Auf schlafenden Ehemann eingestochen: "Froh, dass er noch lebt" - Gerichtsurteil steht fest

  • vonStefan Schaal
    schließen

Eine 39 Jahre alte Frau, die auf ihren schlafenden Mann mit Messern eingestochen und ihn lebensgefährlich verletzt hat, musste sich vor Gericht verantworten. Nun steht das Urteil fest.

Vor dem Urteil fließen Tränen. "Ich schäme mich", sagt die 39 Jahre alte Frau aus dem Kreis Gießen schluchzend auf der Anklagebank. Niemand im Gerichtssaal zweifelt daran, dass ihre Reue aufrichtig ist. In ihren Worten steckt ehrliches Entsetzen - über sich selbst und die eigene Tat. "Ich erkenne mich nicht wieder", sagt sie.

Im Dezember vergangenen Jahres hat sie auf ihren im Wohnzimmer auf der Couch schlafenden Mann mit einem Küchen- und einem Brotmesser eingestochen. Sie hat dabei seinen rechten Herzbeutel durchlöchert. Nur mit Glück und dank einer Notoperation hat der Mann den Angriff überlebt. Am Gießener Landgericht wurde die Frau am Dienstag wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Das sei die "mildeste vertretbare Strafe", sagt Richterin Regine Enders-Kunze während der Urteilsbegründung. Betrachte man rein objektiv die Tat, ohne die psychische Erkrankung der Frau zu berücksichtigen, dann erscheine der Angriff auf den schlafenden Mann als heimtückischer, versuchter Mord. Zumal die Frau wegen der Untreue ihres Partners in der Vergangenheit mehrfach gedroht hat, ihn und die Familie umzubringen. Wenige Stunden vor der Tat hat sie ihm geschrieben: "Heute Nacht wird es körperlich."

Am besagten Abend im Dezember 2019 legt sich der Mann gegen 1 Uhr auf die Couch zum Schlafen. Wenig später greift sie zu seinem Smartphone und liest die Chat-Nachrichten mit seiner neuen Freundin. In einer Nachricht schreibt die neue Partnerin, dass sie schwanger ist. In diesem Augenblick muss die Welt der Angeklagten aus den Fugen geraten sein. Ihr Mann hat ihr gerade noch erklärt, dass er ein weiteres Kind mit ihr will.

Gegen 2.30 Uhr wacht der Mann mit Schmerzen und einem Messer in der Brust auf. "Was machst du?", fragt er seine Frau. Sie antwortet: "Ich will dich umbringen." Es sind erschütternde Szenen, die sich dann abspielen. Beide ringen miteinander, sie sticht weiter zu, trifft seine Arme, er wird durch die Verletzungen von Sekunde zu Sekunde schwächer. Mit letzter Kraft versetzt der Mann der Angeklagten einen Fausthieb, flüchtet und ruft Nachbarn zu Hilfe, die den Notarzt rufen.

Die Vorsitzende Richterin spricht am gestrigen Dienstag von einer "Lost-Lost-Lost-Situation". Der lebensgefährlich verletzte Mann müsse damit leben, dass seine Frau, mit der er 17 Jahre lang verheiratet war, ihn beinahe getötet hätte. Die Angeklagte verliert ihre Freiheit. Außerdem, betonte Enders-Kunze, müssten unter der Tat auch die Kinder des Paars schwer leiden.

Dass die Frau nur vier Jahre ins Gefängnis muss, hat mit einer tiefgreifenden emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung der Angeklagten zu tun. "Die Tat erhält dadurch einen völlig anderen Charakter", sagt die Richterin. Die Strafkammer geht von einer verminderten Schuldfähigkeit aus.

Die Angeklagte habe das Gefühl, niemandem gerecht zu werden, erklärt Dr. Jens Ulferts vor Gericht als psychiatrischer Gutachter. Sie leide unter schweren Verlust- und Versagensängsten, teile die Welt nur in schwarz und weiß ein. Bereits als Jugendliche hat sich die Angeklagte selbst geritzt. Auch vor dem Hintergrund großer beruflicher Belastung als Leiterin einer Kita und schließlich der Untreue ihres Manns seien alte Verhaltensmuster wieder aufgebrochen.

Die Frau steigerte sich in ihre Eifersucht mehr und mehr hinein. An seinem Auto brachte sie ein GPS-Gerät an, um zu kontrollieren, wo er sich aufhält. Die Nachricht der Schwangerschaft der neuen Partnerin des Mannes habe dann Impulse ausgelöst, die sie im Affekt nicht mehr habe kontrollieren können.

In den vergangenen Prozesstagen bestätigten Zeugen den Eindruck der psychischen Erkrankung. "Da war keine Emotion bei ihr", sagte beispielsweise das Opfer. "Ich kannte diese Frau nicht." Ein Polizist erzählte, auf der Fahrt ins Präsidium habe sie gefragt, was passiert und warum es schon dunkel sei. "Sie hat wirr vor sich geguckt", sagte ein Beamter. "Mein Eindruck: Sie wusste wirklich nicht, wo sie war."

Möglicherweise habe sie in dem emotionalen labilen Zustand nicht erfasst, mit dem Messerangriff einen schutzlosen Menschen zu überraschen, erklärt der Gutachter. Diese Einschätzung ist entscheidend dafür, dass die Frau nicht wegen versuchten Mordes verurteilt wird.

Auch Staatsanwalt Klaus Bender nimmt am Ende des Verfahrens von dieser ursprünglichen Anklage Abstand. Verteidiger Frank Richtberg erklärt, die Angeklagte und der Mann hätten "aufgrund der Psyche der beiden nicht aufeinander treffen dürfen."

Sie habe unter großem Stress funktionieren wollen, sagt die Angeklagte vor der Urteilsverkündung. "Ich habe immer weiter gekämpft." Dann aber sei ein negatives Erlebnis dem anderen gefolgt, beruflich und in der Ehe. Über eine Tatsache allerdings könne sie sich freuen: "Ich bin froh, dass er lebt."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare