Auf einer Corona-Party in Reiskirchen (Kreis Gießen) hat ein junger Mann einen weiteren ein Messer in den Hals gerammt. (Symbolbild)
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Auf einer Corona-Party in Reiskirchen (Kreis Gießen) hat ein junger Mann einen weiteren ein Messer in den Hals gerammt. (Symbolbild)

Messerattacke

Corona-Party im Kreis Gießen endet blutig: „Hals von oben bis unten aufgeschlitzt“

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Auf einer illegalen Corona-Party in Reiskirchen (Kreis Gießen) kommt es zum Streit um Drogengeschäfte. Ein 21-Jähriger zieht sein Messer und sticht zu.

  • In Reiskirchen (Kreis Gießen) hat eine Corona-Party ein blutiges Ende gefunden.
  • Ein 21-Jähriger rammt seinem Kumpel im Streit ein Messer in den Hals.
  • Nun endete der Gerichtsprozess gegen den Angreifer mit einer Haftstrafe.

Reiskirchen-Ettingshausen – Es ist der 1. Mai 2020. Fünf junge Leute feiern mitten im Lockdown in einer Souterrainwohnung in Reiskirchen-Ettingshausen eine illegale Party. Man trinkt, man chillt, man raucht Marihuana. Später am Abend geraten zwei Gäste über ein Drogengeschäft in Streit. Es kommt zu einem Handgemenge, das für einen der beiden lebenslang sichtbare Folgen haben wird. Sein Kontrahent fügt ihm mit einem gebogenen Einhandmesser eine tiefe Schnittwunde zu, seither zieht sich eine lange Narbe von der Schläfe über den Hals des 30 Jahre alten Opfers.

Doch auch für den 21-jährigen Angreifer bedeutet die Corona-Party eine Zäsur. Seit Mai sitzt er in Untersuchungshaft. Am Freitag verurteilte ihn das Schöffengericht Gießen wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten und folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. »Sie haben ausgeholt und ihm von oben bis unten den Hals aufgeschlitzt«, sagte Richterin Sonja Robe. »Das ist keine Notwehr.«

Messer-Attacke auf Corona-Party in Reiskirchen (Kreis Gießen): Notwehr unglaubwürdig

Sie wischte damit die Argumentation von Rechtsanwalt Alexander Hauer beiseite, der die Ansicht vertrat, dass sein Mandat die Folgen seines Tuns im entscheidenden Moment nicht abschätzen konnte und meinte, sich verteidigen zu müssen. Staatsanwalt Thomas Hauburger hingegen ging in seinem Plädoyer den Angeklagten scharf an. »Man kann sich auch anders verteidigen, als einem Menschen ein Messer in den Hals zu rammen.«

Auslöser des Streits war ein Drogengeschäft. Der 21-Jährige fühlte sich von seinem späteren Opfer übers Ohr gehauen, weil der ihm nicht die vereinbarte Menge Marihuana geliefert haben soll. Erst beleidigte man sich, dann kam es zu Handgreiflichkeiten. Wie ernst diese waren, darüber gingen die Aussagen vor Gericht auseinander. Der Angeklagte suggerierte Schläge, die Zeugen konnten sich eher an ein Geschubse erinnern.

Messer-Attacke in Reiskirchen (Kreis Gießen): Gastgeberin ging in Streit um Drogendeal dazwischen

Allerdings sagten gleich zwei Gäste aus, dass sich die Gastgeberin zwischen die beiden Streithähne gestellt hatte. Die junge Frau bestätigte das. »Es ging mir voll auf den Sack, dass die beiden jetzt Terror bei mir machen.« Doch sie wurde von dem 21-Jährigen beiseite geschoben. Kurz darauf kam es zu der gefährlichen Attacke. Dass der Angeklagte ein schnell zu öffnendes Messer bei sich führte, war allen Partygästen bekannt. Er habe gerne damit herum gespielt, sagten die Zeugen übereinstimmend.

In der Beweisaufnahme konnte die Frage nach der Heftigkeit der Auseinandersetzung nicht abschließend geklärt werden. Für Staatsanwalt Hauburger spielte sie letztlich keine entscheidende Rolle. »Auch wenn Sie sich geschlagen haben, wäre der Stich nicht erforderlich gewesen.«

Messer-Attacke in Reiskirchen (Kreis Gießen) hat für Opfer gesundheitliche Folgen

Für das Opfer, das nun als Nebenkläger auftrat, hatte die Tat erhebliche Folgen. Der 30-Jährige fühlt sich durch die tiefe Narbe am Hals entstellt. Zudem wurden Nerven und Muskeln durchtrennt. Der Mann berichtete von Taubheitsgefühlen und Kribbeln, von Schwierigkeiten, den Kopf zu wenden und verschärften psychischen Problemen, an denen seine Beziehung zerbrochen sei. Dass der Angeklagte seine Tat in einer seiner wenigen Wortmeldungen bedauerte, nahm der 30-Jährige zur Kenntnis. »Es wird nie wieder so sein wie vorher.«

Meist ließ der Täter seinen Verteidiger für sich sprechen. Rechtsanwalt Hauer hatte gleich zu Beginn dargelegt, dass sein Mandant das Messer erst gezogen habe, als er sich nicht mehr zu helfen wusste. Er plädierte deshalb auf Notwehr und Freispruch. Falls das Gericht dieser Sichtweise nicht folgen wolle, wären hilfsweise ein minderschwerer Fall und eine Freiheitsstrafe auf Bewährung in Betracht zu ziehen. Bei dem jungen Mann seien Hopfen und Malz noch nicht verloren, gab Hauer zu bedenken. »Er hat eine Familie, die ihn unterstützt. Er hat Arbeit.« Und er habe das Ziel, seine abgebrochene Ausbildung als Maler und Lackierer doch noch zu Ende zu führen.

Täter war schon vor Messer-Attacke in Reiskirchen (Kreis Gießen) straffällig geworden

Dass weder Staatsanwaltschaft noch Gericht sich dieser Auffassung anschließen mochten, hat auch mit einem früheren Vorfall zu tun. 2016 war der Angeklagte wegen sexueller Nötigung und räuberischer Erpressung zu einer Jugendstrafe auf Bewährung und, als »Schuss vor den Bug«, zu zweiwöchigem Arrest verurteilt worden. Sein Opfer war damals eine 15-jährige ehemalige Mitschülerin. Sie litt nach der Tat unter Angstzuständen.

Nach dem Plädoyer des Staatsanwalts meldete sich auch der Vertreter der Nebenklage zu Wort. Rechtsanwalt Christian Koniecny konnte »diesem beschissenen Fall« auch gute Seiten abgewinnen. Sein Mandant habe Glück, »dass er überhaupt noch hier sitzt.« Und der Angeklagte, dass er sich nicht wegen eines Tötungsdelikts verantworten müsse. »Dann würden wir hier über fünf Jahre sprechen«, hatte zuvor schon Staatsanwalt Hauburger gesagt.

Nach dem Urteilsspruch wurde der Angeklagte in Handschellen vor den Augen seiner Mutter wieder zurück in die JVA Gießen gebracht. Dem Antrag, den Haftbefehl auszusetzen, war das Gericht nicht gefolgt. Gegen das Urteil sind Rechtsmittel möglich. (Ursula Sommerlad)

Auch in Gießen ist ein junger Mann mit einem Messer angegriffen und verletzt worden. Die Polizei hofft nun auf Zeugen, denn der Vorfall ereignete sich an einer bekannten Stelle in der Innenstadt.

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