Rekorderlös für den Hotel-Traum

  • vonStefan Schaal
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Die Lebenshilfe hat am Mittwoch die Gewinner ihrer jährlichen Oldtimer-Spendenaktion gezogen. Noch nie hat sie so viele Lose verkauft wie im Corona-Jahr und 1,6 Millionen Euro eingenommen. Wie hat sie das geschafft?

Der Speisesaal einer Reha-Werkstatt der Lebenshilfe am südlichen Rand Gießens erinnerte am gestrigen Mittwochnachmittag an eine Behörde. Mitarbeiter verlasen Nummern, Kollegen wälzten in 50 Ordnern, die auf einem Tisch aneinander gereiht standen. Doch so bürokratisch das Prozedere auch wirkte, hat es unter Oldtimer-Freunden bundesweit für Spannung gesorgt.

Die Lebenshilfe Gießen hat den Gewinner eines Mercedes 280 SE Coupé im Wert von 170 000 Euro und weiterer alter klassischer Fahrzeuge ermittelt. Und sie vermeldete einen Rekorderlös, der aus der Spendenaktion hervorgegangen ist.

»Ich bin sprachlos«, sagte die Aufsichtsratsvorsitzende der Lebenshilfe Gießen, Maren Müller-Erichsen. Dass in der Zeit der Pandemie innerhalb eines Jahres 1,6 Millionen Euro durch den Losverkauf zusammen gekommen sind, sei eine großartige Leistung. Zumal die Lebenshilfe diesmal nicht wie sonst auf großen Oldtimer-Messen wie in Stuttgart, Hamburg oder auf dem Nürburgring für ihre Spendenaktion werben und Lose verkaufen konnte.

Der Erlös soll in das Vorhaben der Lebenshilfe einfließen, in Gießen an der Licher Straße ein Inklusionshotel zu errichten, in dem Menschen mit und ohne Handicap arbeiten.

Zu verdanken ist der Rekorderlös vor allem Reinhard Schade. Seit 1995 kümmert er sich bei der Lebenshilfe um das Spenden-Marketing und um die jährliche Verlosung von Oldtimern.

Das Rekordergebnis habe viel mit der Präsenz der Lebenshilfe in den Medien zu tun, erklärt er. Mit einem beworbenen Video über die Oldtimer-Aktion auf Facebook habe man mehr als 100 000 Menschen erreicht, berichtet er. Außerdem hätten wieder viele Zeitungen und Zeitschriften bundesweit über die Verlosung berichtet. Die »Auto-Bild« habe der Aktion der Lebenshilfe eine Doppelseite gewidmet. »Diese Ausgabe ist mit einer Auflage von einer Million erschienen und war der Bild am Sonntag beigelegt«, berichtet Schade. »Da haben wir eine ganz neue Gruppe von Menschen erreicht.«

1988 fing Schade als Leiter einer Werkstatt bei der Lebenshilfe an. Mitte der 90er Jahre, erzählt er, habe er verzweifelt nach Transportern und Kleinbussen gesucht, um die Mitarbeiter mit Behinderung fahren zu können. »Wir haben einen Spendenaufruf gestartet, und die Gemeine Rabenau hat uns daraufhin einen knallroten Opel Blitz, einen alten Feuerwehr-Mannschaftswagen zur Verfügung gestellt.« Mit einem solchen Wagen könne man vieles anfangen, sagt Schade. »Aber er taugt nicht unbedingt, um Menschen mit Behinderung zu transportieren.« Und so kam Schade auf die Idee, das Fahrzeug in einer Spendenaktion zu verlosen. 5500 Mark kamen damals zusammen.

Im Jahr darauf wiederholte er die Verlosung bei den Golden Oldies mit einem Goggomobil Coupé aus eigenem Privatbesitz, ein weiteres Jahr später erzielte die Verlosung eines NSU 40 000 Mark.

Die Aktionen brachten der Lebenshilfe so viel Geld ein, dass der damalige Geschäftsführer Magnus Schneider dem Werkstattleiter und Diplom-Pädagogen Schade anbot, sich ausschließlich darum zu kümmern. »Von den rund 600 Lebenshilfe-Organisationen in Deutschland sind wir vermutlich die bekannteste«, sagt Schade. »Wegen der Oldtimer-Spendenaktion.«

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