Im Mai 2018 wurde Feuer in einem damals im Bau befindlichen Bordell in Reiskirchen gelegt. Nun liegt der Fall vor Gericht. (Symbolbild)
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Im Mai 2018 wurde Feuer in einem damals im Bau befindlichen Bordell in Reiskirchen gelegt. Nun liegt der Fall vor Gericht. (Symbolbild)

Feuer in Kreis Gießen

Bordellbrand im Kreis Gießen: Welche Rolle spielten die Hells Angels?

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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  • Jonas Wissner
    Jonas Wissner
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Zwei Männer sind vor dem Landgericht Gießen angeklagt, weil sie im Mai 2018 versucht haben sollen, ein im Bau befindliches Bordell in Reiskirchen in Brand zu setzen. Am ersten Verhandlungstag ging es auch um mögliche Bezüge in das Rockermilieu.

Update, 19.02.2021, 11.18 Uhr: Spaß haben in verkehrsgünstiger Lage: Dieses Geschäftsmodell macht die Carl-Benz-Straße in Reiskirchen interessant für Investitionen im horizontalen Gewerbe. Gleich zwei Bordelle sind dort, in nächster Nähe zur Autobahnabfahrt, geplant: das pompöse FKK-Village am Ende der Straße und, ein Stück weiter unten, ein zweiter Betrieb in einem Bungalow in der Carl-Benz-Straße 6. Dort hat es in der Nacht zum 14. Mai 2018 gebrannt. Nicht zufällig, wie ein Video aus der Tatnacht beweist. Es zeigt, wie sich zwei Personen Zutritt zu dem Gebäude verschaffen, Brandbeschleuniger in den Innenräumen verteilen und schließlich Feuer legen. Ob es sich bei den Tätern um die beiden Männer handelt, die seit dieser Woche vor der 7. großen Strafkammer des Landgerichts Gießen auf der Anklagebank sitzen, soll in dem Prozess geklärt werden.

Wie die Tat vonstatten gegangen ist, haben die Ermittler akribisch rekonstruiert. Möglich machten es zahlreichen Videokameras, die die Eigentümer des Bungalows nicht nur außen, sondern auch im Inneren installiert hatten. Und weil es sich um Infrarot-Überwachungskameras handelte, konnten sie die Vorgänge im Dunklen festhalten und auf Festplatte speichern.

Feuer in Bordell: „Unmengen“ an Video-Daten aus Reiskirchen

»Die Kamera sieht, der Mensch sieht nicht«, erläuterte der Experte für Foto- und Videotechnik beim polizeilichen Erkennungsdienst, der am Donnerstag als Zeuge aussagte. Er hatte sich nach der Tat die gesamte Festplatte aushändigen lassen und aus der, wie er sagte, »Unmenge von Daten« einen mehrminütigen Zusammenschnitt destilliert, der den Tathergang Sekunde für Sekunde dokumentiert.

Dass die Täter die Kamera am Eingang mit schwarzer Farbe besprühten, sollte ihnen nichts nützen. Von innen heraus wurde gefilmt, wie sich einer der beiden Zutritt zum Vorraum verschafft und seinen Komplizen einlässt. Mit gezückter Pistole und einem gefüllten Kanister zieht das Duo anschließend durchs Innere, verschüttet Brandbeschleuniger und legt Feuer, ehe es durch eine große Panoramatür verschwindet. »Anfangs hat es auch richtig gut gebrannt«, erläuterte der Zeuge das weitere Geschehen. Doch dann seien die Flammen peu à peu erloschen, wohl mangels Sauerstoff, wie der Polizeibeamte vermutet.

Feuer in Bordell im Kreis Gießen: Bezüge zu Hells-Angels-Szene?

Der Experte hat jedoch nicht nur den Tathergang rekonstruiert. Er hat auch versucht, eine Reihe von Kleidungsstücken, von denen die Ermittler annehmen, dass sie von den Brandstiftern getragen wurden, mit den Bildern auf den Videos abzugleichen.

Gefunden wurden die Textilien und Schuhe nicht in Reiskirchen, sondern im Zuge einer spektakulären Hausdurchsuchung im Vogelsberg. In einem Ortsteil von Alsfeld waren im April 2019 in einer Maschinenhalle massenhaft Waffen, Pyrotechnik und Betäubungsmittel gefunden worden, die ein drogensüchtiger Waffennarr dort bei seiner Familie gebunkert hatte. Erst später hatte der Mann die Kripo darauf hingewiesen, dass in dem Durcheinander auch Kleidung versteckt sei, die bei einer Straftat getragen wurde. Ein Kriminalbeamter schilderte, wie ein Sack, der neben Kapuzenpullis, Hosen und Schuhen auch eine Sporttasche, Handschuhe und Sturmhauben enthielt, entdeckt und gesichert wurde. Diese Kleidungsstücke hat der Foto- und Videoexperte des Gießener Polizeipräsidiums später in einem aufwendigen Verfahren mit dem Video von der Brandstiftung im Reiskirchener Bordell abgeglichen. Sein Fazit: »Da gibt es gewisse Ähnlichkeiten.«

Der Prozess wird fortgesetzt. Es geht unter anderem um die Frage, ob der Brandstiftung Rivalitäten im Rockermilieu zugrunde liegen. Die Sicherungsvorkehrungen vor dem externen Gerichtssaal am Stolzenmorgen waren gründlich, die Angeklagten wurden in Handschellen und mit Fußfesseln in den Saal geführt. Ihre Angehörigen im abgetrennten Zuschauerbereich begrüßten sie mit Kusshändchen.

