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Reiten ohne Pferd

  • vonLena Karber
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Das eigene Pferd basteln, mit Freunden spielen und sich an der frischen Luft richtig auspowern - Hobby Horsing verbindet viel, was Kindern Spaß macht. Oftmals werden Reiter ohne Pferd hierzulande zwar noch belächelt, doch ein Besuch bei den Ferienspielen in Hungen zeigt: Die Trendsportart aus Finnland ist spaßig, anstrengend und lehrreich zugleich.

Leichtfüßig und gekonnt präsentiert Laila auf "Black Angel" einen Galoppwechsel. Vom Rechtsgalopp wechselt sie in den Linksgalopp, ohne Probleme übergibt sie dabei die Zügel von einer Hand in die andere. Dabei ist das gar nicht so leicht. Schließlich sitzt Laila nicht fest im Sattel, sondern sie muss ihr Pferd gut festhalten. Black Angel ist nämlich ein Steckenpferd.

Die Sportart, die Laila seit einiger Zeit betreibt, nennt sich Hobby Horsing und stammt aus Finnland, wo sie sogar in einer nationalen Meisterschaft ausgetragen wird. Seit einiger Zeit wird Hobby Horsing jedoch auch in Deutschland immer beliebter - ein Trend, den die Hungener Gemeindepädagogin Sabine Nickel bei den diesjährigen Ferienspielen unbewusst aufgegriffen hat. Da wegen Corona keine Angebote mit Pferden stattfinden konnten, suchte sie nach einer Alternative. "Ich habe gemerkt, dass das Reiten alleine den Kindern oftmals noch nicht reicht, um ihre Power rauszulassen", berichtet die Pferdebesitzerin und Reiterin. Im Anschluss an die Angebote hätten die Kinder oft noch "reiten gespielt" und dabei auch genossen, dass es weniger Regeln gibt. So kam Nickel schließlich auf die Idee, Steckenpferde zu basteln.

Aus Rohrisolierungen wurden einige Pferde vorbereitet, die die Mädchen nutzen und am Ende sogar behalten dürfen. Einige haben jedoch bereits ihre eigenen Steckenpferde mitgebracht. Manche sind gekauft, einige haben die Kinder jedoch selbst gemacht - zum Teil aus Pappe, zum Teil mit ausgestopften Socken. Und Laila hat ihres sogar genäht: Black Angel ist bereits das dritte Steckenpferd, das sie gestaltet hat. Nickel nennt sie liebevoll "unsere Expertin".

Für die Mädchen, für die Hobby Horsing noch etwas gänzlich Neues ist, gibt es zu Beginn eine Dressurstunde zur Einführung. Danach folgen ein paar Staffel-Spiele und dann das Springreiten im Parcours. Die Kommandos und die Übungen sind dabei dieselben wie beim echten Reiten.

Das kommt den Teilnehmerinnen entgegen, denn viele der 16 Mädchen reiten oder voltigieren auch abseits von den Steckenpferden. Beim Hobby Horsing, da ist sich Nickel sicher, können sie trotzdem einiges lernen: Hufschlagfiguren, Abstände, Taktieren. "Und man hat nicht den Stress wie auf einem richtigen Pferd."

Bemerkenswerter Ehrgeiz

Besonders großen Spaß macht den meisten Mädchen das Springreiten durch den Parcours, der zwischendurch mehrfach verändert wird, damit es abwechslungsreich bleibt. Der Aufbau ist dabei ebenfalls "echten" Springreit-Parcours nachempfunden: Es gibt Oxer, Dreisprunghindernisse und blaue Planen simulieren sogar Wassergräben.

Sich die Wege zu merken und die Orientierung zu behalten, ist gar nicht so leicht, und ab und zu fällt auch mal eine Stange oder das Pferd verweigert vor dem Hindernis, doch den Mädchen macht das nichts aus, denn der Ehrgeiz ist groß. Während sie in der Schlange vor dem Start stehen, verfolgen viele gebannt, wie sich die anderen Reiterinnen schlagen, und klatschen Beifall, wenn diese die Runde abschließen. Und die Steckenpferde werden nach dem Zieleinlauf gelobt, als wären sie lebe ndig.

Als Nickel ruft, dass frei im Parcours geübt werden kann, stürmen alle los. Obwohl sich die Reithalle zur Mittagszeit bereits gut aufgeheizt hat und einige Mädchen laut keuchen, verneinen sie die Frage, ob Hobby Horsing anstrengend ist. Die Erklärung dafür liefert die neunjährige Sofia: "Es ist nicht anstrengend, es macht Spaß", sagt sie.

Nach zweieinhalb Stunden Toben haben die Kinder immer noch nicht genug. Während die Eltern eintreffen, um sie abzuholen, werden bereits eifrig Treffen und Ausritte verabredet. Und als Nickel ein weiteres Treffen in Aussicht stellt und fragt, ob es Interesse an der Einrichtung einer entsprechenden Gruppe gibt, erklingt ein lang gezogenes und vielstimmiges "Jaaaaaa!", in das die Hobby-Horse-Neulinge genauso einstimmen wie die kleinen Steckenpferd-Expertinnen. "Ich finde es toll, dass es normal ist, hier mit dem Steckenpferd rumzulaufen", erklärt Laila und bringt das Dilemma der Anhänger der Sportart auf den Punkt: "In meinem Dorf werde ich nämlich immer komisch angeguckt."

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