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Das Rotlicht-Geschäft ist auch im Kreis Gießen umkämpft.

Brandstiftung in Bordell

Kreis Gießen: Kampf um Vorherrschaft im Rotlicht-Milieu?

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Hat die Konkurrenz ein im Bau befindliches Bordell in Reiskirchen (Kreis Gießen) in Brand gesteckt? Ermittler halten das für ein mögliches Motiv.

Den Ermittlern vom Kommissariat für Organisierte Kriminalität schwante nichts Gutes. Die Genehmigung zweier Bordellbetriebe in der Carl-Benz-Straße in Reiskirchen (Kreis Gießen) beurteilten sie von Anfang an als problematisch. Noch ist keines der beiden Etablissements, von denen das größere den Gießener Hells Angels zugeschrieben wird, in Betrieb gegangen, doch die konkurrierenden Betreiber respektive ihre Mitarbeiter stehen sich bereits vor Gericht gegenüber.

Zwei Männer müssen sich seit Mitte Februar wegen des Vorwurfs der Brandstiftung verantworten. Die Anklage wirft ihnen vor, im kleineren der beiden Clubs noch während der Umbauphase in der Nacht zum 14. Mai 2018 Feuer gelegt zu haben. Mangels Sauerstoff-Zufuhr erstickten die Flammen recht schnell. Der Sachschaden wurde auf rund 17 000 Euro beziffert.

Prostitution im Kreis Gießen: Mehr Polizeipräsenz

Am dritten Verhandlungstag sagten unter andere jene Kriminalbeamte als Zeugen aus, die nach dem Brand vor Ort ermittelten. Schnell vermuteten sie, dass das Motiv für die Brandstiftung in der Konkurrenzsituation liegen könnte. Man habe entschieden, dass die Polizei mehr Präsenz zeigen solle, berichtete einer der Zeugen. Noch am selben Tag entdeckte eine Streife auf der Baustelle des FKK-Village eine scharfe Feuerwaffe. Am nächsten Tag wurde auch die Kripo am Village, dem früheren Hotel Alberg, vorstellig und traf dort drei Männer an, darunter der Angeklagte B. Er soll, so erinnerte sich der Zeuge, im Gespräch recht deutlich geworden sein. »Wir investieren Millionen und dann baut der hier einen Frikadellenpuff«, hat er nach Angaben des Kripo-Mannes gesagt.

Von Spannungen zwischen den Reiskirchener Bordellbetreibern hatte die Polizei schon früher gehört. Die Bauherren des kleineren Clubs, die Eheleute A., hatten die Ermittler telefonisch von Drohungen in Kenntnis gesetzt. Wenn sie ihr Projekt nicht aufgeben würden, werde »einer liegen bleiben«, soll ihnen bedeutet worden sein. Anzeige sei aber nicht erstattet worden. »Das ist ein Stück weit verpönt in diesen Kreisen«, sagte der Kommissar. Verteidiger Frank Richtberg hakte nach: »Konnten Sie verifizieren, ob die Bedrohung stattgefunden hat?« Antwort des Zeugen: »Nein.«

Von der Konkurrenzsituation in der Carl-Benz-Straße berichtete auch ein zweiter Kripo-Beamter. Nach der Brandstiftung hätten beide Bordellbetreiber begonnen, ihre Objekte mit eigenen Leuten zu sichern. Unter einem Kanaldeckel fanden die Ermittler eine scharfe Schusswaffe mit DNA-Spuren eines der Angeklagten. Doch eine Verbindung zur Brandstiftung ließ sich nicht herstellen. Die Ermittlungen steckten in einer Sackgasse, doch dann landete die Polizei einen Zufallstreffer. Kollegen in Alsfeld waren auf einem Gehöft auf einen Sack mit Kleidern gestoßen, die angeblich bei einer Straftat getragen wurden. Ein DNA-Abgleich führte zu den beiden Männern, die jetzt in Gießen auf der Anklagebank sitzen.

Der Kripo-Beamte im Zeugenstand erzählte geradezu begeistert von der Indizienkette, die die Ermittler nun Stück für Stück zusammenfügen konnte. Videos von der Brandstiftung hatten sie dank diverser Überwachungskameras im Bungalow in der Carl-Benz-Straße 6 sichergestellt, zudem einen Schuhabdruck vor dem Haus. Nun hatten sie dazu die komplette Tatbekleidung von zwei Personen mit DNA-Nachweis und zusätzlicher Individualkennung in Form von Schmutzflecken. »So etwas ist mir in 25 Jahren Dienst noch nicht passiert«, sagte der Zeuge. Die Ermittler gehen davon aus, dass sie genau sagen können, wer in der Tatnacht was getan hat. Angeklagter S. sei durch ein aufgebrochenes Fenster in den Bungalow eingestiegen und habe dem Angeklagten B. die Tür geöffnet. Mit gezogener Waffe seien die Männer dann durch die Räume gezogen, hätten Brandbeschleuniger verschüttet und schließlich in Brand gesetzt. Die Polizei vermutet, dass die Brandstifter in der Nacht zuvor den Tatort »ausbaldowert« haben. Sie beruft sich dabei auf Videoaufzeichnungen, auf denen zwei Autos zu sehen sind.

Prostitution im Kreis Gießen: Drohungen auf offener Straße

Nicht nur Kriminalbeamte standen am dritten Verhandlungstag im Zeugenstand. Auch ein früherer Mitarbeiter der Familie A., die nicht nur in der Carl-Benz-Straße investiert, sondern auch ein Bordell in Buseck und ein Minicar-Unternehmen betreibt, sagte aus. Er hatte im Oktober 2018 einige »Mädels« zum Shoppen in die Galerie Neustädter Tor in Gießen gefahren und berichtete, dass er beim Warten auf dem Parkplatz von zwei Männern, darunter der Angeklagte B. , bedroht worden sei. B. habe ihm zudem eine Ohrfeige versetzt und gesagt, dass er nicht mehr für die A.s arbeiten solle. »Sonst legt er mich um.« Die Schlussfolgerung des Zeugen: »Das ist eine Hells Angels-Gruppierung, die will das Milieu in Gießen komplett übernehmen.« Der Prozess wird fortgesetzt.

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