+
Ein bisschen ab von Schuss, aber doch gut angebunden leben 832 Bersröder umgeben von viel Grün.

Ein Ortsporträt

Bersrod von oben: Wo die "Kuckucks" wohnen

  • schließen

Weder Geschäfte noch Gastronomie hat Bersrod, dafür einen der schönsten Dorfplätze Hessens. Es ist ein Ort zum Wohlfühlen und einer, an dem man Spaß versteht. Nur über die Zwangsheirat mit Reiskirchen konnten die Bersröder 1977 nicht lachen. Sie hätten lieber mit dem benachbarten Buseck angebandelt.

Er ist leicht zu hören, aber schwer zu sehen. Er baut kein Nest, sondern lässt andere für sich brüten. Sein Ruf ist in der Vogelwelt ebenso einmalig, wie seine Art der Jungenaufzucht. In dem Dorf, das wir heute von oben betrachten, verdanken die Menschen ihm ihren Namen. Denn die Bersröder werden auch die "Kuckucks" genannt. Warum, ist unklar. Doch die Einwohner des 832-Seelen-Ortes sind stolz darauf, sagt Adelheid Armstroff. D ie gebürtige Bersröderin weiß viel über ihren Heimatort. Sie und ihr Mann Otto sind hier tief verwurzelt und vielfach ehrenamtlich engagiert. Ein Beweis dafür, dass man im Dorf mit dem Spottnamen kein Problem hat, ist der Brunnen auf dem Lindenplatz, in dem die Bersröder einen Kuckuck einmeißeln ließen. Anni Kutscher verfasste zum 100-jährigen Bestehen des Gesangvereins 1996 sogar ein Lied über Kuckuck und Brunnen, das von Horst Nicolai vertont und vom gemischten Chor vielfach gesungen wurde.

Der Lindenplatz, gerade schon genannt, wird von der Internet-Plattform Wikipedia als einer der schönsten Dorfplätze Hessens bezeichnet. Das besondere Flair der Bersröder Ortsmitte ist zum einen auf die Linden zurückzuführen, die den Platz umgeben. Zum anderen auf die Gebäude in unmittelbarer Nähe - das Backhaus, die Kirche, die ehemalige Schule und mehrere Fachwerkgebäude, die zu den ältesten in Hessen zählen. Traditionell wird auf dem Areal gefeiert, früher die Kirmes und zahlreiche andere Vereinsfeste, heute im jährlichen Wechsel Weihnachtsmarkt und Lindenplatzfest, das am 10. August wieder auf dem Programm steht.

Seit dem 1. Januar 1977 gehört Bersrod, dessen Ersterwähnung auf eine Urkunde aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (1266/86) über eine Schenkung von Landbesitz in "Birnesrode" zurückgeht, zur Gemeinde Reiskirchen. Eigentlich wollten die Bersröder das nicht, erinnert sich Armstroff. Viele Leute waren dagegen. "Seit Menschengedenken fühlen wir uns zum Busecker Tal gehörig", sagt sie. Kein Wunder: Die einzige Busverbindung führte früher über Buseck nach Gießen, nach Reiskirchen existierte kein öffentliches Verkehrsmittel. Auch mit dem Postauto waren nur Buseck und Burkhardsfelden zu erreichen. Als die Schule in Bersrod geschlossen wurde, gingen die Kinder der ersten bis zur vierten Klasse zunächst nach Großen-Buseck, heute paukt der Nachwuchs in Beuern. Im Lauf der Zeit habe man sich mit Reiskirchen arrangiert, "aber nach wir vor fühlen wir uns mehr zu Buseck hingezogen", sagt Armstroff.

Vielleicht hat dies etwas mit den Grenzstreitigkeiten zu tun, die es der Sage nach vor langer Zeit um den Eselswald gegeben haben soll, der von Reiskirchen und Bersrod gleichermaßen genutzt wurde. Um ihre Unstimmigkeiten ein für alle Mal beizulegen, bedienten sich die beiden Gemeinden eines Grenzreiters - ein Mann aus einem Nachbardorf, der mit verbundenen Augen auf einem Schimmel durch den Wald reiten und die Grenze für die folgenden Generationen festlegen sollte, erzählt Armstroff. Weil dabei der größere Teil des Waldes, insbesondere der wertvollste Schlag alter Eichen, den Reiskirchenern zufiel, mutmaßten die Bersröder, dass diese den "Schimmelreiter" bestochen hatten. Zur Strafe, so wird erzählt, findet der untreue Mann seit seinem Tod keine Ruhe, sondern reitet von Zeit zu Zeit nachts zwischen 12 und 1 Uhr an der Gemarkungsgrenze entlang.

Backen für die Dorfgemeinschaft

Ein knappes Dutzend Vereine gibt es in Bersrod, der älteste ist der Verein für Garten- und Naturfreunde von 1892 - früher die Obst- und Gartenbauer -, jüngster ist der Backhausverein, der erst im vergangenen Jahr gegründet wurde und rund 20 Mitglieder zählt. Die heizen seitdem im Backhaus immer wieder an, backen Pizza oder Brot. Nicht nur für sich selbst, sondern für die Dorfgemeinschaft. Armstroff: "Sie tragen zur Belebung des Ortes bei." Nicht nur deswegen sei letzterer ein Wohlfühlort. Viele junge Leute, die es zunächst hinaus in die Welt gezogen habe, kehrten wieder zurück, weil man im leicht abgeschiedenen Bersrod einerseits seine Ruhe habe, andererseits über die Autobahnen sehr gut angebunden sei. "Wir sind ein bisschen ab vom Schuss und doch nah dran."

Ein Wermutstropfen aber bleibt, und der heißt wie in vielen anderen Dörfern hierzulande Infrastruktur. Denn außer Kindergarten und Jugendzentrum ist den Bersrödern nichts geblieben. Die Schule schloss 1972. Es gibt heute weder Geschäfte noch Gastronomie. "In meiner Kindheit in den 1950er Jahren hatten wir hier vier Lebensmittelläden, eine Metzgerei, drei Gasthäuser, zwei Friseure, drei Schreinereien und Weißbinder, zwei Schmiede", erinnert sich Armstroff. Zudem verfügte Bersrod über eine Post, eine Filiale der Raiffeisenbank und später auch der Sparkasse. Aber das ist lange her.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare