Das Wasser aus der Pflanzenkläranlage von Marianne Meiser (l.) besteht die erste Prüfung: Es ist klar, riecht nicht. Christian Schulz schickt es nun in ein Labor.
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Das Wasser aus der Pflanzenkläranlage von Marianne Meiser (l.) besteht die erste Prüfung: Es ist klar, riecht nicht. Christian Schulz schickt es nun in ein Labor.

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Schilfrohr statt Sickergruben

  • vonStefan Schaal
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Lange Jahre flossen am Albacher Hof die Fäkalien und Abwässer aus Sickergruben in den nahe gelegenen Bach. Dann legte das Regierungspräsidium ein Veto ein - und die Eigentümer entschieden sich für eine ungewöhnliche Lösung. Das Abwasser landet weiter im Albach - allerdings gefiltert durch die erste Pflanzenkläranlage in Lich.

Auf Marianne Meisers Grundstück wächst und wuchert Schilf. Vor einem Jahr hat die Licherin es eingezäunt auf einer 100 Quadratmeter großen Grünfläche am Albacher Hof anpflanzen lassen - allerdings nicht etwa, um das Areal zu verschönern. Das Schilf bildet die Decke einer Pflanzenkläranlage, es ist die erste dieser Art in Lich - und könnte im Kreisgebiet mehrere Nachahmer finden.

Auf dem Gehöft flossen lange Zeit noch Fäkalien und Abwasser zunächst in Sickergruben - und dann bei der Entleerung der Gruben in den entlang des Grundstücks plätschernden Albach. 1972, beim Kauf der Grundstücks, war dies noch erlaubt. Mittlerweile aber hat das Regierungspräsidium dies untersagt. "Wir hatten die Wahl, ob wir einen Anschluss zum Kanal legen", sagt Meiser. Die Leitung liegt nahe des Waldschwimmbads, 1,5 Kilometer entfernt. "Ein Anschluss hätte uns 200 000 Euro gekostet."

Und so entschied sich die Familie auch aus finanziellen Gründen für die Pflanzenkläranlage. Die Abwässer von zwölf Mietern in sieben Wohnungen auf dem Gehöft können dadurch weiter in den Albach fließen, nun allerdings gefiltert durch die im September vergangenen Jahres in Betrieb genommene Anlage. Der Bau habe 60 000 Euro gekostet, sagt Meiser. Mehr als die Hälfte sei für Baggerarbeiten wegen aufwendiger Arbeiten durch Pflastersteine auf dem Areal und aufgrund von Brocken in der Erde draufgegangen. Die Anlage allein habe 20 000 Euro gekostet.

"Es sind vor allem Aussiedlerhöfe, kleine Weiler und abgelegene Häuser, die sich dafür entscheiden", sagt Christian Schulz, der die Anlage in Lich gebaut hat. Auch in Heuchelheim und Gonterskirchen gebe es mittlerweile Pflanzenkläranlagen.

Direkt am eingezäunten Schilfrohrfeld öffnet Schulz einen Gullydeckel. Ein leises Plätschern ist zu hören, unten fließt das geklärte Wasser in Richtung Albach. Mit einer großen Schöpfkelle nimmt Schulz eine Probe und gießt sie in ein Glas. Das Wasser ist klar, es riecht nicht. Dann schüttet Schulz die Probe wieder zurück und schaut hinterher. Unten entstehen für einen Moment Wasserblasen, gleich darauf verschwinden sie wieder. "Würden die Blasen bleiben, wäre das ein schlechtes Zeichen", sagt er. Für eine genauere Untersuchung schickt er die Probe in ein Labor. Zweimal im Jahr muss die Anlage auf diese Weise gewartet werden.

Zwanzig Meter entfernt hebt Schulz drei weitere Gully- deckel an. "Die Vorklärung", sagt er. Unten stinkt es nach Fäkalien, hier landen Abwasser aus Toiletten, Küchen und Waschmaschinen. "Nicht so lecker", räumt Schulz lachend ein. "Aber das ist die Realität."

Der Schlamm setzt sich hier ab, muss alle drei Jahre abgepumpt werden. Das Wasser strömt unterdessen weiter in Richtung Kläranlage und gelangt zum Schilfbeet. "Die Pflanzen ernähren sich von den Stoffen im Abwasser", sagt Schulz. Gleichzeitig leite das Schilf Sauerstoff in den Boden, damit würden Stickstoffverbindungen abgebaut. Auf dem Granulat siedeln sich parallel Mikroorganismen an, es entsteht ein Bakterienrasen. Die Bakterien zersetzen organische Bestandteile im Abwasser. "Das Schilf durchwurzelt außerdem den Untergrund und hält ihn locker."

Die Anlage benötige keine zusätzliche Energie, erklärt Schulz. "Es gibt keine Betriebsteile, die ausfallen könnten." Es gebe einen Nachteil von Pflanzenkläranlagen, gibt er zu. "Sie nehmen Fläche weg." Dann fügt er hinzu: "Im ländlichen Raum ist das aber selten ein Problem." FOTO: SRS

Christian Schulz baut bundesweit rund 30 Pflanzenkläranlagen. 98 Prozent der Haushalte in Hessen sind an das Wasserkanalnetz angeschlossen. Doch es gibt auch im Kreisgebiet einzelne abgelegene Häuser und Höfe, für die derartige Anlagen eine Lösung sind. srs

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