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Der Schatz von Rodheim-Bieber

  • Rüdiger Soßdorf
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650 Mitglieder - das ist eine Hausnummer für einen Verein in einer ländlichen Gemeinde, der sich der Denkmalpflege verschrieben hat. Damit ist der Freundeskreis Gail’scher Park einer der größten seiner Art zwischen Flensburg und Garmisch.

Wenn ich damals geahnt hätte, was auf mich zukommt …", seufzt Norbert Kerl mit einem Lächeln. "… dann hättest Du es trotzdem gemacht", vollendet Susanne Weber den Satz des Biebertaler Landschaftsarchitekten. Die beiden engagieren sich im wahrsten Sinnes des Wortes mit Leib und Seele für den Gail’schen Park. Und das seit zwei Jahrzehnten.

Bis vor 20 Jahren war das Tor in der hohen Mauer für die meisten Biebertaler verschlossen: Die Gail’sche Villa im Park am Rande von Rodheim lag im Dornröschenschlaf. Der Besitzer, Dr. Michael Rumpf-Gail, lebte zumeist in Südamerika, schaute ein- oder zweimal im Jahr vorbei, wenn er seinen Vater in der Schweiz oder seine Kinder im Internat besuchte. Ansonsten hielt Hausmeister Joaquin Sobreira mit seiner Frau Villa und Park in Ordnung.

Kaum jemand ahnte, welches Kleinod sich hinter der hohen Mauer verbarg: Ein englischer Landschaftsgarten von ungeahnter Schönheit. Im 19. Jahrhundert hatte ihn der Industrielle Wilhelm Gail für seine Frau Minna anlegen lassen.

Dass der Park erhalten und bis heute der Öffentlichkeit zugänglich ist, das ist dem Freundeskreis Gail’scher Park zu verdanken. "Und einem unglaublichen Zufall, wie sich alles gefügt hat", blickt Vorsitzender Kerl gemeinsam mit Vorstandskollegin Weber auf die Zeit Ende der 1990er Jahre zurück. Damals waren Kerl sowie Architekt Roland Keller von Bürgermeister Günter Leicht gebeten worden, Ideenskizzen für eine neue Ortsmitte am Schindwasen zu fertigen. Dort hatte die Gemeinde die ehemalige Zigarrenfabrik, das Schindwasenareal und eine ehemalige Gärtnerei erworben. Der Besitzer des angrenzenden Parks, jener Dr. Rumpf-Gail, hatte ebenfalls Pläne: Er wollte eigentlich den Park parzellieren und als exklusives Wohnbauland vermarkten. Doch als die Architekten sahen, welcher Schatz sich hinter der Mauer verbarg, da war ihnen klar: Hier muss etwas passieren.

Ensemble unter Denkmalschutz

Prof. Modrow, damals Leiter de staatlichen Schlösser und Gärten in Hessen, wurde zurate gezogen. Er besichtigte den Park, und binnen weniger Wochen war das Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. Rumpf-Gail trug es laut Kerl mit Fassung, waren doch Rathaus und Freundeskreis sehr darum bemüht, eine zukunftsfähige Lösung zu finden, die auch für ihn gangbar war.

Und die sah folgendermaßen aus: Die Gemeinde kaufte das gesamte Ensemble, die Unternehmensgruppe Schunk pachtet es für zehn Jahre, und der Pachtzins war so hoch, dass die Finanzierung für die Gemeinde dadurch gesichert war. Schunk nutzte die Villa für repräsentative Zwecke und hatte einen Teil des Controllings dort untergebracht. Außerdem sorgte das Unternehmen für die Instandhaltung des Parkes. Der junge Freundeskreis half tüchtig mit, die Anlage zu erhalten und zu sanieren. Im Gegenzug darf der Park am Wochenende für Besucher geöffnet werden, es dürfen Veranstaltungen stattfinden. Seien es die Mitsommerfeste, seien es Konzerte oder Tanzvorführungen auf der Insel im Teich. Legendär auch die "Gail’sche Tafelrunde" Eine exquisite Veranstaltung für 130 bis 140 Gäste, die einen Sommerabend lang kulinarische Spezialitäten und Kunst im Park genossen.

Mittlerweile hat sich Schunk zurückgezogen und die Gemeinde hat Villa und Park an den Unternehmer Dr. Wolfgang Lust verkauft, der das Anwesen auch bewohnt. Doch das dermaleinst getroffene Arrangement gilt nahezu unverändert bis heute. "Wir haben das große Glück, mit Wolfgang Lust einen Besitzer und Partner gefunden zu haben, der den Vertrag gut fortführt", sagt Kerl.

Der nimmermüde Freundeskreis hat mit viel Hilfe und Unterstützung der Eigentümer, der Gemeinde und weiterer Förderer ganz viel bewegt: Das Uhrentürmchen wurde saniert, das Spielhaus, das Bienenhaus, der Tennisplatz. Das Schweizer Haus wird heute als Standesamt genutzt. "Seit Wolfgang Lust hier lebt, haben die Sanierungen einen richtigen Schub bekommen", freuen sich Kerl und Weber. Auch 20 Jahre nach Gründung des Freundeskreises und Öffnung des Parkes stehen weitere Aufgaben an: So ist für das kommende Jahr die Sanierung des Eishauses am Teich geplant. Und auch der Weinberg wird fertig angelegt.

Wie aber kam es zu den rund 650 Mitgliedern? Kerl scheute sich nicht, immer und überall die Werbetrommel für den Freundeskreis und dessen Wirken zu rühren und nach Unterstützung zu fragen. "Ich will nicht Deine Arbeitskraft, ich will Dein Geld", habe er etwa zu einem Bekannten gesagt, der zunächst noch zögerte, dem Freundeskreis beizutreten. Kerl erinnert sich schmunzelnd an diese Episode. Weitere Aufgabe, der sich der Freundeskreis stellen will: Junge Menschen zu finden, die sich engagieren, um das Werk fortzuführen.

Der Gail’sche Park wird seit 20 Jahren vom Freundeskreis betreut. Die Anlage gehört mittlerweile Familie Lust, die auch die Villa bewohnt. Gleichwohl ist der Park regelmäßig geöffnet und dient Kulturveranstaltungen als herrliche Bühne - wie etwa bis 2014 den legendären "Tafelrunden". FOTOS: ARCHIV

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