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Die Teilnehmer einer Spinnstube in Hattenrod auf einem rund 100 Jahre alten Foto. REPRO: LA

Treffpunkt für die Dorfjugend

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Reiskirchen (la). Heute lernen sich viele jungen Menschen via Internet und Flirt-Apps kennen - gerade jetzt, wo es keine Kirmesse gibt und weggehen nicht möglich ist. Früher gab es keine Dating-Apps, aber dafür die Spinnstube. Dort fanden sich viele Paare, die Jahre später heirateten und sehr glücklich waren.

Die Rahmenbedingungen klingen romantisch: Im Ofen knistern die brennenden Holzscheite, das Surren des Spinnrades liuegt in der Luft. Als die ersten Spinnstuben aufkamen, stand noch das Spinnen selbst im Mittelpunkt. Später kam das Stricken hinzu. Überlieferungen aus der Anfangszeit sind jedoch rar.

Bekannt ist, dass die Saison der Spinnstubenabende mit Beginn des Winterhalbjahres und den kürzeren Tagen startete. Sie fanden im Wechsel in verschiedenen Häusern statt, dabei wurde sich eine Woche lang allabendlich im Hause eines Mädchens eingefunden. Zu den Burschen ging es nicht in die Spinnstube.

Zuerst war es die gesamte Dorfjugend, die zu gemütlichen Stunden zusammentraf. In späteren Jahren ging man mehr in Schuljahrgängen zusammen.

Zu dem Stricknadelgeklapper der Mädchen sangen die Burschen schöne Volksweisen, die oft von dem damals sehr beliebten Instrument, der Ziehharmonika, begleitet wurden. Neuigkeiten wurden geteilt, zudem auch mal ein selbst gebrannter Schnaps verköstigt.

Selbstverständlich waren die Burschen auch zwischendurch zu Neckereien aufgelegt. So wurden einem Mädchen einmal die gesamte Strickarbeit des Abends wieder aufgezogen. Um 23 Uhr war Schluss. Diese Zeit wurde unbedingt eingehalten, da man wusste, dass danach der Polizeidiener bzw. Nachtwächter kam, der im Allgemeinen ein strenger und unbestechlicher Mann war. Häufig wurde versucht, den Polizeidiener dazu zu bewegen, ebenfalls »Einen« mitzutrinken - was jedoch nur selten gelang.

Die Fastnacht wurde besonders gefeiert, ebenso die »lang Noacht« zur Wintersonnenwende. Da wurde bis in die frühen Morgenstunden getanzt.

Hans Lochmann, der heutige Geschäftsführer des Museumsverbandes Niedersachsen und Bremen, hat während seiner Studienzeit in Gießen mit alten Hattenrödern über die Spinnstubenabende gesprochen. Diese wurden bis in die 1950er Jahre im Dorf gepflegt. Dann wurde die Konkurrenz durch andere Veranstaltungen zu groß, zudem konnte man dank Motorisierung auch Feste in anderen Orten leichter besuchen.

Ein weiteres Problem war, berichtet Lochmann, dass immer weniger dazu bereit waren, die jungen Leute in die »Gute Stube« zu lassen und zu versorgen.

Dennoch erinnerte man sich gerne an diese Zeit. Das zeigten Veranstaltungsabende der Heimatgeschichtlichen Vereinigung oder ein entsprechender Spinnstubenabend vor einigen Jahren in Harbach, der viele Besucher anlockte. Damals wurden Spinnstubenlieder gesungen, bis traditionell der Nachwächter zum Ende erschien.

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