DJ Ebony. FOTO: PM
+
DJ Ebony. FOTO: PM

Interview mit DJ Ebony

Stamm-DJ des "Fun" in Reiskirchen über Partys in Corona-Zeiten und Piña Coladas für 25 Euro - Stirbt gerade die Clubkultur?

  • vonStefan Schaal
    schließen

Michael Pohl ist Stamm-DJ im Club Fun in Reiskirchen. Als DJ Ebony hat er im Kreis Gießen seit 1999 bereits in so gut wie allen Clubs und Diskotheken der Region schon einmal aufgelegt. Ein Interview über eine sich ändernde Clubkultur.

DJ Ebony, stirbt gerade die Clubkultur?

So wie wir die Clubkultur kennen und wie wir vor Corona nachts gefeiert haben, wird es lange Zeit nicht mehr gehen. Und je länger die Einschränkungen uns treffen und das Virus unseren Alltag und unser Denken prägt, um so schwieriger wird es, die Menschen für die Clubkultur wieder zu gewinnen. Auch was das Feiern angeht, hat Corona die Leute verändert.

Wie meinen Sie das?

Tanzen, dicht an dicht, daran ist einfach nicht zu denken. Selbst wenn bei allen Auflagen, Abstandsregeln und Beschränkungen einige Leute in einen Club gehen würden, könnten die Betreiber nicht die laufenden Kosten decken. Ein befreundeter Inhaber eines Clubs hat es durchgerechnet. Er müsste die Piña Colada dann für 25 Euro verkaufen.

Vielen Diskotheken droht somit das Aus.

Es wird auf jeden Fall sehr schwierig. Die Clubszene ist ja schon länger ins Wanken geraten, in letzter Zeit auch durch das Aufkommen der Shisha-Bars. Im Gießener Raum, früher eine Hochburg von Hip-Hop und R’n’B, geht die Zahl der Diskotheken ohnehin seit Jahren stark zurück, das hat auch mit dem Abzug der US-Soldaten zu tun.

Wie kommen Sie derzeit über die Runden?

Die Musik ist zum Glück nicht mein einziges Standbein. Ich arbeite hauptberuflich in der Logistikbranche. Würde ich nur Musik machen, stünde ich auf jedem Fall vor dem Aus.

Als DJ treten Sie derzeit mit Livestreams im Internet auf. Einnahmen bringt das nicht.

Nein, aber wir wollen nicht aus dem Gedächtnis gedrückt werden. Ich halte so Kontakt mit Clubgästen. Aber selbst die Livestreams werden uns erschwert. Als DJ spiele ich ja Musik von anderen Künstlern, da macht mir Facebook mit seinem Algorithmus einen Strich durch die Rechnung. Ich weiche auf das Netzwerk Twitch aus, da ist die Reichweite aber viel geringer.

Haben Sie Ideen oder Wünsche, wie man die Clubkultur retten könnte?

Vielleicht mit Maßnahmen wie in der Fußball-Bundesliga. Wenn alle Clubgäste vorher auf Corona getestet würden und nur die Gesunden in die Diskothek dürften. So könnte man für ein Gefühl von Sicherheit sorgen. Man würde dadurch aber auch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft schaffen. Ein Wunsch wäre, dass die Politik Betreibern von Clubs ermöglicht, laufende Zahlungen aussetzen zu können,

Gibt es eigentlich so etwas wie Solidarität unter den DJs?

Die gibt es, viele DJs sind befreundet. Wir sollten uns aber, denke ich, in diesen Zeiten stärker zusammenschließen.

Und was gibt Ihnen in diesen Zeiten Hoffnung?

Ich bin als DJ seit 1999 unterwegs, habe mit 16 angefangen und habe schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Eine Zeitlang gab es hier in der Region mehrere Diskotheken-Ketten, die bundesweit ihre eigenen DJs eingesetzt haben. Aber ich habe es trotzdem immer wieder geschafft, Fuß zu fassen. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt. Und eins steht fest: Irgendwann wird es wieder die erste Party nach Corona geben. Und die wird in die Geschichte eingehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare