Die Angeklagten und ihre Anwälte beim Prozessauftakt.
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Die Angeklagten und ihre Anwälte beim Prozessauftakt.

Landgericht

Rohrreinigung als Betrugsmasche? Geschwister aus dem Kreis Gießen sagen aus

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Horrende Rechnungen, Pfusch, Einschüchterung: Vier Geschwister aus dem Kreis Gießen sollen als Drahtzieher einer betrügerischen Firma für Rohrreinigung deutschlandweit Kunden geprellt haben. Heute (31.08.21) war der zweite Verhandlungstag – die Angeklagten haben Angaben gemacht.

Update vom Dienstag, 31.08.2021, 17.10 Uhr: Im »Kanalreiniger-Prozess« vor dem Gießener Landgericht haben sich heute am zweiten Verhandlungstag die vier Angeklagten zu ihren persönlichen Verhältnissen geäußert. Thema im externen Sitzungssaal im Stolzenmorgen waren dabei unter anderem die Berufswege der Geschwister aus dem Kreis Gießen. Der älteste (42 Jahre alt) machte den Anfang: Er habe bis 2000 bei einer Rohrreinigungsfirma im Kreis gearbeitet und sich dann mit einem eigenen Unternehmen in diesem Bereich selbstständig gemacht. Eine weitere Spezialfirma für Rohrreinigung habe er gegründet und 2011 »den Geschwistern überlassen«. Seither sei er im operativen Geschäft nicht mehr tätig gewesen, so sein Verteidiger. Außerdem, sagte der Angeklagte, habe er einen Goldankauf betrieben und mehreren Filialen in Deutschland eröffnet, bis zu einem »Goldcrash« im Jahr 2013. Nun sei er bei einer Immobilienfirma angestellt, die seine Frau führe.

Der nächstjüngere Bruder war laut eigener Aussage einst Angestellter der von seinem älteren Bruder gegründeten Firma. Gemeinsam mit Geschwistern habe er einen weiteren Betrieb in dieser Branche gegründet, 2016 – im Jahr der Verhaftungen wegen Betrugsverdachts – sei dieser verkauft worden. Bis 2021 sei er Angestellter der genannten Immobilienfirma gewesen, sagte der Angeklagte.

„Kanalreiniger-Prozess“ in Gießen: Nachfragen blieben unbeantwortet

Die ebenfalls angeklagte Schwester war laut ihrem Anwalt »immer als ungelernte Bürokraft« tätig. Zu ihrem aktuellen Arbeitgeber wurden auf Nachfrage keine Details genannt. Abschließend ließ auch der jüngste Angeklagte (34 Jahre alt) über seinen Anwalt Angaben machen: Bis 2008 war er demnach Angestellter der von seinem 42-jährigen Bruder gegründeten Firma, habe sich anschließend im von den Geschwistern gemeinsam geführten Rohrreinigungs-Unternehmen engagiert.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Geschwistern in der Anklage vor, als Bande gewerbsmäßig in 45 Fällen und mehreren Bundesländern Kunden systematisch betrogen zu haben. Die vielfach hochbetagten Geschädigten sollen nach Rohrverstopfungen von den Angeklagten geführte Unternehmen kontaktiert haben. Beauftragte Monteure hätten dann unter anderem völlig überteuerte Rechnungen für teils nicht erbrachte Leistungen gestellt.

Prozessauftakt in Gießen: Vier Geschwister als Drahtzieher einer betrügerischen Firma für Rohrreinigung angeklagt

Erstmeldung, vom Mittwoch, 25.08.2021, 06.00 Uhr: Gießen - Es ist eine leidige Situation, die jeden Mieter oder Hausbesitzer treffen kann und dann schnelles Handeln erfordert: Wenn Abflussrohre, Toiletten & Co. verstopft sind und man selbst nicht weiterkommt, sind fachkundige Handwerker die richtige Anlaufstelle. Umso ärgerlicher, wenn die vermeintlichen Experten sich als Betrüger entpuppen, völlig überteuerte Summen für teils nicht erbrachte Leistungen in Rechnung stellen - und der Schaden dann womöglich noch immer nicht behoben ist. Für eben solches Vorgehen sollen vier Geschwister aus dem Kreis Gießen als Drahtzieher verantwortlich gewesen sein.

Der aufsehenerregende Fall von vermeintlich bandenmäßigem Betrug in großem Stil beschäftigt seit Dienstag die Siebte Große Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richterin Dr. Kathrin Exler. Auf der Anklagebank im externen Sitzungssaal im Stolzenmorgen sitzen drei Männer und eine Frau im Alter von 34 bis 42 Jahren, die in verschiedenen Kreiskommunen leben. Teils waren sie im November 2016 festgenommen worden, damals hatten Ermittler auch Immobilien in Gießen und Heuchelheim durchsucht, wo sich damals ein von den Angeklagten geführtes Rohrreinigungsunternehmen befand.

