"Die Tiere sind mein Luxus", sagt Gabriela Deneke. Auf ihrem T-Shirt, das sie von einer Freundin geschenkt bekommen hat, prankt in großen Buchstaben das Wort "geimpft". Trotz anfänglicher Bedenken hat sie sich kürzlich impfen lassen.
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»Die Tiere sind mein Luxus«, sagt Gabriela Deneke. Auf ihrem T-Shirt, das sie von einer Freundin geschenkt bekommen hat, prankt in großen Buchstaben das Wort »geimpft«. Trotz anfänglicher Bedenken hat sie sich kürzlich impfen lassen.

Corona-Impfung

Narkoleptikerin lässt sich gegen Corona impfen – und erntet Kritik statt Verständnis

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Gabriela Deneke glaubt, dass sie wegen einer Impfung unter Narkolepsie leidet. Trotzdem hat sich die 43-Jährige, die in Reiskirchen aufgewachsen ist, gegen Corona impfen lassen - eine Entscheidung, die nicht jeder versteht.

Gießen – Wenige Klicks, viele Reaktionen: Nachdem Gabriela Deneke ihre erste Corona-Impfung erhalten hatte, wählte sie auf Facebook den Slogan »Geimpft« mit einem grünen Haken aus, der seitdem auf ihrem Profilbild zu sehen ist. Kein großes Ding, dachte sie, doch die Nachrichten ließen nicht lange auf sich warten. »Bist du verrückt?«, fragte eine Bekannte. »Stimmt bist ja noch nicht genug imfgeschädigt...fällt ja dann nimmer auf«, kommentierte eine andere. Einen Emoji, der sich die Hand auf die Stirn schlägt und somit sein Unverständnis ausdrückt, gab es obendrauf.

Über einige der Reaktionen hat sich Deneke geärgert, denn die Entscheidung für eine Impfung war ihr nicht leicht gefallen. Seit über 20 Jahren leidet die 43-Jährige, die in Reiskirchen aufgewachsen ist und seit neustem in Romrod im Vogelsberg wohnt, an Narkolepsie - und sie geht davon aus, dass es sich bei ihrer Erkrankung um die Folge einer Impfung handelt, die sie während ihrer Ausbildung zur Tierwärtin mit Schwerpunkt Schweinehaltung in Gießen erhalten habe. Als Impfschaden anerkannt wurde ihre Erkrankung allerdings nicht. »Ich weiß gar nicht, was sie mir damals in den Arm gejagt haben«, sagt sie. Dennoch ist sie rückblickend der Überzeugung, dass sowohl ihre Narkolepsie als auch die Autismus-Erkrankung ihrer Tochter, mit der sie zu dieser Zeit schwanger war, auf die Impfung im Sommer 1998 zurückzuführen ist. Denn in dieser Zeit sei es losgegangen mit der extremen Müdigkeit, die ihr Leben auf den Kopf stellen sollte.

Info: Narkolepsie durch Impfungen?

2009 ließen sich viele Menschen gegen das damals neue Influenzavirus A/H1N1 (Schweinegrippe) impfen. Dabei wurden verschiedene Impfstoffe eingesetzt, etwa 30 Millionen Europäer erhielten »Pandemrix«. Dieser Impfstoff führte, wie sich später herausstelle, in einigen Fällen zu Narkolepsie-Erkrankungen. Dabei handelt es sich um eine Schlaf-Wach-Störung, die laut Paul-Ehrlich-Institut durch die Kernsymptome Tagesschläfrigkeit und Kataplexie gekennzeichnet ist. Bis Januar 2015 waren der Europäischen Arzneimittelagentur 1 300 Fälle bekannt, die mit der Impfung in Verbindung gebracht wurden, darunter auch Fälle aus Deutschland. Allerdings wurde Pandemrix erst im September 2009 in der EU zugelassen. Um was für eine Impfung es sich 1998 gehandelt haben soll, kann Gabriela Deneke nicht sagen. Ihr Antrag auf eine Anerkennung ihrer Narkolepsie-Erkrankung als Impfschaden wurde abgelehnt. lkl

Kein anerkannter Impfschaden: 43-Jährige aus Reiskirchen (Kreis Gießen) leidet seit über 20 Jahren an Narkolepsie

Ihre Ausbildung schloss Deneke nicht ab, ebenso wenig die darauffolgende. Dass sie sogar bei der Kartoffelernte auf dem Acker eingeschlafen sei und nichts »durchgezogen« habe, habe man ihr als Faulheit angekreidet, sagt sie - auch in der Familie. Als sie 2017 endlich die Diagnose erhielt, folgten Entschuldigungen, doch Deneke hielt diese nicht für nötig. »Ich habe es ja selbst geglaubt«, sagt sie. Schließlich habe ihr über Jahre kein Arzt und kein Psychiater helfen können. »Die Diagnose war für mich ein Segen«, sagt die 43-Jährige.

Dennoch: Auch mit Therapie und Medikamenten könne sie nicht länger als zwei Stunden am Stück schlafen und brauche tagsüber Pausen, sagt Deneke. Hinzu kommen die sogenannten Kataplexien, die sich durch ein plötzliches Muskelversagen auszeichnen und durch Emotionen wie Lachen, Ärger oder Aufregung ausgelöst werden. Nicht selten kippt Deneke dann komplett um. »Das ist wie wenn man einer Marionette die Fäden zieht«, sagt sie. In vollem Bewusstsein erlebe sie diese Attacken mit, doch das sei immer noch besser als das Medikament, das sie genommen habe, um die Kataplexien einzudämmen. Denn dieses hätte die Emotionen unterdrückt, womit sie sich nicht wohlgefühlt habe, sagt sie. »Das Leben besteht aus Emotionen!«

Trotz Bedenken wegen vermeintlichem Impfschaden: Narkoleptikerin aus Kreis Gießen lässt sich gegen Corona impfen

Wenn Deneke in der Öffentlichkeit einschläft oder zusammenklappt, bringen die Menschen das jedoch eher mit Alkohol oder Drogen in Zusammenhang. Auch das trägt dazu bei, dass die 43-Jährige wegen ihrer Krankheit ein sehr zurückgezogenes Leben führt und sich neben ihrem Teilzeit-Job in einer Pflegeeinrichtung für Behinderte vor allem ihren Tieren widmet. Mehrere Hunde, Pferde, Katzen und Hasen gehören zur Familie. »Die Tiere sind mein Luxus«, sagt Deneke. »Daraus ziehe ich meine Kraft.« Die Beschränkungen durch die Pandemie treffen sie daher nach eigener Einschätzung weniger hart als viele andere Menschen: »Als Corona kam, dachte ich: Willkommen in meiner Welt.«

Dennoch bedeutete das Virus auch für sie einen Einschnitt. Durch ihr Übergewicht und ihre Atemaussetzer beim Schlafen fürchtet sie einen schweren Verlauf sowie eine weitere Verschlechterung ihres Zustandes im Falle einer Infektion. »Die Angst wurde mein ständiger Begleiter«, sagt sie. Doch dadurch, dass Deneke glaubt, dass ihre Narkolepsie auf eine Impfung zurückzuführen ist, wusste sie zunächst nicht, was sie tun sollte. Also fragte sie ihren Facharzt, dem sie vertraut.

Dass ihre wohl überlegte Entscheidung so viel Kritik hervorgerufen hat, überrascht sie. Auch nachdem sie die Kommentar-Funktion bei ihrem Facebook-Post abgeschaltet hatte, erhielt sie weitere Nachrichten. In einer ist sogar davon die Rede, dass die Menschheit durch die Impfung offenbar vorsätzlich dezimiert werden solle. Deneke schüttelt den Kopf. »Ich hätte erwartet, dass meine Freunde und Bekannten meine Entscheidung akzeptieren«, sagt sie. Zwar werde sich ihr Alltag durch die Impfung nicht wesentlich verändern, doch der Impfschutz gebe ihr Sicherheit - und auch den Menschen, mit denen sie arbeite. »Ich will ja auch meine Bewohner schützen«, sagt Deneke. Und obwohl ihr noch immer etwas mulmig ist, fügt sie im Hinblick auf ihre Vorgeschichte an: »Das eine hat mit dem anderen ja nichts zu tun.«

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