Die Harbacher Gymnastikdamen beim Entkernen der Zwetschen für ein Backhausfest. FOTO: LA
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Die Harbacher Gymnastikdamen beim Entkernen der Zwetschen für ein Backhausfest. FOTO: LA

Obsternte einst und heute

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Reiskirchen(la). Der Herbst ist die Zeit der Ernte. In früheren Jahrzehnten hat man dem heimischen Obst, vor allem Äpfeln, Pflaumen, Birnen und Kirschen große Beachtung und Pflege geschenkt. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Obst- und Gartenbauvereine vor über hundert Jahren gegründet wurden. Der Obst- und Gartenbauverein Hattenrod blickt inzwischen auf eine 83--jährige Vereinsgeschichte zurück, die Garten- und Naturfreunde Bersrod (früher ebenfalls Obst- und Gartenbauverein) verweisen in ihrer Chronik auf die Gründung im Jahre 1892. Im Vordergrund stand die Selbstversorgung, denn Obst in vielfältiger Auswahl, wie es heute der Fall ist, gab es früher nicht.

Man war mit dem zufrieden, was auf den heimischen Obstbaumgrundstücken reifte. Wichtig war natürlich die Sortenauswahl, möglichst eine ausgewogene Mischung von frühem Obst, aber auch Obst, das erst im Frühjahr genießbar war.

"Päädche" gelegt

Obstanlagen erfüllten aber auch einen anderen, wirtschaftlichen Zweck. Es war schon eine Art von Alterssicherung, für die man sich schon in jungen Jahren einsetzte. Schließlich war der Verkauf von heimischem Obst begehrt und brachte eine entsprechende Rendite ein. Selbst die Gemeinde sah in dem Besitz von Obstanlagen eine nicht unerhebliche Einnahmequelle. Belege weisen ansehnliche Beträge aus.

Bis in die Hälfte des vergangenen Jahrhunderts galten Obstanlagen auf dem Lande als eine Art Lebensversicherung für das Alter. Gut gepflegte Obstbäume brachten vor allem im Herbst bei der Apfelernte Erträge ein, die mehr als nur einen kleinen Nebenverdienst darstellten.

Heute ist die Situation eine andere. Häufig muss man mit ansehen, wie das Obst unter den Bäumen verfault und verkommt. Ganze Anlagen werden gar nicht mehr abgeerntet und das Verkaufen von heimischem Obst, wenn es nicht professionell gepflegt wird, geht schon gar nicht.

Besonders gesellig ging es zu, wenn die Zwetschen entkernt wurden, um danach Kuchen zu backen. Mehr brauchte man, wenn Zwetschenhonig gekocht werden sollte. Das war schon eine aufwendige Arbeit, die aber auch garantierte, dass man über längere Zeit zum Frühstück einen guten Brotaufstrich hatte. Bei dieser Arbeit wurden immer viele Neuigkeiten ausgetauscht. Die zahlreichen Kerne, die dabei anfielen, wurden von den Jugendlichen geholt, die dann auf der Straße einen Pfad streuten (Päädche genannt), der vom Hause des Burschen zum Hause seiner Angebeteten führte. Ganz schnell, zum Teil auch überraschend, wussten schließlich fast alle im Dorf, wer mit wem inzwischen ein Verhältnis hatte.

War es manchem der Betroffenen besonders peinlich, wurden in aller Frühe, sobald man davon Kenntnis hatte, die Kerne entfernt, zumindest vor den "angestreuten" Häusern.

Waren alle Zwetschen entkernt, konnte am nächsten Tag "Quetschehoing" (Zwetschenmus) gekocht werden. Da es sich um eine große Menge handelte, wurde der Hoing im Kessel zubereitet. Nun erlaubte man sich oft den Scherz und schickte Kinder in die Nachbarschaft, um das "Hoingläterche" (Honigleiter) und gläserne Stiefel zu holen. Manche Nachbarn waren ratlos, andere ließen schon durch ihr Gelächter anmerken, dass diese angeführt worden waren, wieder andere packten etwas in einen Sack und gaben obendrein noch ein Leiterchen mit.

Auch heute kommt den Obst- und Gartenbauvereinen weiterhin besondere Bedeutung zu. Wichtig ist die Pflege der Streuobstwiesen ebenso wie der Naturschutz.

Nicht selten haben die Vereine auch eine Vogelschutzabteilung. Die Garten- und Naturfreunde Bersrod keltern Äpfel und unterstützen die Tafeln in Grünberg und Reiskirchen mit Apfelsaft in "Bag in Box"-Anlagen.

So ändern sich die Zeiten. Eine finanzielle Sicherung im Alter ist der heimische Obstbau, so wie er früher war, aber schon lange nicht mehr.

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