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Kanzleramtsminister Helge Braun (2.v.r.) nimmt zusammen mit Vertretern des hessischen Waldbesitzerverbandes an einer Exkursion durch den Wald bei Ettingshausen teil. Dabei werden die vielfältigen Probleme bei der gegenwärtigen Bewirtschaftung erläutert.

Dem Wald geht es nicht gut

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Reiskirchen (vh). Der Wald hat im kollektiven Bewusstsein der Deutschen seinen Stellenwert als Naturidyll. Dieser Wert verliert seit den 80er Jahren für Waldbesitzer an Reiz. Vom sauren Regen und Orkanen über Hitze und Trockenheit bis hin zu Schädlingen und Pilzbefall reicht die Negativliste. Im 200 Hektar großen Wald der Familie von Petra Hinkel (vormals Dieter Blei) hat wirtschaftliche Not das Idyll im Würgegriff. Blei nennt die Situation "eine kleine Katastrophe" und folgert, "ein kleiner Waldbesitzer wird darüber nicht mehr Herr". Früher habe die Waldbewirtschaftung manch ein Immobilienprojekt ermöglicht. Jetzt fließe Geld in umgekehrter Richtung, damit der Forstbetrieb erhalten werde, bedauert Blei.

Kanzleramtsminister Prof. Helge Braun erfuhr im Laufe von zwei Stunden, warum das so ist. Der hessische Waldbesitzerverband hatte Braun zu einer Waldbegehung nach Ettingshausen eingeladen. Man wollte dem Bundestagsabgeordneten und Minister beispielhaft vor Ort erläutern, warum in der jüngeren Vergangenheit viele Forstbetriebe in wirtschaftliche Not geraten sind. Außerdem ging es um finanzielle Unterstützung durch den Bund.

Kommt Aufforstungsprogramm?

Braun sagte nach zwei Stunden dichter Information: "Das war sehr aufschlussreich". Ihm sei gerade die Vielschichtigkeit bewusst geworden. Die allgemeine Begeisterung über den Wald teilten viele Politiker in der Hauptstadt, sagte Braun. Aber: "Das Problem ist größer als bisher in Berlin bekannt". Ein zusätzliches Dilemma: Waldbrände als Folge großer Trockenheit wie soeben in Brandenburg.

Die Sache mit dem Fördergeld war schnell abgehandelt. Mögliche Finanzhilfen seien zuvor mit den Bundesländern abzuklären. Die Waldbegeher nickten verständnisvoll. Braun ordnete die Exkursion als passend zur Klimadebatte ein. Nach der Sommerpause werde Berlin einen "Schritt fürs Klima" tun und vielleicht ein Aufforstungsprogramm aufstellen. Braun: "Dafür brauchen wir von Ihnen gute Argumente". Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hatte kürzlich ein "Mehrere-Millionen-Bäume-Programm" angedeutet.

Carl-Anton Prinz zu Waldeck (Bad Arolsen, Präsidiumsmitglied Hessischer Waldbesitzerverband) vertrat die Ansicht, dass die Hitze- und Trockenschäden seit 2018 "völlig unterrepräsentiert in der Öffentlichkeit" seien. Die Beihilfen aus dem "De-minimis"-Förderprogramm (200 000 Euro innerhalb von drei Steuerjahren) nannte er "einen Tropfen auf den heißen Stein". Diese Beihilfe müsse verdoppelt werden.

Uwe Steuber, Bürgermeister der Kleinstadt Lichtenfels (nahe Edersee) und Präsidiumsmitglied des Waldbesitzerverbandes, teilte mit, früher sei der Erlös aus dem Wald (40 Prozent der Stadtfläche) halb so hoch wie die Einnahmen aus der Gewerbesteuer gewesen. Heute dagegen belaste die Forstwirtschaft den Stadthaushalt. Steuber: "Wir sind unsicher, was wir aufforsten sollen".

Blei sagte, "der Forsteinrichter hat gesagt, ›versuchen Sie es mit Douglasien‹". Doch Kulturen dieser Baumart sehen im Familienwald meist erbärmlich aus. Die Fichte gehe in jeder Altersklasse kaputt, braune Nadeln deuten darauf hin, gestandene Kiefern färben ebenfalls auf braun (Rußrindenkrankheit), und die Esche verabschiede sich bereits im Stangenalter durch Triebsterben.

Allerorten seien die Schadensbilder ähnlich, unplanmäßig steige das Angebot an Schadholz. "Der Holzmarkt ist seit Monaten eingebrochen. Es gibt nur geringe Preise", weiß Prinz zu Waldeck. Wertvolles Stammholz, das Hinkel und Blei aus der Bredouille helfen könnte, ist in ihrem Wald Mangelware.

Reiskirchens Revierförster Dieter Illhardt erläuterte, "die letzten 30 Jahre hat der Blei’sche Betrieb über die Hälfte des Holzvorrats verloren". Lange Produktionszeiten (älter als 80 Jahre) erlebten die Bäume hier immer öfter nicht mehr. Das planmäßige Handeln früherer Tage bei den Neuanpflanzungen werde ersetzt durch "Versuch und Irrtum". Christian Raupach, Verbands-Geschäftsführer aus Friedrichsdorf, möchte zunächst eine ökologische Katastrophe abgewendet haben als ausschließlich dicke Baumstämme zu erziehen.

Weitere Exkursionsteilnehmer waren Sylvia Ruppel (Hungen, Vorstandsmitglied im Verband) sowie Alexander Zeihe (Berlin, Geschäftsführer Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände). Raupach dankte dem Kanzleramtsminister mit dem Buch "Bäume" von Hugh Johnson für sein Kommen. Waldbesitzerin Petra Hinkel erhielt ebenfalls ein Exemplar.

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