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Im Schatten der Männer?

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In der katholischen Kirche spielt die Frau kaum eine Rolle, wird sie in der Bibel erwähnt, dann meist als Mutter - für 2020 nicht gerade fortschrittlich. Doch das soll sich ändern. Bereits im vergangenen Jahr initiierte Claudia Spieler in Wißmar die Aktion "Maria 2.0". Im Mai soll das Projekt fortgesetzt werden.

Die katholische Kirche geht durch eine schwere Zeit. Ihr fehlt der Nachwuchs, und die, denen die Kirche etwas bedeutet, können sich oft nicht mehr mit ihr identifizieren. Vor allem die Stellung der Frau spielt dabei eine große Rolle. In der Aktion "Maria 2.0" haben sich schon im vergangenen Jahr Frauen zusammengetan, um gemeinsam in den Streik zu treten. Im Mai soll sich die Aktion wiederholen - wenn die Kirchenbänke dann aufgrund der Coronakrise nicht sowieso leer bleiben. Claudia Spieler ist Vorstandsmitglied des Pfarrgemeinderats St. Anna Biebertal. Sie erzählt, was in diesem Jahr noch auf die Frauen der Gemeinde zukommt.

Frau Spieler, in ganz Deutschland traten Frauen vor einem Jahr unter der Aktion "Maria 2.0" in den Streik. Hatte der Protest die gewünschte Wirkung?

Das Thema rund um die Rolle der Frau in der katholischen Kirche ist seitdem definitiv mehr in den Fokus der Gesellschaft gerückt. Durch die Aktion und unsere Stimme wurde es letztlich Schwerpunkt im "Synodalen Weg" (Gesprächsformat für eine strukturierte Debatte innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland, die Red.). Ich denke, wir haben einige Menschen zum Nachdenken angeregt - das ist der erste Schritt der Veränderung.

Was wäre der letzte Schritt?

Wir wollen die Frau nicht über den Mann stellen, auch das wäre absurd. Aber das übergeordnete Ziel ist die totale Gleichberechtigung und Gleichstellung auf allen Ebenen. Etwas anderes kann man in der heutigen Gesellschaft nicht mehr vertreten. Außerdem entspricht es den christlichen Werten. Auch der Gedanke an eine Päpstin sollte irgendwann niemandem mehr komisch vorkommen.

Stichwort Papst: Dieser hat sich zuletzt nicht gerade für ein verändertes Frauenbild in der Kirche stark gemacht. Wie erklären Sie sich das?

Unsere heutige Gesellschaft entstand aus patriarchalischen Strukturen. Wir haben uns weiterentwickelt, aber die katholische Kirche ist irgendwie steckengeblieben. Ich denke, dass das auch damit zusammenhängt, dass es sich um eine Weltkirche handelt, die auch in Gesellschaften hineinwirkt, die heute immer noch in solchen Strukturen leben.

Ist das nicht frustrierend?

Naja, schon. Was der Papst sagt, ist nun erst einmal Gesetz. Die katholische Kirche ist ein komplexes Gebilde. Kein wendiges, kleines Segelboot, sondern eher ein schwerfälliger Kahn. Selbst wenn man ihn bremst, fährt er noch eine Weile weiter. Aber wir haben gesehen, dass das Thema "Stellung der Frau in der katholischen Kirche" in der Gesellschaft auf großes Interesse stößt und das motiviert natürlich. Uns Frauen war von Anfang an klar, dass uns das Thema länger beschäftigen wird. Es gilt nun vor allem, das Thema am Leben zu halten und voranzutreiben.

Sie kämpfen gegen einen mächtigen Gegner. Haben Sie schon einmal ans Aufgeben gedacht?

Nein, kaum einmal. Ich vergleiche Kirche gerne mit Familie. Auch dort versteht man sich nicht immer mit allen gut oder kommt mit allen Ansichten zurecht, aber man bricht deshalb nicht gleich mit diesen Personen. Viel mehr arrangiert man sich um des Friedens willen mit manchem. So ist das auch in der Kirche. Die Tradition kann heute keine Entschuldigung mehr dafür sein, die Hälfte der Bevölkerung auszuklammern. Das ist absurd. Ich möchte Veränderung, und die erreiche ich nur von innen heraus.

Was, wenn es keine Veränderung gibt? Ist die Kirche dann noch zu retten?

