Diesen trigonometrischen Punkt hat Klaus Buß außerhalb von Watzenborn-Steinberg auf einer Wiese entdeckt, da war er allerdings in keinem guten Zustand. Der Stein steht in der Gemarkung Linden und liegt auf einer Höhe von 288 Metern. Im Hintergrund ist die Grüninger Warte zu sehen. FOTO: SU
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Diesen trigonometrischen Punkt hat Klaus Buß außerhalb von Watzenborn-Steinberg auf einer Wiese entdeckt, da war er allerdings in keinem guten Zustand. Der Stein steht in der Gemarkung Linden und liegt auf einer Höhe von 288 Metern. Im Hintergrund ist die Grüninger Warte zu sehen. FOTO: SU

Relikte aus der Vergangenheit

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Wenn Klaus Buß im Feld unterwegs ist, hält er ständig nach etwas Ausschau. Er ist immer auf der Suche, hat aber gar nichts verloren. Der Rentner aus Watzenborn-Steinberg beschäftigt sich mit trigonometrischen Punkten.

Es ist ein ungewöhnliches Hobby, das der Pohlheimer seit ungefähr fünf Jahren hat. Mindestens genauso ungewöhnlich ist der Umstand, wie er dazu gekommen ist. "Meine Enkelinnen haben sich zu dieser Zeit im Mathematikunterricht mit Trigonometrie befasst", erzählt der 76-Jährige. "Da fiel mir ein, dass ich den Begriff vor vielen Jahren schon einmal in einem anderen Zusammenhang gehört habe."

Er erinnert sich. In den 1950er und 1960er Jahren seien in seinem Heimatort Watzenborn-Steinberg an verschiedenen Stellen Holzpyramiden errichtet worden, wo später aufwendig Vermessungsarbeiten vorgenommen wurden. "Ich bin also an die Stelle gegangen, wo früher eine Pyramide stand, und habe einen Stein entdeckt", sagt Buß. Das war sein erster trigonometrischer Punkt. Das Interesse war geweckt, und Klaus Buß beschäftigte sich fortan intensiver mit dem Thema. Er besorgte sich in der Bücherei topografische Karten, in denen die Punkte als kleines Dreieck mit Punkt eingezeichnet sind. "Kaufen kann man die nicht mehr, heute wird ja alles per GPS berechnet", erläutert der Pohlheimer. Mittlerweile hat er drei Aktenordner voll mit Materialien und Informationen. Karten bekam er auch beim Amt für Bodenmanagement, dem früheren Katasteramt. Laut diesen Karten gibt es rund um Watzenborn-Steinberg im Umkreis von etwa drei Kilometern ungefähr 20 trigonometrische Punkte. Zehn davon hat Klaus Buß schon gefunden. Und das ist alles andere als einfach. Denn der rüstige Rentner sucht sie nur mithilfe von Karten, bestimmt die Koordinaten selbst. "Ich könnte mir auch die genauen Koordinaten geben lassen, aber das mache ich nicht. Dafür bin ich zu stolz. Außerdem macht es doch dann gar keinen Spaß mehr."

Für manche Punkte braucht Klaus Buß mehrere Anläufe, bis er sie schließlich entdeckt. Manchmal sind sie in einer Hecke - oder einfach nicht mehr da. "Es kommt auch vor, dass Bauern sie mit ihrem schweren Gerät kaputt fahren", sagt Buß. So war es zum Beispiel auf einer Wiese oberhalb von Watzenborn-Steinberg, die schon in der Gemarkung Leihgestern liegt.

Und wenn er dann endlich die jeweiligen Steine gefunden hat? "Ich dokumentiere sie. Ich lege mein Navi dazu und fotografiere sie mit den Koordinaten. Dann finde ich sie später leichter wieder." Die Suche verbindet er oft mit einer kleinen Radtour oder einem ausgedehnten Spaziergang. "Ich habe doch Zeit. Und gerade jetzt, in der Corona-Zeit, ist es eine tolle Beschäftigung."

Klaus Buß möchte die trigonometrischen Punkte für alle sichtbar machen. So hat er neben einem kleinen Fernglas auch immer eine kleine Hacke dabei. Damit legt er die Steine frei, falls sie zugewachsen sind. "Vergessene Denkmäler" nennt er die Steine, die wie Relikte aus der Vergangenheit erscheinen. Denn die Landesvermessung mit den grundlegenden trigonometrischen Punkten ist längst Teil der technischen Geschichte. "Heute erfolgt die Landvermessung ja nur noch digital und mithilfe von Satelliten, früher muss das ein enormer Aufwand gewesen sein", meint der Pohl-heimer. Auf besonders wichtigen Punkten seien früher Türme mit bis zu 40 Meter Höhe errichtet worden. Wegen der guten Sichtverhältnisse seien zahlreiche Signal- und Beobachtungstürme später als Aussichtspunkte entdeckt und ausgebaut worden. Einer davon ist der Dünsberg, den Klaus Buß bei vielen seiner Touren als Anhaltspunkt nimmt. Denn unterwegs ist er nicht nur rund um seinen Heimatort, sondern in ganz Hessen. Die Steine erster Ordnung, also jene, die in etwa 50 Kilometern Abstand zueinander liegen, hat er für den früheren Bereich Kurhessen bereits alle gefunden. Das sind elf Stück. Sein nächstes Ziel sind die trigonometrischen Punkte erster Ordnung im früheren Herzogtum Nassau, dem heutigen Südhessen. Begleitet wird Klaus Buß dann von seiner Frau Marika. "Das ist schön, man ist einen ganzen Tag in der Natur unterwegs und sieht so viel." Und wenn er den Weg nicht sofort findet, hilft ihm kein Navi. "Ich habe mir erst kürzlich einen neuen Straßenatlas gekauft. Ich brauche eine Karte, damit ich mir vorstellen kann, wo ich bin", lacht der Pohlheimer.

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