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Schaaf plus Eintracht gleich Spektakel

Das Ticket für die wilde Fahrt am Main löste Thomas Schaaf irgendwann im Mai, am 21. jenes Monats wurde seine Verpflichtung als neuer Trainer der Eintracht verkündet. Diese rasante Reise nahm Schaaf komplett ein und schüttelte ihn einmal kräftig durch. "Dieses Halbjahr ist für mich unfassbar. Irre!" Ein Rückblick.

In vier Etappen lässt sich die Bundesliga-Hinrunde der Frankfurter Eintracht aufteilen – wie ein Rennwagen raste die Eintracht hindurch. Erst mit stotterndem Motor, später mit Vollgas. Die Umbaumaßnahmen, die der neue Konstrukteur Schaaf am Frankfurter Boliden vornahm, griffen zunächst nicht. Man spürte förmlich, wie sich alles gegen das Herausnehmen alter und Einsetzen neuer Teile sträubte. Die Eintracht drohte liegen zu bleiben. Dann aber folgte die Umkehr. Die Einsicht kam, dass Altbewährtes für diesen Boliden besser passt – die Hessen beschleunigten wieder. In diesem Zustand braucht man die zweite Hälfte der Strecke nicht zu fürchten – sie ist nun keine Gefahr mehr , sondern eine Chance.

Abstimmungsprobleme: Schaaf ließ kein Bestandsteil an seinem alten Platz, hinterfragte Toptorjäger Alex Meier, setzte ihn zunächst auf die Bank. Im Nachhinein kaum zu glauben, Meier ist mit seinen 13 Toren die herausragende Figur im Frankfurter Spiel. Statt auf das bisher gewohnte Pressing mit ungezügeltem Blick nach vorne zu setzen, baute er auf gezügelten Fußball, auf Umschaltspiel.

Schaafs Überlegung, den Umbruch durch eine stabile Defensive und eine abwartendere Haltung zu dämpfen, bewirkten allerdings das Gegenteil. Sie nahmen der Mannschaft jegliche Sicherheit. Denn das war nicht ihr Spiel. Die Ergebnisse stimmten zunächst. Nach sieben Spielen hatte die Eintracht zwölf Zähler. Spielerisch herrschte allerdings schon dort eine frappierende Armut, nur selten wurden ansehnliche Spielzüge vorgetragen. Es war mächtig Sand im Getriebe. Das spiegelte sich ab dem 8. Spieltag, der Niederlage in Paderborn, dann auch im Ergebnis wider.

Der Motor stotterte: Es entwickelte sich eine gefährliche Situation, denn das Spektakel, wie beim 4:5 gegen Stuttgart, übertünchte die fehlende Struktur im Spiel. Die Krise gipfelte in der vierten Niederlage in Serie in Hannover. Schaaf verwunderte mit Personalrochaden (Kittel und Kinsombi von Beginn an), nichts ging mehr. So, das war jedem klar, wird die Eintracht liegen bleiben, überrundet. Führungspersönlichkeiten drückten die Dauerhupe, Marco Russ bemängelte: "Wir haben keine Strategie im Spiel nach vorne.

" Erschwerend kam hinzu, dass wichtige Bestandteile lange ausfielen (allen voran Carlos Zambrano und Kevin Trapp). Verlassen konnte man sich neben Meier stets auf Neuzugang Haris Seferovic (sieben Treffer, fünf Torvorlagen). Alleine konnten es die zwei aber auch nicht richten. Vor der Brust standen drei Knaller: Bayern, Gladbach, Dortmund. Jedem schwante Böses, auch Stefan Aigner wusste: "Ja, es wird ganz schwer."

Zurück zum Vollgas: Und dann gelang der Eintracht etwas, was ihr kaum jemand zugetraut hatte. Vor dem Bayern-Spiel kam es zwischen Mannschaft und Trainer zur nebulösen Aussprache. Die Elf offenbarte dem Trainer, dass man es vielleicht doch besser mit der alten Strategie, mehr Mut und Offensive, versuchen solle. "Wir können nicht abwarten, das geht nicht, das können wir nicht", gab Bamba Anderson unlängst zu. Schaaf löste die Bremse, baute ein, zwei alte Teile in den Frankfurter Rennwagen ein – und schon schnurrte er wie ein Kätzchen. Die Eintracht brachte ihre PS auf die Straße, drückte das Gaspedal durch: 3:1 in Gladbach, 2:0 gegen Dortmund, 5:2 gegen Bremen.

Die Eintracht rockt, Torbilanz: 34:34. Denn der wahre Eintracht-Bolide hat nur ein ABS: Das alternativlose Beschleunigungs-System. In dieser Verfassung, mit dieser Herangehensweise, mit der sich alle Spieler identifizieren, müssen sich die Frankfurter vor kaum jemandem verstecken. Um es mit Schaafs Worten zu sagen: Auf dem Nummernschild steht nun kein Fragezeichen mehr, sondern ein Ausrufezeichen. Alle kennen die Richtung.

Die Hälfte der Strecke wartet noch: Wenn der Eintracht-Wagen wieder voll ausgestattet ist, kann es abgehen. Natürlich werden einige schneller sein. Aber Schaaf versichert: "Die Mannschaft ist hungrig." Und Bastian Oczipka sagt: "Wenn wir unseren guten Weg weiterführen und noch an ein paar Stellschrauben drehen, können wir in der Rückrunde eine richtig gute Rolle spielen." Die Eintracht-Entourage befindet sich bereits im Winterurlaub. Er ist verdient – und allemal notwendig. Denn wilder hätte diese Halbserie kaum verlaufen können. Sven Nordmann

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