Bordellbrand in Reiskirchen: Was hat das Rockermilieu mit dem Fall zu tun?

Erstmeldung, 16.02.2021, 22.07 Uhr: Dass bei diesem Prozess im Hintergrund mehr als »nur« die angeklagte Brandstiftung eine Rolle spielen könnte, womöglich auch tiefer gehende Rivalitäten von Bedeutung sind, konnten Beobachter schon vor Beginn erahnen: Vor dem Zuschauerraum des großen Sitzungssaals im Gießener Landgericht wurden noch einmal Taschen kontrolliert, Handys mussten abgegeben werden, Polizei unterstützte die Justizbediensteten. Vorkehrungen, die in dieser Form nicht alltäglich sind.

Seit Dienstag müssen sich ein 31-Jähriger und ein 37-Jähriger vor Gericht verantworten. Sie wurden mit Hand- und Fußschellen in den Gerichtssaal gebracht, einer der beiden grüßte ab und an in Richtung Publikum. Die Staatsanwaltschaft wirft den im Kreis Gießen gemeldeten Männern vor, am 14. Mai 2018 nachts einen Brand in Reiskirchen gelegt zu haben, dabei hätten sie auch Schusswaffen mitgeführt.

Brand im Kreis Gießen: Männer sollen versucht haben, Bordell in Reiskirchen niederzubrennen

Die Anklage geht davon aus, dass die beiden einen Maschendrahtzaun durchschnitten und sich Zugang zum Gelände eines gerade im Bau befindlichen Bordells verschafft haben. Dann, so Staatsanwalt Rouven Spieler, habe einer der beiden eine Scheibe eingeschlagen, sei in das bungalowartige Gebäude eingedrungen und habe den Komplizen hereingelassen. Eine Überwachungskamera im Außenbereich sei zuvor mit schwarzer Farbe besprüht worden. Die Anklage legt ihnen zur Last, im Inneren Brandbeschleuniger verteilt und entzündet zu haben, dabei sei Sachschaden von 17 000 Euro entstanden. Zu einem Vollbrand sei es mangels Sauerstoffzufuhr aber nicht gekommen.

Nachdem die Angeklagten am Dienstag von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch machten, berichteten Vertreter von Polizei und Feuerwehr als Zeugen von ihren Eindrücken vor Ort. Die Feuerwehr wurde um 8.31 Uhr unter dem Stichwort »Rauch aus Gebäude« alarmiert, war dann gemeinsam mit der Besitzerin, deren Mann und dem für die Baustelle Verantwortlichen vor Ort. Laut dem Einsatzleiter stießen die Atemschutzträger dann auf ein eingeschlagenes Fenster und mehrere Brandstellen. »Weil uns das ein bisschen komisch vorkam, haben wir erst einmal abgebrochen und auf die Polizei gewartet.«

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Polizistinnen berichteten auch von kleineren Häufchen von Zeitungspapier und Lappen, die man zwischen den teils schon vorhandenen Einrichtungsgegenständen des Bordells als Brandherde ausgemacht habe. Auch »Hebelmarken« am eingeschlagenen Fenster und Fußabdrücke im Außenbereich seien dokumentiert. Ein Video einer Überwachungskamera im Inneren zeige die Einbrecher, laut einer Polizistin »augenscheinlich männliche Personen aufgrund der Statur«.

Doch welches Motiv könnten die Angeklagten für die Tat gehabt haben? Laut einer Polizistin wurde schon am Morgen des Eintreffens vor Ort ein Verdacht zu den Hintergründen geäußert: »Der Objektbevollmächtigte sagte, dass er früher mal ein Hells Angel war« - allerdings nicht in Gießen. Bei den Ermittlungen nach dem Brand sei dann auch das für Rocker-Gruppierungen zuständige Kommissariat eingebunden worden.

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Mit Spannung erwartet wurde die Aussage der Geschädigten. 2012 habe sie erfahren, dass sie den »Club 69« in Alten-Buseck wohl nur nach baulichen Änderungen weiterführen könne und schließlich versucht, ein anderes Gebäude zu erwerben. Letztlich habe sie den Umbau zum Bordell in Reiskirchen vorangetrieben, berichtete die Zeugin - und sprach von mehreren Bedrohungen, die es vor der Brandstiftung gegeben habe. Ihrem Mann sei bereits 2017 »von zwei Personen« bedeutet worden, die weitere Planung zu unterlassen, es habe gar Morddrohungen gegeben. Auch seien Mitarbeiter eines Taxibetriebs, den sie zwischenzeitlich geführt habe, bedroht worden. »Kann ein Mitglied der Hells Angels einfach losgehen und agieren?«, fragte sie einer der Anwälte. Soweit sie wisse, brauche es dafür eine Anordnung des »Präsidenten«, sagte die Zeugin.

Ihr zufolge wurde das Bordell 2019 fertiggestellt. Nach dem Brand habe sie den Bau grundlegend sanieren lassen, Experten hätten dazu geraten. Von der Versicherung sei sie nicht in ihrem Sinne entschädigt worden - und sie habe Zivilklage gegen einen Makler eingereicht. Über die Frage, inwieweit sie über einen Anwalt zivilrechtliche Ansprüche aufgrund der Brandschäden im laufenden Strafprozess geltend machen kann, ist noch zu entscheiden. Als Nebenklägerin wird sie nicht auftreten können, da es sich laut Gericht »um kein nebenklagefähiges Delikt« handelt.

»Die Vorträge sind geeignet, einen mehr als großen Belastungseifer zu dokumentieren«, zog Verteidiger Henner Maaß die Aussage der Frau in Zweifel. Fortgesetzt wird der Prozess am Donnerstag.

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