Ist die Corona-Situation eine Belastung oder eine Chance für Beziehungen? SYMBOLFOTO: DPA
+
Ist die Corona-Situation eine Belastung oder eine Chance für Beziehungen? SYMBOLFOTO: DPA

Scheidungs- oder Baby-Boom?

  • vonLena Karber
    schließen

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf Beziehungen aus? Psychologin Irina Ackmann aus Annerod sagt, sie bemerke eine leicht gestiegene Nachfrage nach Paartherapien. Sie wertet das jedoch als positives Zeichen und glaubt eher an einen Babyboom als an eine erhöhte Scheidungsrate.

Frau Ackmann, in China war die Nachfrage nach Scheidungsanwälten nach dem Lockdown sehr hoch. Befürchten Sie, dass etwas Ähnliches auch hierzulande passieren wird?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Meine Erfahrungen weisen zumindest nicht darauf hin. Ich hatte das anders erwartet, bin aber wirklich positiv überrascht.

Was genau haben Sie denn in Ihrer Praxis seit Corona erlebt?

Bei Paarbeziehungen erstaunlicherweise eher Positives. Die Paare, die bei mir waren, sind durch die Corona-Situation wieder näher zusammengerückt. Sie hatten mehr Zeit, um miteinander zu reden und manches miteinander zu klären. Und sie haben generell mehr Zeit miteinander verbracht, was ja in unserer schnelllebigen Leistungsdruckgesellschaft sonst leider oft zu kurz kommt. Von daher haben viele die Situation positiv erlebt.

Sie glauben also eher an den Babyboom?

Ja, genau. Das ist durchaus möglich.

Haben Sie eigentlich Ihre Therapiesitzungen trotz Corona unverändert angeboten oder sind Sie zum Teil auch auf Telefon- oder Onlineberatung ausgewichen?

Da in der Regel nur eine Person im Behandlungszimmer ist - oder maximal zwei aus einem Haushalt - war Therapie vor Ort die ganze Zeit problemlos möglich. Davon abgesehen war die Ausübung hilfegebender Berufe ja sowieso erlaubt. Wenn Leute gesagt haben, dass ihnen das lieber wäre, habe ich auch vereinzelt telefonische Beratung angeboten - allerdings nicht bei Paaren. Die wollten keine Videokonferenzen, sondern waren froh, dass sie kommen konnten. Nicht oft, aber ab und zu gab es auch Absagen aus Angst.

Wurden auch Therapien abgebrochen?

Abgebrochen hat niemand, sondern es sind tatsächlich eher mehr gekommen - obwohl man natürlich nie genau weiß, ob das jetzt wirklich auf Corona zurückzuführen ist oder nicht. Ich denke, dass der Grund eher der war, dass viele jetzt mehr Zeit hatten, um sich mit sich selbst zu beschäftigen und um das Paarproblem endlich einmal anzugehen.

Also hatte die Situation keine negativen Folgen für die Paare, die Ihre Hilfe in Anspruch nehmen?

Für die Zweierbeziehung an sich habe ich das nicht festgestellt. Aber viele Paare haben - auch wenn es sich vielleicht etwas gruselig anhören mag - die Kinder als Belastung empfunden. Dass Kinder jetzt rund um die Uhr betreut werden mussten, war für viele berufstätige Paare sehr stressig.

Beziehungen leben auch von gemeinsamen Unternehmungen und Treffen mit Freunden. Trotz Lockerungen fallen da aktuell viele Möglichkeiten weg.

Da müssen die Paare sich überlegen, wie sie ein bisschen Pepp reinkriegen und tatsächlich einfach mal etwas anderes machen. Etwa ein romantisches Abendessen mit ein paar Kerzen und Musik. Oder man kann zusammen schön spazieren gehen. Man muss eben ein bisschen kreativ sein. Meistens schlafen die guten Vorsätze im Alltag wieder ein, aber es ist wichtig, dass man ein bisschen Abwechslung und Zweisamkeit hat. Das darf nicht zu kurz kommen. Wichtig ist dabei vor allem, miteinander zu reden - nicht immer unbedingt über die Beziehung an sich, sondern auch einfach darüber, was man an dem Tag erlebt hat - Gutes und Schlechtes. Der Austausch ist wichtig.

Wenn man ständig zusammen zu Hause ist, weiß man doch bereits, was der andere gemacht hat.

Ja schon, aber man weiß ja nicht, was der andere dabei so empfunden und wie er die Dinge erlebt hat.

Wie wichtig ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz?

Ich erzähle Ihnen ein Beispiel aus meiner Praxis: Ich habe ein Paar, das gesagt hat, wir hätten es selber nicht gedacht, aber wir werden uns einfach nicht zu viel. Selbst wenn wir spazieren gehen - man konnte die vergangenen Wochen ja gar nichts anderes machen - gehen wir trotzdem zusammen, weil wir überhaupt kein Bedürfnis nach Abstand haben. Was ich damit sagen will: Wie viel Abstand jemand braucht, das ist individuell völlig unterschiedlich. Wer das Bedürfnis verspürt, mal für sich zu sein, kann sich diesen Abstand ja auch mal gönnen und sagen: Du, weißt du was? Ich gehe jetzt eine halbe Stunde an die Luft, ich muss mal für mich sein. Das geht.

Wenn beide Partner im Homeoffice arbeiten, sind die Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen, allerdings beschränkt.

Bei den Paaren, die bei mir waren, habe ich das nicht als Problem erlebt. Meistens war es eher so, dass einer im Homeoffice war und der andere normal arbeiten gegangen ist. Wenn beide im Homeoffice sind, mag es sein, dass sie sich wirklich irgendwann auf den Keks gehen. Sollte sich daraus ein ernsthafter Konflikt entwickeln, kann ich Paaren nur raten, zur Paartherapie zu gehen.

Andersherum gibt es auch Paare mit Kindern, die sich getrennt haben und Familien, die nicht mehr zusammenleben. Wie haben diese die Corona-Situation erlebt?

Die meisten haben Wege gefunden, sich trotzdem zu sehen oder Kontakt zu halten. Schwierig war es oft, wenn es um Geburtstage oder Feiertage ging, die man normalerweise gemeinsam verbringt. Dass das nicht ging, wenn die Personen nicht im gleichen Haushalt gelebt haben, war eher ein Problem. Doch viele haben sich entweder mit Abstand getroffen oder Videokonferenzen gemacht. Eine Familie mit erwachsenen Kindern hat sogar gemeinsam online gekocht und hatte einen Heidenspaß. Das ging prima.

Singles haben es aktuell schwerer, jemanden kennenzulernen. Zudem leiden Alleinstehende oft generell stärker unter den Kontaktbeschränkungen. Merken Sie das in Ihrer Praxis?

Das stimmt, Alleinstehende haben es aktuell schwerer. Mich hat zwar niemand wegen extremer Einsamkeit kontaktiert, aber letztlich bleibt da nichts anderes als die virtuelle Welt. Da helfen im Prinzip wirklich nur Kontakte über das Internet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare