Besser geht es nicht: Basem Alssaghir (2. von links) hat bei der Gesellenprüfung als Maler und Lackierer 100 Punkte geschafft. Meister Christian Kutscher (2. von rechts) hat ihn ausgebildet. Björn Hendrischke, der Hauptgeschaftsführer der Kreishandwerkerschaft, Lehrerin Martina Eishauer und Marina Steinmüller, die Vorsitzende des Prüfungsausschusses, gratulieren. FOTO: US
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Besser geht es nicht: Basem Alssaghir (2. von links) hat bei der Gesellenprüfung als Maler und Lackierer 100 Punkte geschafft. Meister Christian Kutscher (2. von rechts) hat ihn ausgebildet. Björn Hendrischke, der Hauptgeschaftsführer der Kreishandwerkerschaft, Lehrerin Martina Eishauer und Marina Steinmüller, die Vorsitzende des Prüfungsausschusses, gratulieren. FOTO: US

Prüfung mit Bestnote

Der Syrier Basem Alssaghir ist jetzt Maler und Lackierer

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Der Bürgerkrieg in seinem Heimatland Syrien hat die Pläne von Basem Alssaghir durchkreuzt. Er hat in Saasen eine Ausbildung zum Maler und Lackierer gemacht mit einem sensationellen Ergebnis.

Seit zwölf Jahren ist Björn Hendrischke Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Dass ein Auszubildender die Gesellenprüfung mit der Höchstpunktzahl 100 ablegt, ist ihm aus allen Gewerken bisher nur ein einziges Mal erinnerlich. Doch jetzt gibt es wieder so einen Fall. In diesem Sommer hat ein angehender Maler und Lackierer die Bestnote geschafft.

Ein spezieller Fall

Der Fall ist in mehrfacher Hinsicht speziell. Basem Alssaghir ist bereits 40 Jahre alt. Als er am 7. Januar 2016 nach der Flucht aus dem kriegsgeschüttelten Syrien in Deutschland ankam, sprach er kein Wort Deutsch. Und mit Handwerk hatte er bis dato auch nichts am Hut. Der Sohn eines Händlers aus Salamiyya hat in Damaskus Philosophie studiert.

Doch seit August 2017 beschäftigt er sich nicht mit Heidegger oder Hegel, sondern mit Farbgestaltung und Gebäudesschutz. "Ich bin zufrieden", sagt er. Und andere sind es auch, sogar mehr als das. Sein Chef Christian Kutscher zum Beispiel, der froh ist, einen Mann mit so großem Einsatzwillen in seinem Betrieb zu haben. Seine ehemalige Berufsschullehrerin Martina Eishauer, die ihm von Anfang an Mut gemacht hat. Und Marina Steinhauer, die Vorsitzende des Prüfungsausschusses, die hofft, dass der Einser-Absolvent der Branche erhalten bleibt und nicht doch noch in die Philosophie abwandert.

Schriftsprache ist große Hürde

Auch wenn Alssaghir eine besonders gute Note erzielt hat, so ist er doch kein Einzelfall. "Kein Wirtschaftszweig hat Geflüchtete in dem Umfang integriert wie das Handwerk", sagt Björn Hendrischke. "Es funktioniert mit Ehrgeiz, Wille und Unterstützung." Die größte Hürde sei dabei die Alphabetisierung. Ohne ausreichende Kenntnisse auch der Schriftsprache sei eine Ausbildung nicht zu meistern.

Über seine Flucht mag Alsagghir nicht viel erzählen. Als Ende 2015 die Einberufung drohte, habe ihn sein Vater zum Weggehen ermuntert. Über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute gelangte er nach Deutschland, erst nach München, dann nach Gießen, wo ein Neffen lebt. "Ich habe drei Tage lang geschlafen", erinnert er sich an seine Ankunft.

Berufliche Heimat in Saasen

Die nächsten beiden Stationen, eine Erstaufnahmeinrichtung auf dem Neckermann-Areal in Frankfurt-Fechenheim und eine Gemeinschaftsunterkunft in Saasen, hätten unterschiedlicher nicht sein können. "Wo bin ich hier gelandet? Wo sind denn hier die Menschen": So schildert der Großstädter Alssaghir rückblickend den ersten Eindruck von seinem neuen Wohnort in der Großgemeinde Reiskirchen. So schlimm kann es dann doch nicht gewesen sein. Noch immer lebt er in Saasen; hier hat er seine berufliche Heimat gefunden.

"Ich stamme aus einer Familie, die Bücher liebt", erzählt Alssaghir. Er tut das auch. Aber an eine Fortsetzung seines Studiums war wegen der sprachlichen Hürden nicht zu denken. Nichtstun kam aber nicht in Frage. "Ich finde das Sozialsystem in Deutschland gut", sagt der Mann aus Syrien. "Ich will meinen Beitrag dazu leisten." Vor Ort in Saasen sah er für sich zwei Möglichkeiten: Elektriker oder Maler. Er hat sich für Maler entschieden. "Ich habe an Goethe und seine Farbenlehre gedacht." Bei der C. Kutscher Baudekoration geriet der verhinderte Philosoph an die richtigen Adresse. "Wir waren froh, dass jemand an unserem Handwerksberuf Interesse zeigt", sagt Meister Christian Kutscher.

Großes Glück gehabt

Dass Alssaghir hoch motiviert ist, sagen alle, die mit ihm zu tun haben. Dass er Glück hatte, sagt der 40-Jährige von sich selbst. Immer wieder sei er auf hilfsbereite Menschen gestoßen. Christian Kutscher gehört ganz bestimmt dazu. Denn es gab eine Zeit, da spielte Syrer mit dem Gedanken, seine Ausbildung an den Nagel zu hängen und sich, wie so viele Geflüchtete, als Hilfsarbeiter zu verdingen, um seine Familie finanziell unterstützen zu können.

Sein Chef half ihm über diesen Engpass hinweg. Unterstützung gab es auch an der Willy-Brandt-Schule, wo der Berufsschüler im Unterricht zunächst nur Bahnhof verstand. Doch in Martina Eishauer fand er eine motivierende Lehrerin. "Sie hat so viel Geduld gehabt, das werde ich ihr im Leben nicht vergessen", sagt Alssaghir.

Die Prüfer beeindruckt

Die Gesellenprüfung mit ihrem eintägigen Theorie- und dem mehrtägigen Praxisteil war dann aber doch eine besondere Herausforderung. "Das ist schon eine heftige Prüfung", sagt seine Lehrerin, Umso mehr für Alssaghir. Im Schriftlichen musste er das Zeitlimit voll ausschöpfen, mitten im Praxisteil erfuhr er von Bombenanschlägen in seiner Heimatstadt und hatte eine schlaflose Nacht, ehe klar, war, dass seine Familie davongekommen ist. Trotzdem beeindruckte er seine Prüfer nachhaltig mit einer vom Kubismus inspirierten Raumgestaltung.

Den Traum von einem Master in Philosophie hat der Mann aus Syrien wohl endgültig begraben. Sein nächstes Ziel ist die Meisterprüfung. Erst einmal aber ist er bei seinem Ausbildungsbetrieb als Geselle angestellt. Bei der Arbeit trifft er übrigens Landsleute. Christian Kutscher hat zwei weitere Auszubildende aus Syrien angestellt.

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