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Über Neujahr durfte keine nasse Wäsche aufgehängt werden - sonst wurden schwere Krankheit und Tod im neuen Jahr befürchtet. FOTO: PANTHERMEDIA/MICHAKLOOTWIJK

Silvesterbräuche

Bräuche zum Jahreswechsel: Warum früher in alten Unterhosen ins neue Jahr gestartet wurde

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Keine frische Unterwäsche, mit Stroh umwickelte Bäume und Obstverbot: In Mittelhessen gab es früher zahlreiche Bräuche rund um den Jahreswechsel.

Silvester wird heutzutage in erster Linie mit Böllern, Raketen und Wunderkerzen gefeiert. In früheren Zeiten rankten sich viele Sitten und Bräuche in den Dörfern um die letzten Tage der Jahreswende und speziell um den Silvester- und Neujahrstag. Viele von ihnen sind in Vergessenheit geraten. Nur einige Ältere kümmern sich noch um deren Einhaltung.

Am Neujahrstag wurde einst in zahlreichen Haushalten darauf Wert gelegt, dass an diesem Tag kein Obst gegessen wurde. Dabei ging es nicht nur um importierte Früchte, sondern auch um heimische Äpfel und Birnen.

Bei neuer Wäsche Furunkel befürchtet

Zudem war das Anziehen von frischer Unterwäsche verboten. War ein Wechsel der Unterwäsche unbedingt erforderlich, so erfolgte dieser schon am Silvestertag. Verstieß man dagegen, so musste man damit rechnen, dass man im neuen Jahr Furunkel und Geschwüre bekommt. Trat das tatsächlich ein, dann triumphierten schließlich die an die alten Überlieferungen Glaubenden.

In vielen Familien stand am Neujahrstag zudem Weißkraut auf dem Mittagstisch. Das sollte bewirken, dass das ganze Jahr über Geld im Haus war.

Träume sollten sich erfüllen

Noch heute wird in vielen Haushalten darauf geachtet, dass über Neujahr keine nasse Wäsche zum Trocknen aufgehängt wird, da sonst schwere Krankheit oder sogar Tod über die Familie hereinbrechen.

Am Nachmittag des letzten Tages im Jahr wurden die Obstbäume im Garten und auf den in der Nähe des Dorfes gelegenen Obstbaumgrundstücken mit Stroh umwickelt. Diese Aktion, die nur während des Abendläutens (um 17 Uhr) erfolgte, sollte im kommenden Jahr eine reiche Obsternte bewirken. Während des Strohbindens durfte nicht gesprochen werden. So geschah es, dass manche Gartennachbarn wortlos ihre Arbeit verrichteten, fest an den Erfolg glaubend.

Die Träume, die man in den letzten sechs Nächten des alten Jahres und in den ersten sechs Nächten des neuen Jahres hatte, sollten sich im neuen Jahr erfüllen. Man "wusste" sogar in welchem Monat; denn die Nächte standen stellvertretend für die zwölf Monate des neuen Jahres. Waren es Träume wie Krankheit oder sogar Tod, so sah man schon mit Bangen den kommenden Ereignissen entgegen.

Zwiebelringe zeigten nasse Monate

Aufmerksam beobachtete man das Wetter in den letzten vier Tagen des alten Jahres. Jeder Tag stellte ein Quartal im neuen Jahr dar. So wie das Wetter an dem betreffenden Tag des Jahres war, so stellte man es sich auch in dem entsprechenden Vierteljahr des nächsten Jahres vor. Ältere Menschen stellten in der Neujahrsnacht um Punkt Mitternacht fest, woher der Wind wehte. Aus dieser Himmelsrichtung kamen im neuen Jahr die schweren Gewitter, so der Glaube.

Ein weiterer Brauch: Von einer Zwiebel wurde die Schale entfernt. Zwölf Ringe der Zwiebel stellten die Monate des Jahres dar. Auf jene Ringe wurde nun Salz gestreut. Da, wo das Salz als erstes zu Wasser wurde, das waren die nassen Monate.

Rund um diesen Aberglauben rankt sich noch eine andere hübsche Geschichte. Vor etlichen Jahrzehnten soll sich ein Witzbold in Reiskirchen einen besonderen Scherz mit jener Zwiebel erlaubt haben. Er hatte sie nämlich vorher einfach ins Wasser gelegt. Bei der Ausführung des Brauchs waren dann plötzlich alle zwölf Ringe sofort feucht. Weil alle anderen von diesem Scherz keine Ahnung hatten, dachten sie tatsächlich, dass ein sehr nasses Jahr bevorstehen würde. Eine ältere Frau verlor sogar die Fassung und schrie ganz aufgebracht: "Es gebt e nass Juhr, es verfault alles, es verfault alles."

So prägten diese und noch viele weitere Bräuche einst das Leben auf dem Land.

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