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Hain

Wenn Jungen trotzig sind

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Reiskirchen (la). Dr. Ulrich Hain aus Gießen informierte in einem Vortrag bei der Heimatgeschichtlichen Vereinigung (HGV) in der Alten Schule Burkhardsfelden über Schulstrafen vor hundert Jahren. Der HGV-Vorsitzende Kurt Herber sagte, der Vortrag passe hervorragend als Einstieg in die Jahresausstellung der Vereinigung. Sie wird am 10. November im Bürgerhaus zum Thema "Schule in Reiskirchen" präsentiert.

Quelle für den humorvollen Beitrag über die Schulstrafen war eine Statistik aus einem preußischen Strafbuch der Schule in Edelsberg in der Nähe von Weilburg 1913 bis 1920. Es waren Strafen durch Züchtigung, die aus "Streichen" (Hieben) auf Gesäß oder Hand bei Jungen oder Rücken und Hand bei Mädchen bestanden. Es handelte sich um unterschiedliche Vergehen, die so geahndet wurden. Zu den Störungen des Unterrichtes gehörten Lachen, Beißen, Treten sowie Unanständigkeit. Am häufigsten wurde die Schwatzhaftigkeit notiert - 39-mal bei Jungen, 36-mal bei Mädchen.

Wesentlich höher waren die Zahlen bezüglich der indirekten Störungen, dem Arbeitsverhalten. Die Faulheit stand mit 168 Vergehen bei den Jungen und 59 bei den Mädchen an der Spitze, aber auch die Unordnung brachte es auf 90 Notierungen bei den Jungen und 25 bei Mädchen.

Das Sozialverhalten kam noch einmal im Rahmen der Lehrer-Schüler-Interaktion zum Ausdruck. Hier wurden Ungezogenheit und Frechheit bei den Jungen 88-mal und nur einmal bei den Mädchen notiert. Führend waren die Jungen auch im Lügen, bei Trotz, Widerspenstigkeit und Gleichgültigkeit.

Die Strafen beschränkten sich nicht nur auf Vergehen innerhalb der Schule und während des Unterrichtes, auch außerschulische Verfehlungen wurden sanktioniert. Dazu zählten Steinewerfen allgemein sowie auf Militärpferde, das Verwüsten von Gärten oder Zerstören eines Vogelnestes. Diebstahl kam bei den Jungen sehr häufig vor, ebenso das Stören von Beerdigungen.

Die Klassen waren sehr groß und vor allem in Dorfschulen wurden mehrere Jahrgänge in einem Raum unterrichtet. Es gab keine Möglichkeit, dass sich der Lehrer mit einem einzelnen Kind beschäftigen konnte. Unterrichtsziele waren eben Gehorsam, Fleiß, Ordnung und Sauberkeit. Anders sah es allerdings ein Vierteljahrhundert später aus.

Strafstehen in der Ecke

Schon 1945 hatten die westlichen Besatzungsmächte die körperliche Züchtigung verboten. 1946/47 gab es einen Erlass, wonach physische Bestrafung nicht erlaubt war. Trotzdem war die körperliche Züchtigung keinesfalls abgeschafft. Es waren zum Teil die gleichen Methoden, die schon viele Jahre zuvor angewendet wurden. Stundenlanges Stehen in einer Ecke, Schläge mit dem Gesangbuch auf den Kopf oder das Werfen mit einem schweren Schlüsselbund auf Schüler standen immer noch auf der Tagesordnung. Es war wohl ein "Gewohnheitsrecht", das manche Lehrkräfte dazu verleitete. (Foto: la)

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