Fleischerei-Profi Enders in Reiskirchen feiert 175-Jähriges

Reiskirchen (la). "Von der Borstenzurichterei zu Enders Profi – Top" lautet der Untertitel eines hervorragend gelungenen Werkes von Prof. Christian W. Thomsen zum 175-jährigen Jubiläum der Firma Enders in Reiskirchen.

Karl-Ludwig Enders und Ludwig (Lutz) Enders sowie Prokurist Lutz Nargang und Dipl.-Betriebswirt Kim Backhaus stellten zusammen mit Dennis Meijlink (Mitarbeiter des Autors) die insgesamt 376 Seiten umfassende Schrift vor und gaben damit das Startsignal zum bevorstehenden großen Firmenereignis.

Aus dem anfänglichen "Ein-Mann-Borstensammel- und Zurichtungsbetrieb" ist im Laufe von sechs Generationen eine blühende mittelständische Firmengruppe geworden. Karl-Ludwig Enders lobte bei dieser Gelegenheit die ausgezeichnete Arbeit des Autors, Prof. Thomsen, dem es gelungen sei, die Geschichte des Unternehmens jeweils in Verbindung mit dem Geschehen in Reiskirchen, in Deutschland und in der Welt zu sehen.

Das Werk sei keine Werbung für die Firma und enthalte auch keinen Lobgesang auf die Enders-Sippe". Vielmehr biete es auch interessante geschichtliche Aussagen über die Gemeinde Reiskirchen und sei ebenso eingebettet in die bisherige wirtschaftliche Entwicklung des Raums Mittelhessen. Eine große Reihe von Mitarbeitern, auch ehemalige, sei bildlich festgehalten, jede inländische Filiale sei mit einem Eigenbeitrag vertreten.

Alle Mitarbeiter seien schon im Besitz eines Buches, ab Februar werde es auch an die Kunden weitergegeben. Insgesamt gebe es über 550 Mitarbeiter, hinzu kämen weitere einhundert in ausländischen Firmenfilialen. Trotz der Größe des Unternehmens verstehe man sich als Familienbetrieb und nicht als Konzern.

Begonnen hatte alles 1838. In einer Zeit, in der auch in Reiskirchen viele Männer wegen der wirtschaftlichen Not bis nach Amerika auswandern, "wanderte" Caspar Enders 1836 von Ettingshausen nach Reiskirchen "aus". Die einzige Art von Gründungsurkunde, die überliefert ist, besteht aus einer Eintragung im Gewerbeverzeichnis der Reiskirchener Bürgermeisterei aus dem Jahre 1840. Dort heißt es: "Caspar Enders von Reiskirchen betreibt seit 1838 für eigene Rechnung in Reiskirchen ein Handelsgeschäft mit Sauborsten und Bürstenbinder-Waaren, sowie mit Oelkuchen, unter der Firma: Caspar Enders".

Dessen Söhne Caspar Enders jun. und Ludwig Enders traten später in die Fußstapfen des Vaters und führten die Firmengeschäfte fort.

Wohnzimmer als Verkaufsraum

Die Lebenserinnerungen von Karl Enders, Vater von Karl-Ludwig Enders, sind es, die Einblicke in die Firmengeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewähren, die sonst wohl verloren gegangen wären. Es war ein bescheidenes Stammhaus von Familie und Firma, das Karl Enders detailliert beschreibt, wobei das Wohnzimmer auch gleichzeitig Büro, Verpackungsraum, Verkaufsraum war.

Das Jubiläumsbuch hebt sich auch dadurch von reinen Reklamedarstellungen ab, indem es auch die jeweiligen Lebensverhältnisse schildert, gleichzeitig einen Einblick in das Leben in der Gemeinde Reiskirchen gewährt und darüber hinaus auch die große Politik (zum Beispiel die Inflation, die Weltkriege) mit einbezieht und damit dem aufmerksamen Leser wertvolle Informationen zur Zeitgeschichte vermittelt

Ludwig Enders führte die Firma fort. Dessen Söhne Karl und Ludwig sind die nächste Generation, die aus der kleinen Firma ein modernes Großhandelsunternehmen formten. Karl Enders Unternehmens-Credo heißt: "Arbeiten, Arbeiten, logisches Danken, Vor- und Nachteile abwägen, etwas wagen, nicht zu viel, Risiko wird belohnt, aber dennoch nicht alles auf eine Karte setzen".

Aufwärtsentwicklung in 60-er Jahren

Und Karl Enders berichtet weiter: "Vater und zwei Söhne und Mutter und Frau, alle voll erwerbstätig. Wir hatten keine 40-Stunden-Woche, nein, wir arbeiteten jeden Tag 16 Stunden lang, auch an den Wochenenden. Das nennt man Aufbau nach Kriegsende." Interessant auch die Einblicke in das Familienleben der jungen Firmenchefs. Das Buch bietet eine Fülle von Informationen, und es wird somit nie langweilig, darin zu lesen.

Wer wächst, benötigt Platz, um sich auszudehnen. So entstanden in der Wirtschaftswunderzeit auf dem Gelände in der heutigen Endersstraße erste Gebäude. Die Firma wurde nun auch offiziell unter der Bezeichnung "Darmgroßhandel, Metzgereibedarf, Gewürze, Häute, Felle" geführt. Die sechziger Jahre bedeuteten für Enders eine Periode ständiger Aufwärtsentwicklung, somit Erweiterung der Aktivitäten, der Angebotspalette, des Vertriebs, der Gebäude und des Personals.

1964 starb der Seniorchef Ludwig II. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten längst seine beiden Söhne Karl und Ludwig d. J. das Steuer fest übernommen und sorgten mit Dynamik und neuen Ideen für die weitere Expansion. Die Einführung der Kühlkost bewirkte seinerzeit eine Revolution im Einzelhandel und verlangte eine beträchtliche Ausweitung des Angebots und neue Frischhaltekonzepte.

1964 gründet die Firma ihre erste Filiale in Büdingen (nach einigen Jahren wieder aufgelöst). Weitere Niederlassungen folgten: Frankfurt (1973), Steinheim (Westfalen, 1983), Laatzen (1985), Gerichshain (1992), Koblenz (2002) und Ulm (2006). Doch man expandierte auch ins europäische Ausland: Moskau (2006), Polen (2008), Ukraine (2008), Tschechische Republik (2011).

Alle diese Aktivitäten bedeuten auch die Abordnung von Reiskirchener Mitarbeitern an die neuen Standorte, um dort den Auf- und Ausbau zu leiten. Das stetige Wachstum erfordert auch eine Ausweitung des Heimatstandortes Reiskirchen. 2011 war das neue Zentrallager schließlich voll funktionsfähig.

Bereits in der Frühgeschichte des Unternehmens wurden Schweinedärme aus China importiert, ein Handel, der wegen der von den Amerikanern verhängten Importverbote jedoch zum Erliegen kam. Daher machten sich Ludwig Enders und Walter Stiehler 1968 (noch vor Politikern) zu einer ersten Reise ins "Reich der Mitte" auf, um Schweinedärme und -blasen zu kaufen und Geschäftsbeziehungen zu etablieren.

Nun laufen die Geschäfte gut. Heute lagern Schweinedärme aus China, Rinderdärme aus Südamerika (vor allem aus Argentinien und Uruguay) für einige Millionen Euro im Darmkeller der Firma.

Wenn Enders heute diese Größe und auch diese Einmaligkeit auf dem Gebiet des Fleischereifachhandels erreicht hat, dann sei dies auch der unermüdlichen Schaffenskraft der bisher sechs Generationen zu verdanken, deren Arbeitstag schon morgens um 5 Uhr begann und bis in die späte Nacht dauerte, schildert das Festbuch.

Oft hätten die Anfangsgenerationen jeden Pfennig in die Firma investiert, seien auf längere Zeit in Vorlage getreten und mit einem eingeschränkten Lebensstandard zufrieden gewesen: Sie identifizierten sich mit ihrer Belegschaft und nahmen sich auch der Nöte einzelner an. Es habe für keines der Familienmitglieder eine "Extrawurst" gegeben. Das habe auch die Mitarbeiter motiviert.

Am Ende des Buches wird noch einmal ein Bogen von den Anfängen der Firma im Jahre 1838 bis in die Gegenwart und schließlich auch in die Zukunft gespannt. Johann Caspar Enders hat seine Firma auf das Sammeln und Verarbeiten von Schweineborsten gegründet. Der Autor des Buches stellt mit ein wenig Fantasie fest: Wie die Borste unter dem mikroskopischen Blick, sei die Firma feingliedriger, vielgestaltiger geworden, habe aber ihre Kernkompetenz behalten: das Fleischereiprofil mit allen seinen Facetten.

Kurz und dennoch sehr aussagekräftig sind die Visionen der beiden Geschäftsführer zur zukünftigen Entwicklung des Unternehmens. Nach den Worten von Karl-Ludwig Enders ruht dieses auf den drei Säulen: Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten. Die Wurzeln liegen in den handwerklichen Fleischereibetrieben, eine auch zukünftig wichtigste Säule. "Tradition verpflichtet, aber Tradition ist kein Ruhekissen", unterstreicht er.

Lutz Enders spricht in einer seiner vier Leitlinien die Hoffnung aus, dass die Firma auch in Zukunft ein unabhängiges, familiengeführtes Unternehmen bleibt, in dem dem einzelnen Menschen – ob Mitarbeiter, Kunde oder Lieferant – mit Achtung begegnet wird. Das Hauptproblem vieler eigentümergeführten mittelständischen Unternehmen in der Nachfolgeregelung bestehe darin, dass Kinder oft die Nachfolge ihrer Eltern nicht antreten wollten, weil sie andere Interessen verfolgten oder die Verantwortung scheuten.

Große Feier im September

Andererseits würden Firmen auch heute noch immer von Patriarchen geleitet, die selbst in hohem Alter meinten, das Ruder nicht aus der Hand geben zu dürfen. Ein Königsweg sei es, Söhne und Töchter frühzeitig in das Unternehmen hineinwachsen zu lassen. Mit ihren Söhnen Tobias und Frederic sieht es so aus, als hätten Karl-Ludwig und Lutz Enders erfolgversprechend genau diesen Weg eingeschlagen: Tobias Enders leitet die Filiale in Beelen (Münsterland) und Frederic Enders die in Warschau.

Im Rahmen des Jubiläumsjahres wird das Unternehmen mit monatlichen Jubiläumsangeboten und -preisen die Kunden an dem außergewöhnlichen Geburtstag teilhaben lassen. Im September wird das Jubiläum in der Rittal-Arena in Wetzlar mit allen Mitarbeitern groß gefeiert. Vertreten ist das Unternehmen bei der IFA in Frankfurt im Mai mit einem Stand.

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