Es liegt nicht an der Frau, die Kirche zu retten - diese Verantwortung sollte uns nicht auferlegt werden. Die Frauenfrage und der Rückgang der Mitgliederzahl in den christlichen Kirchen sind zwei unterschiedliche Problemstellungen. Uns geht es zunächst um die Gleichberechtigung und darum, Machtstrukturen in der katholischen Kirche zu ändern. Wenn das dafür sorgen sollte, dass die Kirche mehr Zulauf erfährt, wäre das natürlich ein positiver Nebeneffekt.

Mal angenommen, Frauen hätten ihre tragende Rolle in der Kirche behalten. Würde sie heute anders aussehen?

Ich denke schon. Zum einen hätten Themen wie Verhütung sicher einen anderen Ausgang gehabt. Auch der Zölibat wäre dann vielleicht hinfällig geworden. Zum anderen glaube ich aber, dass der Führungsstil anders wäre. Frauen, die Erfahrung habe ich zumindest in meinem Beruf gemacht, sind tendenziell bessere Teamplayer. Sie gestalten Führungspositionen anders, sind offener für Innovationen, sie sind kooperationsbereiter, kommunizieren oft klarer.

Warum haben sich Frauen dann nicht schon eher gegen das Patriarchat aufgelehnt?

Das haben sie! Es gibt schon lange und immer wieder die Forderung, Frauen in Kirche anders einzubeziehen. Dass das Thema auf der anderen Seite immer wieder aus dem Fokus gerät, hängt, denke ich, mit mehreren Faktoren zusammen. Zum einen mit der Angst, allein dazustehen und nichts ausrichten zu können. Zum anderen ist Kirche nicht alles - wir haben ja noch ein anderes Leben. Fühlen wir uns in und mit der Kirche fremd, dann schließen wir sie aus unserem Leben aus und damit verschwindet auch die Problematik und das Interesse dafür.

Weniger Nachwuchs, und dann werden auch noch die vergrault, denen die Kirche etwas bedeutet. Wo führt das hin?

Ich denke, ohne Kirche schwindet die Nächstenliebe nach und nach. Das ist zwar ein altmodischer Begriff, aber darum geht es doch. Sich für die Schwächeren einsetzten. Hinsehen, wenn andere wegsehen. Für eine Sache einstehen, wenn andere schweigen. Zivilcourage eben. Die Gesellschaft ist dabei, immer mehr eine Ellenbogenmentalität anzunehmen. Sozial sind häufig nur noch die entsprechenden Einrichtungen und die sind oft kirchlich.

Könnte sich gerade im Bezug auf das Soziale die Rolle der Kirche in Zeiten der Coronakrise ändern?

Kirche muss als Teil der Gesellschaft wie alle anderen Institutionen reagieren. Unsere Gottesdienste und Veranstaltungen wurden bis auf Weiteres abgesagt. Vor allem für alte, allein lebende Menschen können Angst und der fehlende persönliche Kontakt jetzt zu einer großen Belastung werden - der Glaube aber Mut und Zuversicht. Gläubige Menschen werden versuchen, sich in dieser besonderen Situation achtsam, umsichtig und solidarisch zu verhalten und im Rahmen ihrer Möglichkeiten anderen zu helfen.

Das heißt, Kirche kann nach wie vor eine große Rolle spielen?

Sie sollte es, finde ich. Aber es muss definiert werden, was Kirche überhaupt bedeutet: Nicht der Papst ist für mich die Kirche, und an Gott glauben kann ich auch ohne die Institution. Aber unsere westliche Gesellschaft fußt auf christlichen Werten - und dafür steht die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden ein. Wenn es die Kirche nicht mehr gibt, weiß ich nicht, wer diese Lücke füllen sollte, wer diese Werte dann noch mit Nachdruck vertritt.

Bei "Maria 2.0" geht es also doch nicht nur um die Rolle der Frau?

Es geht tatsächlich um mehr, nämlich darum, dass Kirche und Gesellschaft nicht mehr zusammenpassen, wie die Rolle der Frau deutlich zeigt. Wenn die Kirche überleben soll, brauchen wir eine bessere Passung. Die Menschen sind heute aufgeklärt und gut vernetzt. Die Kirche muss da schauen, wie sie glaubhaft bleibt und ihren Platz behält. Ursprünglich war "Maria 2.0" eine Reaktion auf die Missbrauchsfälle und das zögerlichen Agieren der Kirche bei der Aufklärung. Eine Studie hat 2018 den Zusammenhang zwischen Missbrauch und den kirchlichen Machtstrukturen sowie dem Pflichtzölibat nahegelegt. All diese Themen liegen vielen Katholikinnen und Katholiken am Herzen. Ich denke, dass im Mai wieder viele Frauen und auch Männer an den Aktionen teilnehmen werden. FOTO: DPA/KGE

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