tb_max_060321_4c
+
»Hausarrest«: Rund 1000 Legehennen werden in diesem mobilen Stall des Lumdaer Bio-Landwirts Edwin Theiß gehalten. Wegen der Gefahr einer Infizierung mit der Geflügelpest hat der Kreis eine sogenannte Aufstallpflicht verfügt. - Links: Lichtblick beim morgendlichen Einsammeln der Eier.

Schatten über dem Hühnerparadies

Aufstallpflicht im Kreis Gießen: Geflügelpest-Gefahr durch Zugvögel erhöht

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
    schließen

Vor vier Wochen bereits zogen die ersten Kraniche über Grünberg hinweg. Sie sind willkommene Vorboten des Frühlings, können jedoch auch die Geflügelpest übertragen.

Vor vier Wochen bereits zogen die ersten Kraniche über Grünberg hinweg. Willkommene Vorboten des Frühlings. Für den Lumdaer Landwirt Edwin Theiß, der rund 3250 Legehennen hält, aber ein Grund zur Sorge. Weiß er doch um die Gefahr der Geflügelpest, die schon im Dezember den Vogelsberg erreicht hatte. Dass der Kreis Gießen erst am 21. Februar eine »Aufstallpflicht« erließ, trifft bei Theiß auf Unverständnis.

Kreis Gießen: Geflügelpest-Risiko für Hausgeflügel durch Vogelzug erhöht

In Freiensteinau im Vogelsbergkreis, gerade mal 36 Kilometer Luftlinie von Lumda entfernt, verendeten im Dezember sieben Höckerschwäne. Mitte Januar dann 19 Pfauen. Alle Tiere starben an der Geflügelpest, auch Vogelgrippe genannt, verursacht von dem hochpathogenen Virus vom Typ H5N. Laut Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) - eine Bundesbehörde zur Erforschung der Tiergesundheit - wurde der Erreger bei toten wie klinisch gesunden Vögeln nachgewiesen. Und: Aufgrund von Meldungen aus Süddeutschland und Südeuropa sei mit weiteren Fällen zu rechnen.

Das Risiko der Übertragung auf Hausgeflügel auch im Kreis Gießen ist aktuell wegen des Vogelzugs erhöht. Schneeschmelze und Regen haben Pfützen oder kleinere Seen in Geländesenken entstehen lassen - und locken Kraniche, Reiher und Gänse zum Verweilen. Die Behörden sprechen hier von »Staunässe«. Befinden sie sich in der Nähe von Geflügelhaltungen, steigt die Gefahr der Ansteckung.

Auf den Wiesen rund um Lumda gibt es sieben mobile »Hühnerparadiese«. Da regelmäßig versetzt, haben die Tiere stets frisches Grün vorm Schnabel. 3250 Legehennen erfüllen hier ihren Lebenszweck, legen idealerweise täglich ein Ei, möglichst in der Größe L wie Large. Herr über die »Paradiese« ist Edwin Theiß. Als kürzlich Kraniche, Nilgänse und Wildenten auftauchten, hatte er von sich aus bei der Veterinärbehörde angefragt. Wissend um die Geflügelpest im nahen Vogelsberg und die Wasserflächen rund ums Dorf. Um zunächst zu hören: »Uns liegt nichts vor.« Eine Aufstallpflicht gebe es nicht. Diese habe der Kreis erst einige Tage später erlassen, ohne aber, wie es Theiß erwartet hätte, die im Amt ja bekannten Halter zu informieren. »Auf meine Nachfrage hieß es: Schauen Sie bitte ins Internet.«

Geflügelpest: Aufstallpflicht für Hausgeflügel im Kreis Gießen

Am 21. Februar also ordnete der Kreis - »befristet bis zum Ende des Vogelzugs, voraussichtlich im Mai« - die Aufstallpflicht für Hausgeflügel an. Finden sich im Radius von 500 Metern rund um Außenställe oder Auslaufflächen Wasserflächen, heißt es für jegliches domestiziertes Federvieh: »Wir müssen drinnen bleiben!« Steht kein Stall zur Verfügung, ist die Kontaktsperre zur wilden Verwandtschaft mit Netzen sicherzustellen. Überdies haben Halter dafür Sorge zu tragen, dass es zu keiner indirekten Virusübertragung über kontaminiertes Futter, Wasser oder Einstreu kommt.

Dass der Lumdaer in Sachen Geflügelpest sensibilisiert ist, hat vor allem zwei Gründe. Der erste: Sein Bauernhof arbeitet nach Richtlinien des Anbauverbandes »Bioland«. Für seine Hennen heißt dies: Freilandhaltung, und zwar von 10 Uhr bis Sonnenuntergang. Der zweite hat mit einer unguten Erfahrung zu tun: Vor ein paar Jahren hatte er - wegen einer auf der Weide kalbenden Kuh verhindert - die Hennen nicht pünktlich rauslassen können. Ausgerechnet an diesem Tag stand der Bioland-Kontrolleur vor der Tür und erteilte eine »Abmahnung«. Nachvollziehbar ist daher sein gesteigertes Interesse an einer offiziellen Aufstall-Verfügung.

Aufstallpflicht für Hausgeflügel im Kreis Gießen: Stress für die Hennen

Wie Theiß anfügt, ist der Freilauf nur eine von vielen Voraussetzungen fürs begehrte Bio-Siegel. Erwähnt sei hier nurmehr die Verwendung biologisch-dynamisch erzeugten Futters, ausreichend Scharrraum auf dem Boden, maximal sechs Tiere je Quadratmeter im Stall, im Freien vier Quadratmeter für jedes Tier.

»Hennen sind Gewohnheitstiere, jede Umstellung bedeutet für sie Stress«, merkt der Lumdaer am Ende an. Als nun der gewohnte Auslauf fehlte, und auch noch die Sonne ins »Hühnerparadies« schien, dunkelten Theiß und seine Helfer schnell die Ställe ab, um so Verhaltensauffälligkeiten zu vermeiden. Wie das sogenannte Pulken, bei dem sich bis zu 100 Tieren auf einen Haufen werfen und bei dem die untersten verenden.

Um solche Ausfälle, auch Federpicken und Kannibalismus gehören dazu, zu vermeiden, sorgen Theiß und seine Mitarbeiter für Beschäftigungsangebote. Etwa mit hühnergerechtem Spielzeug oder Einstreu von Weizenkörnern viermal täglich. Nicht zu vermeiden aber ist der wirtschaftliche Verlust infolge der stressigen Umstellung: Zumindest in den ersten Tagen nach der Einstallung sinkt die Legeleistung. Danach aber legen sie wieder wie zuvor - auch Hühner sind halt Gewohnheitstiere.

tb_witwe_060321_4c_1

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare