die Geliebte des Mannes schwanger ist. Doch das scheint bislang nicht belegt.

Am Ende richtete der 39-Jährige einen Appell an das Gericht: "Sie ist kein schlechter Mensch. Ich habe ihr schon vergeben. Ich hoffe, die anderen hier können das auch." Er wolle, dass sie Hilfe bekommt.

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