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Vor allem die schulische Betreuung ihrer achtjährigen Tochter Isabelle ist für Antonia Esch eine große Herausforderung. 

Kinderbetreuung

Corona, Kinder, Chaos: Eine Familie aus Hessen berichtet vom Alltag ohne Kita und Schule im Homeoffice

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Kitas und Schulen bleiben wegen der Corona-Krise zu und trotzdem muss der Job bewältigt werden. Antonia Esch aus Saasen in Hessen erzählt, wie sie und ihr Mann den Alltag zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice organisieren.

Es gibt ein Wort, das Antonia Esch gerade öfter hört als sonst: Ein langgezogenes "Maaaamaaaa". Egal ob als Frage oder Aussage formuliert. "Das kommt gefühlte 250 Mal am Tag", sagt die 35-Jährige und rollt mit den Augen. Die vergangenen Wochen hätten ihre Kinder, Isabelle (8) und Julian (4), irgendwie unselbstständiger und anhänglicher gemacht. An was genau das liegt, kann sie nicht sagen. Wahrscheinlich an den besonderen Umständen. An der Tatsache, dass die vierköpfige Familie aus Saasen rund um die Uhr aufeinander sitzt, und das schon seit längerem.

"Wie lange ist es her? Drei Wochen? Fünf?" Esch hat das Zeitgefühl mittlerweile etwas verloren. Nur an ein ganz bestimmtes Datum kann sie sich noch genau erinnern: Den 13. März. Den Tag, an dem die Schulen und Kitas in Hessen wegen des Coronavirus das vorerst letzte Mal geöffnet haben sollten.

Corona in Hessen: Große Herausforderungen für Eltern

Esch und ihr Mann Alexander Ochs sind voll berufstätig. Sie im öffentlichen Dienst und er bei einer Bank. Für Eltern wie sie bedeutet die Corona-Krise vor allem eines: Stress. Sie müssen weiter von zu Hause aus arbeiten und sich gleichzeitig um ihre Kinder kümmern. Was besonders an den Nerven zerrt: Die Perspektivlosigkeit. Keiner weiß genau, wann es wieder weitergehen wird. Der Expertenrat, Kitas bis zum Ende der Sommerferien im August zu schließen, hat viele Eltern geschockt.

"Wir haben es vergleichsweise ja noch gut", sagt Esch. Jedes Kind hat ein eigenes Zimmer, und im Einfamilienhaus der Familie kann sich auch mal aus dem Weg gegangen werden. Daneben können sich die Kinder im eigenen kleinen Garten austoben - Familien in der Stadt ist das nicht ohne weiteres möglich. Diese können mit ihren Kleinen derzeit nicht einmal auf einen Spielplatz gehen. Wie es solchen Familien gerade geht, will sich Esch gar nicht vorstellen.

Corona in Hessen: Familie muss Arbeiten, Schule, Kita, Freizeit gestalten

Trotz Platz und Garten verlangt die Krise auch der vierköpfigen Familie aus Saasen einiges ab. Arbeiten, Schule, Kita, Freizeit, Zeit mit der Familie und Hausarbeit: All das muss gerade gleichzeitig stattfinden. "Man wird zwangsweise zum Multitasking-Talent", sagt Esch. Mittlerweile käme die Familie mit der neuen und ungewohnten Situation einigermaßen zurecht und das macht Esch stolz. "Das Haus steht immerhin noch", sagt sie und lacht. "Nein im Ernst. Ich habe gemerkt, was man schafft, wenn man muss." Im neuen Normal gehen alte Routineschritte fließend ineinander über: Morgens wird beispielsweise eingekauft, zwischen der Abarbeitung von To-Dos, der Beantwortung von Mails und mehreren Anrufen die Spülmaschine angestellt und abends noch gesaugt. "Man muss da dranbleiben, sonst kommt man irgendwann nicht mehr hinterher und versinkt im Chaos", sagt Esch. Was sich allerdings nicht einfach abhaken lässt, ist die Betreuung der Kinder. Die findet in gewisser Weise ständig statt. Die Mutter seufzt: "Es ist alles ein riesiger Kraftakt."

Um Arbeit und Familie etwas zu trennen und vor allem wenigstens zeitweise in Ruhe arbeiten zu können, hat Esch ihren Arbeitsplatz in einer Ecke des Schlafzimmers eingerichtet, während ihr Mann im Arbeitszimmer sitzt. Um wirklich etwas zu schaffen, beginnen die beiden mit ihrer Arbeit dann, wenn die Kinder noch schlafen. "Sind die Türen zu, heißt das für die Kinder: Nicht reinkommen", sagt Esch. Frühstücken würden die beiden inzwischen selbstständig.

Auch was überhaupt nicht funktioniert, hat die Familie für sich herausgefunden: "Gemeinsam mit den Kindern an einem Tisch arbeiten. Das ist für alle gleichermaßen kontraproduktiv", sagt Esch. Bewährt hat sich darum folgende Methode: Eine möglichst langanhaltende Beschäftigung für die Kinder finden, in diesem Zeitfenster so viel wie möglich arbeiten, beim zweiten "Maaaamaaa" nach dem Rechten sehen und alles anschließend wiederholen.

Corona in Hessen: Wie können Eltern die Schule ersetzen?

Als besonders herausfordern empfindet Esch die schulische Betreuung ihrer Tochter. Jede Woche schickt die Schule Arbeitsaufträge, von denen die Zweitklässlerin zwar einiges selbstständig bearbeiten könne, oft jedoch Hilfe bräuchte. "Gerade die Vermittlung von neuem Stoff ist richtig zeitaufwendig", sagt Esch, "das ist insgesamt viel mehr Arbeit als gedacht."

Besonders hart für die Kinder dagegen, sei das Fehlen ihrer Freunde. "Für die ist das wirklich ganz, ganz schlimm", sag Esch, "lange kann das so nicht mehr weitergehen." Vor allem einen Vierjährigen wie Julian könne man nicht einfach so wie eine Achtjährige beschäftigen. "Außerdem fehlt ihm der Kontakt zu Gleichaltrigen sehr. Es ist ja nicht so, als ob er einfach allein nach draußen kann", sagt Esch.

Es wird Zeit, dass die Kitas wieder öffnen - diese Forderung würde Esch unterschreiben. "Wenigstens die Gebühren könnten schon einmal aufgehoben werden", sagt sie. Denn die müssten in Reiskirchen aktuell noch bezahlt werden. "Für viele macht das alles noch schlimmer."

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