Im Prozess wegen versuchten Mordes vor dem Gießener Landgericht haben am Mittwoch unter anderem Polizisten über die Tatnacht ausgesagt.
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Im Prozess wegen versuchten Mordes vor dem Gießener Landgericht haben am Mittwoch unter anderem Polizisten über die Tatnacht ausgesagt.

Prozess wegen versuchten Mordes

Auf schlafenden Ehemann eingestochen: Angeklagte bricht vor Gericht zusammen

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Wieso hat eine 39-Jährige im Dezember ihren Mann fast erstochen? Vor Gericht ging es am Mittwoch auch um ihren Zustand in der Tatnacht. Zwischenzeitlich brach sie zusammen, die Verhandlung wurde unterbrochen.

Für die Angeklagte ist es offenbar zu viel: Während Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze WhatsApp-Verläufe als Beweismittel vorliest, wird das Schluchzen der 39-Jährigen auf der Anklagebank immer lauter. Die Nachrichten haben sich ihr Ehemann und dessen verheimlichte Freundin geschrieben. Es geht um deren Schwangerschaft, um die Vorfreude auf das gemeinsame Kind.

"Ich liebe dich so sehr, ich kann dieses Baby kaum erwarten", heißt es in der Nachricht, die die Richterin gerade vorliest. "Jetzt kommt raus, was er für ein Mensch ist", raunt ein Familienmitglied der Angeklagten im Zuschauerraum. Die Angeklagte ist in Tränen aufgelöst. Schließlich wird die Verhandlung unterbrochen. Noch bevor sie den brütend heißen Gerichtssaal verlassen hat, bricht die Angeklagte zusammen. Enders-Kunze erspart ihr, sich alle Nachrichten bis zu Ende anhören zu müssen: Was nach der Unterbrechung noch aussteht, wird im "Selbstleseverfahren" eingeführt.

Am dritten Verhandlungstag des Strafprozesses am Landgericht waren am gestrigen Mittwoch die WhatsApp-Nachrichten einer von etlichen Punkten auf der Agenda. Die Staatsanwaltschaft wirft der 39-Jährigen aus dem Kreis Gießen vor, im Dezember mehrfach auf ihren schlafenden Ehemann eingestochen, ihn beinahe getötet zu haben. Der Vorwurf: versuchter Mord.

Prozess um Messerstiche: Angeklagte kann sich nicht erinnern

Beim Prozessauftakt hatte die Frau ausgesagt, sie könne sich an die Tat nicht erinnern und ausführlich geschildert, wie verzweifelt und überlastet sie zu dieser Zeit gewesen sei. Wegen Stress bei der Arbeit, aber auch wegen der immer schwieriger werdenden Beziehung zu ihrem Ehemann. Von Streit ums Geld war die Rede, von wachsendem Misstrauen gegenüber dem Gatten. Ihr Mann, dem es nach der Tat allmählich wieder besser geht, hatte auch von eigenen Fehlern gesprochen. Er habe sich weder für seine Frau, noch für die Freundin entscheiden können.

Die Nachrichten zwischen ihm und seiner damals schwangeren Freundin waren gespickt mit gegenseitigen Liebesbekundungen. Doch es wurde noch ein weiterer Chat-Verlauf verlesen - jener zwischen den Eheleuten, bis zum Abend vor der Tat. Teils geht es um alltägliche Absprachen. Die Nachrichten zeugen aber auch von den wechselnden Gefühlen der 39-Jährigen: "Wir müssen unsere Liebe wiederfinden", schrieb sie unter anderem. Allerdings auch: "Ich breche zusammen". Und: "Verpiss dich verdammt noch mal von meiner Familie." Am Abend vor der Tat dann unter anderem eine Drohung: Es werde später "körperlich", sie werde ihm "jeden Knochen brechen".

Die Spuren am Tatort scheinen keinen Zweifel daran zu lassen, dass die Frau auf ihren Mann eingestochen hat. Doch inwieweit hatte sie dies geplant? Und wie war es um ihren psychischen Zustand bestellt? Am Mittwoch wurde gut ein Dutzend Zeugen vernommen, um auch diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Ein Nachbar berichtete, dass das Opfer mitten in der Nacht bei ihm geklingelt habe, blutüberströmt. Der Mann setzte einen Notruf ab.

Prozess um Messerstiche: Aussagen über frühere Vorfälle

Polizisten erläuterten, wie sie die Angeklagte im Haus vorgefunden hatten: "röchelnd" und "wimmernd" auf dem Boden liegend, mit je zwei Messern links und rechts von ihr. Erst auf der Fahrt ins Präsidium habe sie sich geäußert, etwa gefragt, was passiert und warum es schon dunkel sei. "Sie hat wirr vor sich geguckt", sagte ein Beamter. "Mein Eindruck: Sie wusste wirklich nicht, wo sie war."

Aussagen musste auch ein Ex-Freund der Angeklagten, obwohl er die Beziehung laut eigener Aussage schon vor knapp 20 Jahren beendet hatte. Der Grund: Im Zuge der Ermittlungen war die Polizei auf damalige Vorfälle gestoßen, bei denen sie den Ex-Freund vor und nach Ende der Beziehung bedroht haben soll - so seine Version.

Einmal, sagten der Mann sowie seine Eltern aus, sei sie unangekündigt vorbeigekommen und habe auf den Ex-Freund gewartet. Man habe nach einer Weile bemerkt, dass neben ihr ein enthauptetes Kuscheltier gelegen habe. Sie habe ein Messer dabei gehabt, das der Vater ihr dann abgenommen habe. Die Angeklagte hatte dagegen ausgesagt, es sei nachts gewesen. Sie habe sich auf dem Weg gefürchtet und daher das Messer getragen.

Prozess um Messerstiche: Zeugen widersprechen sich

Ein anderes Mal habe eine Verwandte der Angeklagten bei der Familie des Ex-Freunds angerufen und gewarnt: Sie sei auf dem Weg zu einer Feier, wo er sich befinde, und habe ein Gewehr dabei.

Dem widersprachen zwei andere Zeugen: Sie seien mit der heute 39-Jährigen zu dem Fest gefahren, sie sei beim Anblick des Ex-Freunds zusammengebrochen. Und sie habe nur eine kleine Handtasche dabei gehabt, in die kein Gewehr passe. Auch den angeblichen Anruf habe es wohl nicht gegeben. Diese längst vergangene Episode wird sich kaum mehr aufklären lassen.

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