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In seinem Atelier ist Rainer Müller in seinem Element. Hier experimentiert er mit Materialien und haucht Schrottplatz-Funden neues Leben ein. Bald sind einige seiner Kunstwerke in Peking zu sehen - im angesagten "798 Art District".

Reiskirchener Kunst in Peking

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Vor zehn Jahren startete Rainer Müller sein erstes kreatives Experiment. Seitdem hat er mehrere hundert Werke geschaffen. Sie sind vielseitig, akzentuiert und geprägt durch Materialität. Jetzt lässt der Reiskirchener 40 davon nach Peking verschiffen, wo er sie im "798 Art District" ausstellen wird - Chinas angesagter Spielplatz der Kunst.

Rahmen stehen an der Wand, daneben Kunstwerke ganz unterschiedlicher Art. Skulpturen und Bilder aus diversen Materialien, teils kombiniert mit Gegenständen des täglichen Lebens. Viele leuchten in bunten Farben. Der Raum ist voll davon. Mittendrin befindet sich eine Werkbank, auf der allerlei künstlerisches Handwerkszeug liegt - Pinsel, Farben, Stifte, aber auch Hammer oder Gasbrenner, außerdem zwei Leinwände, auf denen eine Mischung aus Silikon, Farbe und Holzspänen modelliert ist.

Der "Macher" dieser Kreationen ist Rainer Müller, der Raum sein Atelier. Es befindet sich im Keller seines Wohnhauses in Reiskirchen, das voll ist mit Müllers Kunst. Ob Wohn- oder Esszimmer, Küche, Toilette, Flur oder Treppenhaus. Überall findet sich die kreative Handschrift des 60-Jährigen. Sogar auf der Terrasse, wo ein halber Stuhl aus einem großen, mit Farbe und Epoxidharz bearbeiteten Leinentuch ragt.

Vergangene Woche hat Müller seine jüngste Ausstellung beendet, ein bis zwei macht er pro Jahr. In der Region wird seine Kunst wieder 2020 zu sehen sein, ab 7. Februar im "Unteren Hardthof" in Gießen. Derzeit werden 40 seiner Exponate nach China verschifft, wo der Mittelhesse seine Blech-, Eisen und Alugebilde, plastische Papierkunst und Pop-Art im angesagten "798 Art District" präsentieren wird - Chinas Spielplatz der Kunst. Erstmals sind seine Werke im Ausland zu bewundern und dann gleich an so prominenter Stelle.

"Das ist schon eine ziemliche Nummer für mich", sagt er. Denn die Kunst ist zwar mehr als ein Hobby für ihn - sein "zweites Dasein" sozusagen -, aber sie ist nicht sein Beruf. Der Reiskirchener, der in einem kleinen Dorf in Schöffengrund aufwuchs, studierte in Marburg zunächst Sport und Biologie, um Gymnasiallehrer zu werden, sattelte später aber auf Förderschullehrer um. Seit 2006 leitet er die Martin-Luther-Schule in Buseck. Ein Job, der von ihm strukturiertes Arbeiten und einen behutsamen Umgang mit seinem Umfeld verlangt. Das Gegenteil ermöglicht ihm die Kunst: "Hier kann ich machen, was ich will, spontan, wild, und auch mal roh sein", sagt er.

Dabei wusste Müller lange weder von seinem Talent noch von seiner Freude an kreativen Schaffensprozessen. In der Schule sei ihm die Freude an der Kunst verdorben worden. "Dort lehrte man die präzise Malerei, und das konnte ich nicht", erinnert er sich. Erst später habe er durch Gespräche mit anderen Kreativen verstanden, dass Kunst viel mehr ist.

2009 begann Müller zu experimentieren, zunächst mit Papier, später mit Stoff und Metall. Er merkte schnell, dass seine Versuche zu ganz erstaunlichen Ergebnissen führten und erhielt viel Zuspruch, auch von Experten. "Meine Kunst ist geprägt durch Materialität", sagt Müller.

Seinen Malgrund besorgt er sich überwiegend auf Schrottplätzen. Meist sind es Bleche, die bereits eine Geschichte haben - Dachabdeckungen etwa, Wand- oder Bodenteile. "Was mir gefällt, nehme ich mit nach Hause und bearbeite es mit Hammer, Säge oder anderen groben Werkzeugen. Manchmal auch mit Feuer." Dann bringt Müller Farbe auf, die er mit Holz- oder Eisenspänen mischt. Manchmal auch mit beidem. "So erreiche ich eine Dreidimensionalität", sagt er.

40 bis 50 Werke entstehen im Jahr, die vor allem in ihrer Vielseitigkeit und Akzentuiertheit verblüffen. Dabei ist Müller nicht immer von Anfang an klar, was am Ende eines Schaffensprozesses stehen wird. "Manchmal sehe ich etwas und weiß genau, was ich daraus machen werde. Und manchmal muss ich mich einfach in den Werkprozess hineinfallen lassen und schauen, was er bereithält."

Grenzen gibt es für den Vater von zwei erwachsenen Kindern dabei keine. Außer vielleicht die Zeit, denn die hat der Schulleiter nicht unbegrenzt zur Verfügung. Dass sich das irgendwann ändern wird, davon ist der passionierte Kletterer überzeugt. Er will noch mit vielen Materialien experimentieren. "Wenn ich in Pension gehe", sagt Müller, "kaufe ich mir eine Mühle und mache nur noch Kunst." Ein paar Jahre muss er darauf allerdings noch warten.

Weitere Informationen über den Künstler finden Interessierte im Internet unter: www.rainermueller-art.de.

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