Liebe, Krieg und Landschaft

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Raues Meer. Eine wildromantische Küste. Geduckte Häuser aus grauem Granit und Gärten voller Hortensien. Die Bretagne ist eine Sehnsuchtslandschaft. Hier hat die Wetzlarer Autorin Natascha N. Hoefer ihren Roman angesiedelt. "Woanders – Am Ende der Welt" erzählt von Liebe, Krieg, Widerstand und lang verdrängten Familiengeheimnissen.

Love and Landscape – so heißen die federleichten Romane, mit denen man sich aus der Realität fortträumen kann. Die Meisterin dieses Genres, Rosamunde Pilcher, ist mit ihren Büchern reich und berühmt geworden. Einen Love and Landscape-Roman wollte ursprünglich auch Natascha Hoefer schreiben. Gemeinsam mit einem Freund nahm sie vor einigen Jahren dieses Projekt in Angriff. Die Koproduktion verlief zwar im Sande, aber die Literaturwissenschaftlerin aus Wetzlar machte alleine weiter. Seit Ende 2017 liegt das Ergebnis vor. "Woanders – Am Ende der Welt" erzählt auf mehr als 500 Seiten von Liebe in Zeiten des Kriegs und des Friedens. Den Schauplatz, die Halbinsel Crozon ganz im Westen Frankreichs, hat die Autorin nicht von ungefähr gewählt. Die Tochter eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter hat von klein auf alle Ferien bei den Großeltern in der Bretagne verbracht. Finistère heißt die Gegend, zu Deutsch: Ende der Welt.

Endlich Zeit für einen Roman

Beruflich ist die 43-Jährige schon immer mehrgleisig gefahren. In Gießen hat sie ein Doppelstudium absolviert. Sie hat das Staatsexamen fürs Lehramt abgelegt, in Literaturwissenschaft promoviert, einige Jahre wissenschaftlich gearbeitet, aber auch unterrichtet, unter anderem an der Gesamtschule Hungen. Aktuell ist sie Lehrerin in Wetzlar. Hoefer hat aber auch schon immer geschrieben, zwei Sachbücher, Gedichte und Kurzgeschichten veröffentlicht. Für einen dicken Roman aber fehlte die Zeit. Die Chance dafür kam 2015 in Gestalt einer mehrmonatigen beruflichen Pause. Damals knöpfte sich die Wetzlarerin die Fragmente und die Materialsammlung vom liegen gebliebenen Love and Landscape-Roman noch einmal vor. "Die Idee fand ich gut und einige Passagen klasse", erzählt sie. So hat sie den Faden wieder aufgenommen und sich hineingesponnen in die Geschichte des deutschen Architekten Florian und der französischen Tierärztin Marie. Florian, der vor den Trümmern seiner Ehe steht, sucht Abstand im Ferienhaus eines Freundes in der Bretagne. Das erste Treffen mit seiner Nachbarin Marie verläuft wenig vielversprechend. Die misstraut dem fremden Deutschen und seinem großen Interesse für alte Wehrmachtsbunker. Dass Florian auf den Spuren seiner Großmutter wandelt, die während des Zweiten Weltkriegs als Funkhelferin auf Crozon eingesetzt war, weiß sie nicht. Wie viel die beiden jungen Leute verbindet, enthüllt der Roman erst nach und nach. Um den Geheimnissen ihrer Großeltern auf die Spur zu kommen, müssen Florian und Marie tief in die Geschichte der Bretagne eintauchen.

"Woanders – Am Ende der Welt" spielt auf mehreren Zeitebenen und wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. An Fantasie mangelt es der Autorin nicht. Während der halbjährigen Schreibphase habe sie sich immer tiefer in ihre Romanwelten hineingedacht, sagt sie. Einen Plot-Plan oder ein Story-Board brauchte sie nicht. "Ich war in einem Flow. Die Handlung hat sich wie von selbst ergeben." Trotzdem hat es die Autorin geschafft, die vielen losen Fäden ihrer Handlung wieder zusammenzuknüpfen. Man darf sich auf Überraschungen gefasst machen. Zum Beispiel, dass das allerletzte Kapitel am Heuchelheimer See spielt. Für einen Bretagne-Roman doch eher ungewöhnlich.

Natascha Hoefer hat auch persönlich viel von der Arbeit profitiert. Sie hat die ihr so vertraute Bretagne im Zuge ihrer Recherchen noch viel intensiver kennengelernt. Und sie hat lange Gespräche mit ihrem mittlerweile verstorbenen "papy", dem französischen Opa, über die Kriegsjahre geführt. "Von sich aus hat er nie viel erzählt. Ich musste immer nachfragen." Einiges von dieser Großvater-Enkelin-Beziehung ist auch in den Roman eingeflossen. "Diese Passagen lese ich immer wieder gerne", sagt Hoefer, die sich auch wissenschaftlich mit Erinnerungskultur beschäftigt hat. "Wenn sich Familiengeschichten so auffalten, dann finde ich das faszinierend."

Natascha N. Hoefer, Woanders – Am Ende der Welt, Spurbuchverlag, 523 Seiten, 18,60 Euro, ISBN 978-3-88778-522-2

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