Ein Bild aus guten Zeiten: Großes Chorwochenende beim Gesangverein Concordia-Liederkranz Ettingshausen im Jahr 2017. Wie soll es unter Abstands- und Hygieneregeln mit dem Chorbetrieb weiter gehen?	ARCHIVFOTO: LA
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Ein Bild aus guten Zeiten: Großes Chorwochenende beim Gesangverein Concordia-Liederkranz Ettingshausen im Jahr 2017. Wie soll es unter Abstands- und Hygieneregeln mit dem Chorbetrieb weiter gehen? ARCHIVFOTO: LA

Infektionsgefahr

Zwangspause wegen Corona: Gesangvereine machen Druck

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Die Chöre wollen singen, doch die Gemeinde Reiskirchen stellt ihnen wegen der Infektionsgefahr keine Räume zur Verfügung. Jetzt machen die Gesangvereine Druck.

Filmfans dürfen längst wieder ins Kino, Sportsfreunde seit Kurzem wieder ins Stadion. Und Sänger mancherorts auch wieder gemeinsam proben. Aber nicht in Reiskirchen. Jedenfalls nicht, wenn sie für ihre Übungsstunden Räume der Gemeinde nutzen wollen. Der Gemeindevorstand erachtet die Ansteckungsgefahr als zu hoch. Doch diese Einschätzung finden die Verantwortlichen der Gesangvereine zu pauschal. Werner Sann, der Vorsitzende von Concordia-Liederkranz Ettingshausen, sein Kollege Otto Armstroff vom Sängerkranz Bersrod und Bärbel Kloppert vom Vorstand der Eintracht Hattenrod machten am Mittwoch Abend ihrem Unmut in der Bürgerversammlung im Bürgerhaus Reiskirchen Luft. »Es wird ein großes Chorsterben geben«, warnte Sann für den Fall, dass für den Chorbetrieb in den Wintermonaten keine Lösung gefunden wird.

Sanns Verein Concordia-Liederkranz hat zum 1. August den Chorbetrieb wieder aufgenommen, vorerst im Freien. Aber für die bevorstehenden Monate ist das keine Option. »Es wird dunkel, kalt und es wird regnen«, sagte der Vorsitzende aus Ettingshausen. Sein Verein möchte die Sport- und Kulturhalle nutzen. Sie verfüge über eine moderne Belüftung und sei groß genug für 30 oder 35 Sänger. Sann verwies auf das strikte Hygienekonzept, das sein Verein vorgelegt hat. »Wir sind auch bestrebt, dass sich das Virus nicht verbreitet.«

Hygienekonzept

Der Plan sieht drei Meter Abstand zwischen den Sängern und fünf Meter Abstand zum Dirigenten vor, außerdem eine Anwesenheitsliste und ein Protokoll, wer neben wem gesessen hat. Alle Sänger müssen sich verpflichten, im Falle von Krankheitssymptomen bei sich selbst oder auch in der Familie den Proben fern zu bleiben. Alles umsonst. Am 7. September habe der Gemeindevorstand den Antrag des Gesangvereins auf Nutzung der Sport- und Kulturhalle abgelehnt. »Auf unser Konzept sind Sie gar nicht eingegangen«, beklagte sich der Vorsitzende bei Bürgermeister Dietmar Kromm.

»Es wird sehr unterschiedlich gehandhabt«, bemerkte Raymund Geis, der nicht nur in Ettingshausen, sondern auch in anderen Chören singt. Er bat den Gemeindevorstand dringend, die Sänger anzuhören und die Entscheidung zu überdenken. Ähnlich äußerten sich Bärbel Kloppert und Otto Armstroff. In Hattenrod gebe es zwei Chöre mit je acht Sängern. Zusammen sei man wegen personeller Überschneidungen maximal zu zwölft. »Es ist völlig unverständlich, dass wir nicht ins Dorfgemeinschaftshaus dürfen«, sagte die Vorstandsfrau und schlug vor, das Hygienekonzept dem Gesundheitsamt vorzulegen. »Wir brauchen Aktivitäten«, warnte auch Armstroff. Sonst hätten Chöre wie Belcanto in Bersrod keine Perspektiven.

»Ich weiß, dass die Chöre sehr benachteiligt sind«, räumte Bürgermeister Kromm ein und sagte zu, dass sich der Gemeindevorstand noch einmal mit dem Anliegen beschäftigen werde. Mehr konnte er nicht versprechen. »Heute Abend werden Sie von mir keine positive Aussage hören.« Die Weigerung des Gemeindevorstands, den Gesangvereinen Räume zur Verfügung zu stellen, basiere auf einer Entscheidung, auf die sich alle Bürgermeister in der Kreisversammlung gemeinsam und in Beisein von Vertretern des Gesundheitsamtes verständigt hätten. Die Mehrheit halte sich daran, auch wenn einzelne Kommunen die abgestimmte Linie verlassen hätten.

Problematische Aerosole

»Singen ist problematisch. Das haben verschiedene Vorfälle gezeigt«, sagte Kromm im Anschluss an die Bürgerversammlung im Gespräch mit dieser Zeitung. Sein Stellvertreter Dr. Martin Stumpf sieht das ähnlich. »Das Problem ist nicht der Abstand. Das Problem sind die Aerosole. Wenn sie eine Stunde lang singen, sind die überall in der Raumluft.« Stumpf kann sich eventuell Einzelentscheidungen vorstellen: »Wenige Sänger in einer großen Halle geht, viele Sänger in einer kleinen Halle geht nicht.« Der Gemeindevorstand werde darüber beraten und gegebenenfalls die Meinung von Experten einholen, sagte Kromm mit einem deutlichen Verweis auf die Risiken: »Man muss auch bedenken, welche Auswirkungen eine Infektion in größerem Rahmen auf den gesamten Landkreis haben würde.«

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