Schadensersatz für tote Dorothy?

  • Guido Tamme
    vonGuido Tamme
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Gießen/Grünberg(ta). Eigentlich hatte eine Hobbyzüchterin Anfang 2018 eine knapp vierjährige Stute verkaufen wollen. Doch dazu kam es nicht, denn wenige Stunden nach der routinemäßigen Untersuchung ihres Gesundheitszustandes lag Dorothy tot im Stall. Grund: Eine Tierärztin hatte beim Sedieren mittels Spritze nicht nur die Vene getroffen, sondern auch die Arterie dahinter. Das Pferd war dadurch innerlich verblutet. Deshalb hat die Eigentümerin die Tierarztpraxis auf 20 000 Euro Schadensersatz verklagt.

Die Grünbergerin begründet dieses Verlangen damit, dass die Sedierung nicht notwendig gewesen sei, dass ihre Eltern, die die Stute zur Verkaufsuntersuchung in die Praxis gebracht hatten, zuvor nicht über das Risiko des Eingriffs aufgeklärt worden seien und dass es sich beim Durchstich der Vene mit der Punktion der Arterie um einen Behandlungsfehler gehandelt habe.

Die Todesursache selbst ist unbestritten und die Nichtaufklärung wird von den Beklagten eingeräumt. Deshalb ging es bei der mündlichen Verhandlung im Gießener Landgericht unter Vorsitz von Dr. Rüdiger Nierwetberg vor allem um die Vorgeschichte und den Ablauf des vierstündigen Aufenthalts in der heimischen Praxis.

Einer der beklagten Tierärzte schilderte, die Stute sei bei den Untersuchungen "widersetzlich" gewesen. Weil der Vater der Züchterin das Pferd nicht ruhig habe halten können, habe seine Kollegin es vor der langwierigen Röntgenuntersuchung mit einer Dosis Domosedan in die linke Halsvene sediert.

Die Röntgenaufnahmen zogen sich lange hin, weil der Tierarzt zwischendurch immer wieder Telefonate führte. Als Dorothy deshalb später wieder unruhiger wurde, habe er sie an der rechten Halsvene nachsediert. Als das Pferd nach vier Stunden in der Praxis wieder nach Hauses gefahren wurde, sei es munter gewesen.

Auf Vorhalt des Richters, warum nicht ein anderer Versuch zur Beruhigung des Pferdes erwogen wurde, versicherte der Beklagte, er habe die Stute schon seit ihrer Geburt gekannt. Bei Besuchen des Hufschmieds bei der Züchterin daheim habe er sie "schon öfter sediert".

Die Alternative Nasenbremse - sie löst das Ausschütten eines körpereigenen Beruhigungsmittels aus - habe er zuvor erfolglos ausprobiert.

Der Anwalt der Beklagten hatte in der Klageerwiderung außerdem dargestellt, die Mutter der Züchterin sei in der Praxis gefragt worden, ob die Stute sediert werden oder ob man noch abwarten soll. Sie habe daraufhin für einen sofortigen Eingriff plädiert. Diese Behauptung wurde nun vor Gericht zurückgenommen: Er habe sie irrtümlich der Versicherungsakte entnommen, erläuterte der Rechtsanwalt.

Keine gütliche Einigung

Der Vater der Klägerin versicherte, Dorothy sei in der Praxis nicht sonderlich unruhig gewesen, sondern nur "neugierig". Deshalb habe er sie während der Untersuchungen problemlos an der Leine halten und mit der anderen Hand ihren Kopf tätscheln können. Insofern sei er überrascht gewesen, als die Ärztin plötzlich die Sedierungsspritze angesetzt habe. Vom möglichen Einsatz einer Nasenbremse sei zuvor keine Rede gewesen.

Bei den regelmäßigen Besuchen des Hufschmieds habe die von diesem angelegte Nassenbremse wiederholt gewirkt, erinnerte sich der Zeuge weiter. Manchmal sei aber auch gespritzt worden.

Da keine gütliche Einigung möglich war, wird das Gericht nun einen Gutachter einschalten. Der soll erklären, ob die Sedierung mittels Domosedan erforderlich war und ob es sich bei dem Durchstich um einen Behandlungsfehler handelte.

Beim nächsten Termin soll außerdem der Hufschmied zur Frage der Wirksamkeit der Nasenbremse bei Dorothy angehört werden.

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