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Autorin Margitta Handloser mit dem Tagebuch ihres Urgroßvaters.

Reise in die Vergangenheit

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Hexenprozesse, seltsame Bräuche, Selbstmordecken: Margitta Handloser aus Beuern trägt in ihrem neuen Buch "Mein Dorf Beuern um 1900" zusammen, was fast vergessen ist. Bei ihren Recherchen halfen ihr ganz besondere Dokumente - die ihres Urgroßvaters.

Die Seiten sind vergilbt, die Schrift kaum zu lesen. Margitta Handloser rückt ihre Lesebrille zurecht: "Das ist in Sütterlin geschrieben", erklärt die 72-Jährige aus Beuern. Vorsichtig blättert sie in dem über 100 Jahre alten Tagebuch. Fein säuberlich drängen sich altdeutsche Buchstaben auf das dünne Papier - erzählen Geschichten, die heute kaum noch wer kennt. 1905 steht in blass gewordener Tinte über dem ersten Eintrag. "Hier drin hat mein Urgroßvater alles notiert, was ihm damals aufregend und wichtig erschien", sagt Handloser und tippt auf den ledernen Einband.

Wilhelm Arnold der Fünfte war ein Tausendsassa. In jungen Jahren machte er sich selbst zum Steinmetz, kam viel herum und arbeitete auf dem Acker der Familie. "Abends verzog er sich aber in sein Studierstübchen. Da malte er, las und schrieb", sagt seine Urenkelin. Schreiben, das lag ihm. Er ging Ereignissen auf den Grund, kam mit den Menschen ins Gespräch, hakte nach, notierte. Er bildete das Leben in Beuern ab, wie er es kannte und machte sich so zum Chronisten. "Ich denke, das liegt ihr wohl auch in den Genen", sagt Erich Handloser und schmunzelt. "Ja, wahrscheinlich habe ich das geerbt", erwidert seine Frau und lacht.

Zwei Jahre lang trug Margitta Handloser für den Heimatverein Beuern Informationen zusammen. Las altdeutsche Schriften, studierte Unterlagen eines anderen Jahrtausends, blätterte in Büchern und befragte Zeitzeugen sowie deren Nachkommen. Das Ergebnis: Fast 200 Seiten Heimatgeschichte, drei Generationen, zwei Familienmitglieder, ein Gemeinschaftswerk. Die Autorin von "Mein Dorf Beuern um 1900" könnte stolzer nicht sein. Es ist ihr erstes eigenes Werk nach der Mitarbeit an zwei anderen Büchern über die Geschichte der Flur- und Hausnamen in Beuern. Auch die Anerkennung ist ihr sicher. Nicht nur aus dem eigenen Verein - bei dem ihr Mann den Vorsitz hat -, sondern auch vom hessischen Kultusministerium, welches ihre Arbeit wie die Sparkasse Gießen unterstützte. Trotzdem fehlt ihr vor allem der Austausch mit einer Person: "Ich hätte mich so gerne mit meinem Urgroßvater persönlich unterhalten."

Hexenprozesse, Selbstmordecken, germanische Bräuche: Beuern steckt voller Geheimnisse. "Ich habe festgestellt, dass selbst meine Generation vieles nicht mehr weiß", sagt Handloser. Und im Gegensatz zur beliebten Floskel "Früher war alles besser", zeigt ihr Buch, dass es so eben nicht war. Dass für ein wärmendes Feuer noch glühende Kohlen vom Nachbar geliehen werden mussten und ein Blatt Papier nahezu Luxusgut war. "Es wäre schön, wenn in hundert Jahren auch jemand mein Buch zur Hand nehmen würde", sagt Handloser - der Zeitreise-Effekt dürfte dann wohl noch größer sein.

"Wenn du es nicht machst, macht es keiner", pflegte Erich Handloser zu sagen. Das alte Papier wäre dann zu Staub verfallen, niemand dem Sütterlin mehr mächtig und die Geschichten Beuerns in Vergessenheit geraten. "Ich verspüre so etwas wie Verantwortung", sagt die Beuernerin nachdenklich. "Dass das, was mein Urgroßvater geschrieben hat, nicht umsonst war."

Am Sonntag, 4. August, wird der Heimatverein Beuern das neue Buch "Mein Dorf Beuern um 1900" offiziell veröffentlichen. Ab 14.30 Uhr kann das Werk in der Untergasse 53 für 20 Euro gekauft werden, die Autorin Margitta Handloser wird einige Passagen daraus vorlesen.

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