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Umgeben von Wald, Wiesen und Feldern erhebt sich der Wirberg zwischen Saasen und Göbelnrod in die Höhe. FOTO: HENSS

Von oben

Der Wirberg ist ein Ort der Begegnung

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Zuerst gab es hier eine Burg, später ein Kloster. Heute sind auf dem Wirberg eine Kirche, eine Begegnungsstätte und ein landwirtschaftlicher Betrieb zu finden.

Reiskirchen (ti). Am östlichen Rand der Gemeinde Reiskirchen und rund acht Kilometer nordwestlich von Grünberg erhebt sich der Wirberg. Zwischen Saasen und Göbelnrod überragt er mit einer Höhe von 312 Metern seine gesamte Umgebung. Richtung Osten reicht der Blick an klaren Tagen bis zum Hoherodskopf, im Süden über die Wetterau bis zum Taunus. "Früher befand sich hier ein Kloster, 1148 wurde es erstmals erwähnt", sagt Pfarrer Rolf Schmidt, der seit 33 Jahren für die Kirche auf dem Wirberg zuständig ist. "Davor stand hier eine Burg."

Ehedem ein Kloster

Das Prämonstratenserkloster beherbergte zunächst Nonnen und Mönche. Ende des 13. Jahrhunderts erfolgte die Umstrukturierung zu einem reinen Frauenkloster. "In der Reformationszeit wurde es aufgelöst, 1527 zog der erste lutherische Pfarrer auf dem Wirberg ein", berichtet Schmidt. 80 Jahre später ging die Liegenschaft in den Besitz der Universität Marburg über.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurden Kirche und Pfarrhaus schwer beschädigt beziehungsweise zerstört. Ende des 17. Jahrhunderts stand beides wieder. Doch zumindest was das Gotteshaus angeht, war das nicht von langer Dauer: 1716 stürzte der Turm ein und zerstörte das Schiff. 1753/54 wurde das heutige Gebäude auf dem Wirberg errichtet und 1755 geweiht - früher die evangelische Pfarrkirche für die heutigen Grünberger Stadtteile Göbelnrod, Beltershain, Harbach, Reinhardshain und den Reiskirchener Wirberg. Heute bilden Letzterer, Reinhardshain, Lumda, Beltershain und Göbelnrod ein Kirchspiel.

Kirche für fünf Dörfer

"Wir halten hier oben alle unsere Festgottesdienste ab", sagt Schmidt. Ganz gleich, ob an Ostern, Pfingsten, Weihnachten oder Silvester - hoch oben auf dem Wirberg kommt die Gemeinde zusammen. An einem ganz besonderen Ort, wie der Pfarrer findet. "Wenn wir im Osternachtsgottesdienst frühmorgens die Osterkerze in die dunkle Kirche tragen und hier oben dann langsam die Sonne aufgeht, das gibt es im Landkreis kein zweites Mal", schwärmt er.

1600 Gäste im Jahr

Der Wirberg ist nicht nur Treffpunkt für kirchliche Anlässe, er ist Mittelpunkt der umliegenden Dörfer, sagt Schmidt. "Er ist den Menschen, die hier leben und aufgewachsen sind, sehr wichtig und hat in ihrem Leben seinen ganz besonderen Platz." Doch hoch oben zwischen Reiskirchen und Grünberg gibt es noch mehr als die Kirche. Im ehemaligen Pfarrhaus, das in den 1960ern verkauft wurde, betreibt das Dekanat Grünberg seit 1983 eine Bildungs- und Begegnungsstätte, die vor allem bei Selbstversorgern mit kleinem Budget als Geheimtipp gilt. Für 2,65 Euro ist hier eine Übernachtung möglich, maximal kostet sie zehn Euro. In acht Schlafräumen stehen 28 Betten zur Verfügung, darüber hinaus ein Zeltplatz, der 120 Personen Raum bietet. Jedes Jahr übernachten rund 1600 Gäste auf dem Wirberg, 850 in der Bildungsstätte, der Rest im Freien.

Freundschaften geschlossen

Jene, die immer wieder kamen, haben hier oben Freundschaft geschlossen, und zwar mit den Bewohnern. Gemeint ist die Familie Stark, die auf dem Wirberg lebt und bereits in fünfter Generation den dortigen Bauernhof bewirtschaftet - heute insgesamt 215 Hektar. 90 Hektar davon sind Grün-, 125 Hektar Ackerland. Der erste Landwirt war Peter Stark (II.), der ursprünglich aus Saasen stammte. Er heiratete 1882 Anna Elisabeth Köhler, deren Familie zuvor auf dem Hof gelebt hatte. Ihr Sohn Wilhelm Stark (III.) begann 1922 eine Rinder- und Schweinezucht und gehörte damit zu den ersten organisierten Schweinezüchtern Oberhessens. Heute ist es wieder ein Peter Stark, der den Hof betreibt und die konventionelle Landwirtschaft gerade auf Bioproduktion umstellt. Der Wirberg ist für ihn Heimat, eine andere kennt er nicht.

Für den 44-Jährigen, der schon als Kind großes Interesse an der Landwirtschaft hatte, kam ein Wegzug nie infrage. Dass er mit seiner Familie hoch oben in der Natur etwas ab von Schuss lebt, sieht er eher als Vor- denn als Nachteil. "Wir bekommen hier oben oft viel mehr mit als die Leute im Dorf, weil man alles überblicken kann", sagt er. Außerdem seien er und seine Familie nicht in einem, sondern gleich in drei Dörfern zu Hause: Reinhardshain, Saasen und Göbelnrod. Natürlich fände es Stark manchmal schön, "mal schnell rüber zum Nachbarn zu gehen". Andererseits habe es aber auch Vorteile, auf dem Wirberg alleine zu sein: "Wenn ich ganz laut quer über den Hof rufe, stört das niemanden."

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