Auftakt im „Kanalreiniger-Prozess“ in Gießen: 45 Fälle aus drei Jahren angeklagt

Die Haftbefehle wurden später außer Vollzug gesetzt, dann aufgehoben. Im Nachgang der Ermittlungen hatte das Regierungspräsidium den Gesellschaftern die Gewerbeausübung untersagt. Bereits 2016 hatte die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben, der für März 2020 geplante Prozessauftakt wurde pandemiebedingt noch einmal verschoben

Die Anklageschrift benennt 45 Fälle aus den Jahren 2014 bis 2016. Den Angeklagten wird vorgeworfen, »gemeinschaftlich als Mitglieder einer Bande« gewerbsmäßig Straftaten begangen zu haben - »in der Absicht, sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen«, so Staatsanwältin Christina Trier. Die Opfer der Betrugsmasche sind laut Anklage »unter Vorspiegelung falscher Tatsachen« getäuscht worden.

Der Betrieb habe unter zahlreichen Namen firmiert, die Geschädigten sollen etwa über Telefonbucheinträge auf deren Kontakte gestoßen sein. »Das Ziel war rücksichtslose Profitmaximierung«, sagte die Staatsanwältin. Nicht geleistete Arbeiten seien vorgetäuscht, Abrechnungen verschleiert worden. Auch von Einschüchterung der vielfach hochbetagten Kunden war die Rede, viele habe man zur Barzahlung gedrängt. »Verwirren, Beschimpfen und Abwimmeln am Telefon« - auch dies gehörte laut Anklage zur Betrugsmasche.

Die Staatsanwaltschaft legte jeweils dar, wie die Betrugsfälle abgelaufen sein sollen. Laut Anklage stand am Anfang stets eine Verstopfung, etwa von Abwasserrohren, Toiletten oder Badewannen. Die Geschädigten - vor allem Senioren - kontaktierten dann Unternehmen, die die Staatsanwaltschaft allesamt den Angeklagten zurechnet.

Auftakt im „Kanalreiniger-Prozess“ in Gießen: Unnötige „Sanierungsverträge“

Von Bad Nauheim bis Braunfels, von Würzburg bis in den Schwarzwald wurden demnach Menschen in vielen Teilen Deutschlands geprellt. In etlichen Fällen hätten die Monteure »bewusst wahrheitswidrige« Behauptungen gemacht - etwa gesagt, dass komplette Rohrsysteme ausgetauscht werden müssten oder unnötige »Sanierungsverträge« aufgeschwatzt.

Vielfach, so die Anklage, seien »Grundreinigungen« oder für die Auftragserfüllung wertlose Kameraaufnahmen aus den Rohren berechnet worden, die in manchen Fällen gar nicht gemacht worden seien.

Ferner wurden laut Anklage mehrfach zu viele Arbeitsstunden berechnet. Ein weiteres Muster: Reinigungen sollen für Strecken berechnet worden sein, die länger als die Rohre sind.

Die kriminelle Energie war demnach sehr ausgeprägt, weniger aber das fachliche Know-how: Bei einem Fall im Taunus konnten laut Staatsanwaltschaft die Monteure den Schaden nicht beseitigen, »setzten aber das Bad unter Wasser«. Andernorts sei »nicht nur die Verstopfung beseitigt, sondern auch das Abflussrohr zerstört« worden. Ein Monteur habe »einen Gartenschlauch in ein Rohr eingeführt und ließ 45 Minuten Wasser laufen«, lautet ein weiterer Vorwurf.

Auftakt im „Kanalreiniger-Prozess“ in Gießen: Angeklagte sagen vorerst nicht aus

Die angenommenen Betrugssummen reichen von einigen Hundert bis zu mehreren Tausend Euro. Ein Beispiel: Ein Senior aus Bietigheim soll den Monteuren 1355 Euro bar gezahlt haben. Eine ortsansässige Firma habe für die Behebung des Schadens dann gerade einmal 312 Euro berechnet. 2016 fühlte sich dann eine Kundin übervorteilt und kontaktierte ein Verbrauchermagazin, heißt es in der Anklage - und allmählich weitete sich der Betrugsverdacht aus.

Keiner der Angeklagten wollte sich zu Prozessbeginn äußern - weder zu den persönlichen Verhältnissen noch zu den Tatvorwürfen. Die insgesamt acht Anwälte wollen sich mit ihren Mandanten beraten, ob und inwiefern diese sich demnächst einlassen.

Für den Nachweis der angeklagten Taten dürfte auch das Erinnerungsvermögen der Geschädigten im Zeugenstand eine gewichtige Rolle spielen. »Einige sind krankheitsbedingt nicht in der Lage, zu erscheinen«, sagte Vorsitzende Richterin Exler. Die meisten seien polizeilich vernommen worden und es bestehe die Möglichkeit, diese Aussagen zu verlesen.

»Ich will jeden Zeugen hören - persönlich, oder wir fahren hin«, erwiderte Verteidiger Dr. Ulrich Endres. Er monierte eine »manipulative Auswahl der Ermittlungsbehörden in Bezug auf das Alter der Zeugen«. Ein kleiner Vorgeschmack darauf, dass die Anklage noch reichlich unter juristischen Beschuss kommen dürfte.

Prozess wird fortgesetzt

Bislang hat die Große Strafkammer 14 weitere Verhandlungstermine bis Mitte Dezember angesetzt, unter anderem sind zahlreiche Zeugenaussagen eingeplant. Fortgesetzt wird der Strafprozess laut Planung am kommenden Donnerstag.

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