+
Vor Corona haben im Club Fun an einem Samstagabend bis zu 900 Menschen gefeiert. Seit neun Wochen nun ist er menschenleer. 

Club in Corona-Krise

Beliebte Diskothek bei Gießen steht vor dem Aus

  • schließen

In Zeiten der Corona-Pandemie ist eine Öffnung der Diskotheken trotz aller Lockerungen kaum vorstellbar. Stirbt gerade die Clubkultur? "Wir stehen vor der Pleite", sagen die Geschäftsführer des "Fun" in Reiskirchen. Zumindest fehle die Perspektive. An eine Öffnung in diesem Jahr glauben sie nicht.

Beats, Rapzeilen und Bässe wummern aus dem Club, während draußen die Polizei anrückt. Es ist kurz vor Mitternacht, ein lauer Frühlingsabend Ende März, das erste Wochenende des Corona-Lockdowns. Nachbarn haben die Polizei gerufen: "Da läuft eine Party, das müsste doch geschlossen sein." Die Beamten marschieren hinein - und stehen in einem menschenleeren Club. Hinten legt ein DJ auf und überträgt die Musik ins Internet. "Bleibt daheim", ruft er ins Mikrofon.

Stirbt gerade die Clubkultur?

Neun Wochen ist das her, geschehen in einer Tanzbar in Gießen. Eine Zuhörerin des Livestreams hat damals an die Betreiber des Lokals geschrieben, sie hoffe, die Schließung sei bald vorbei. "Und man kann wieder ordentlich feiern trinken und tanzen."

An Feiern, Trinken und Tanzen in den Clubs im Kreisgebiet ist derzeit trotz aller Lockerungen aber weiterhin und noch lange nicht zu denken. Stirbt gerade die Clubkultur?

Vor Corona an einem Samstagabend: Bis zu 900 Menschen tanzen dicht an dicht

Es ist kühl im "Fun" am westlichen Rand von Reiskirchen. Und unheimlich still. Wer zum DJ-Pult oder nach oben zu den Scheinwerfern schaut, hat sofort Szenen und Momente vergangener Jahre vor Augen: eine proppenvolle Diskothek. Bis zu 900 Menschen, die dicht an dicht tanzen, trinken, lachen.

Klänge russischer Lieder tauchen außerdem in der Erinnerung auf, auch wenn die beiden neuen Geschäftsführer Mohamend Dbira und Hayet Atobrhan in den vergangenen beiden Jahren für mehr musikalische Vielfalt in dem Club gesorgt haben.

"Wenn nicht weitere Fördermittel kommen, sind wir pleite"

"Wir haben jeden Monat Ausgaben von rund 15 000 Euro", sagt Dbira. "Und seit März keine Einnahmen." Er schüttelt den Kopf. "Man kann nichts machen. Das war’s."

Die drei festen Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Mit Geldern aus der Soforthilfe des Landes habe man in den ersten drei Monaten die Miete zahlen können, erklärt der Gastronom weiter. Nun aber ist diese Unterstützung zu Ende. Man hoffe auf die Politik und Fördermittel der Kredit-anstalt für Wiederaufbau. "Wir müssen irgendwie die Kosten decken können. Wenn nicht weitere Fördermittel kommen, sind wir pleite."

"Sollen die Leute hier tanzen und einen Einkaufswagen vor sich her schieben?"

Clubs und Diskotheken werden wohl zu den letzten Lokalen gehören, die in der Corona-Krise wieder öffnen - wenn sie die Zwangspause überstehen. Gastronomen dürfen inzwischen wieder den Betrieb aufnehmen. Doch muss der Abstand von 1,50 Metern gewahrt bleiben. Außerdem müssen für jeden Gast fünf Quadratmeter Platz zur Verfügung stehen. "Diese Auflagen kannst du nicht erfüllen", sagt Dbira. "Sollen die Leute hier tanzen und einen Einkaufswagen vor sich her schieben?"

Vor allem stellt sich die entscheidende Frage, ob das Ausgehen unter diesen Bedingungen überhaupt Spaß machen kann. Ein Abend in einer Diskothek oder in einem Club lebt davon, dass man sich näherkommt, vielleicht einen Cocktail zu viel trinkt, flirtet, sich berührt. "Die Leute aber haben Angst", sagt Dbira.

"Die Perspektive fehlt"

"Viele haben außerdem ältere Menschen zu Hause, die sie nicht anstecken wollen. Sie denken: Da bleib ich doch lieber zu Hause - auch weil ich nicht in der Laune zum Feiern bin." Auf die Frage, was sie sich von der Politik erhoffen, sind Dbira und sein Geschäftspartner ratlos. "Die Perspektive fehlt", sagt Atobrhan. Ob der Club in Reiskirchen dieses Jahr nochmal öffnet? Dbira kann noch nicht so recht daran glauben. "Vielleicht dann, wenn ein Impfstoff gefunden wird."

Viele im Kreis Gießen haben im "Fun" schon so einige unvergessliche Abende erlebt. Vor allem Russlanddeutsche und ihre Nachkommen suchen hier am Wochenende nach einem Stück Heimat. In den vergangenen Wochen bieten DJs auf der Facebookseite des "Fun" bisweilen Livestreams an. "Wir wollen den Kontakt mit den Gästen aufrecht erhalten", sagt Atobrhan. Dann fügt er hinzu: "Sie sollen das ›Fun‹ nicht vergessen."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare