Leben wie ein Urrind: Rinder auf einer winterlichen Weide im Landkreis Gießen. FOTO: PAD
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Leben wie ein Urrind: Rinder auf einer winterlichen Weide im Landkreis Gießen. FOTO: PAD

Tierwohl

Ein Rind im Schnee ist kein armes Schwein

  • vonPatrick Dehnhardt
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Die Freilandhaltung ist die in Deutschland bestmögliche Haltungsform. Dennoch bekommen Bauern immer wieder Anzeigen von selbst ernannten Tierschutzexperten.

Ein Pferd steht auf der Weide, schiebt mit seinem Maul die hauchdünne Schneedecke zur Seite, um an die darunter versteckten Grashalme zu gelangen. Schneeflocken fallen vom Himmel, ein paar bleiben auf dem Rücken des Tiers liegen, ohne zu schmelzen. Das Pferd bemerkt es nicht einmal - ein dichtes Winterfell hält es warm und vor Nässe geschützt.

Dafür erfährt der Landwirt ein paar Tage später, dass es geschneit hat: durch Post vom Veterinäramt. Ein "besorgter Bürger" hat ihn angezeigt, weil er sein Tier bei solch einem Wetter draußen stehen lasse. Schließlich sei sogar die Atemluft des Tieres zu sehen gewesen - und das ginge ja gar nicht.

Tränke aufgetaut, Heu in der Krippe

Es ist nicht das erste Mal, dass er solch eine Anzeige bekommt, schildert der Pferdehalter, der anonym bleiben möchte. Dabei hat er alles dafür getan, damit es dem Tier gut geht. Es gibt einen Unterstand, am frühen Morgen des besagten Tages war er direkt vor Ort, um die über Nacht eingefrorene Tränke für das Tier aufzutauen. In einer Krippe liegt trockenes Heu zum Fressen bereit.

Die ganzjährige Freilandhaltung ist eigentlich die Idealform der in Deutschland möglichen Tierhaltung. Doch zum Thema Tierwohl gibt es viele selbst ernannte Experten, die teils menschliche Maßstäbe an das Tierwohl anlegen. Dass Rinder und Pferde vor der Domestizierung in freier Wildbahn und nicht in Ställen lebten, ein Rind zudem andere Ansprüche als ein Mops oder eine Perserkatze hat, gerät dabei schnell in Vergessenheit.

Freilandhaltung ideal - auch im Winter

Zwar mögen die heutigen Rassen vielleicht nicht mehr ganz so robust wie ihre wildlebenden Urahnen sein. Jedoch ist auch bei ihnen eine artgerechte Freilandhaltung das ganze Jahr über möglich.

Der Landkreis Gießen schreibt in einer Pressemitteilung, dass Pferde und Rinder auch im Winter draußen gehalten werden können, wenn sie genügend Zeit hatten, sich an die kälteren Temperaturen anzupassen und ein Winterfell zu entwickeln. "Eisige Temperaturen, die wir Menschen als unangenehm und frostig kalt empfinden, vertragen Weidetiere wie Rinder, Schafe und Pferde ohne gesundheitlichen Schaden." Wenn der Atem sichtbar wird, sei dies also kein Zeichen, dass das Tier frieren würde.

Mehraufwand für Tierhalter

Die Freilandhaltung ist im Winter jedoch mit mehr Aufwand für die Tierhalter verbunden, verdeutlich Hans-Peter Stock, Dezernent für Veterinärwesen. "Auch wenn viele Weidetiere gegen winterliches Wetter unempfindlich sind, so brauchen doch alle Tiere gerade in der kalten Jahreszeit die Fürsorge des Menschen."

Dazu zählt, dass die Tiere Zugang zu einer eisfreien Tränke erhalten. Zudem muss zugefüttert werden, da Rinder und Co. im Winter einen höheren Energiebedarf haben. Der Gesetzgeber fordert zudem eine Unterstellmöglichkeit.

"Dieser muss den Tieren eine Rückzugsmöglichkeit bieten, in der sie vor Wind und Nässe geschützt stehen und liegen können", teilt der Landkreis mit. "Für Rinder, Ziegen und Pferde sollte dieser aus einem überdachten, möglichst mehrseitig geschlossenen Unterstand bestehen." Dafür können natürliche Gegebenheiten genutzt oder passende Bauteile aufgestellt werden. "Werden alle Voraussetzungen erfüllt, bietet eine Winterhaltung im Freien den Tieren eine naturnahe Unterbringung und ist aus Sicht des Tierschutzes zu befürworten", schreibt der Landkreis abschließend.

Wer Fragen zur Tierhaltung hat, kann sich an den Fachdienst für Veterinärwesen und Verbraucherschutz beim Landkreis Gießen wenden (Telefon: 06 41/93 90-62 00, E-Mail: poststelle.avv@lkgi.de). Man kann aber auch den Landwirt vor Ort ruhig und sachlich ansprechen.

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