Am Timmendorfer Strand genießen Badegäste den Sonntagnachmittag an der Ostsee. Werden es zu viele Menschen auf einem Fleck, dann steigt auch das Infektionsrisiko an.
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Am Timmendorfer Strand genießen Badegäste den Sonntagnachmittag an der Ostsee. Werden es zu viele Menschen auf einem Fleck, dann steigt auch das Infektionsrisiko an.

Coronavirus

Corona: Reise-Rückkehrer bereiten Gesundheitsamt Gießen Sorgen

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Droht mit den Reise-Rückkehrern schon bald eine zweite Corona-Welle? 14 der letzten 15 Infektionsfälle im Kreis Gießen fielen jedenfalls auf jene Personengruppe.

Die Corona-Fallzahlen im Kreis Gießen sind vergleichsweise niedrig. Gerade mal 266 Infektionen seit Ende Februar. Aber: Bei den letzten 15 Fällen, die seit Ende Juni registriert wurden, handelt es sich 14 Mal um Reise-Rückkehrer. Diese von Landrätin Anita Schneider genannte Zahl macht deutlich, was mit der Urlaubszeit kommen kann: Womöglich einen neue Infektionswelle, die gar nicht bis zum Herbst wartet.

»Am liebsten wäre es mir, wenn jeder, der aus einem Risikogebiet zurück nach Deutschland reist, Kontakt mit uns im Gesundheitsamt aufnimmt«, sagt deshalb Dr. Anja Hauri. Die Leiterin des Fachdienstes Hygiene im Gesundheitsamt verweist dabei auf die nach ihrem Dafürhalten nur begrenzte Aussagefähigkeit von maximal 48 Stunden alten Negativ-Tests, die Reisende mitbringen: »Das können nur Momentaufnahmen sein«. Zumal man nicht wisse, ob in den 48 Stunden danach noch eine Infektion erfolgte.

Corona Gießen: Falsche Sicherheit

Die negativen Tests vermittelten eine falsche Sicherheit. Gleichwohl müssen diese Menschen hier nicht nochmals getestet werden. Der Freitest im Reiseland wird so quasi zum Freifahrtschein zum Umgehen von 14 Tagen Quarantäne.

Hessens Gesundheitsminister Kai Klose vernahm die mahnenden Stimmen aus dem Gießener Gesundheitsamt sehr wohl, als er sich dort gestern im Rahmen einer »Sommertour« über dessen Arbeit zu informierte. Er plädierte dafür, für Reise-Rückkehrer bundesweit einheitliche Regelungen zu schaffen.

Corona Gießen: Bislang keine einheitliche IT-Infrastruktur

Was die Vertreter der Gießener Gesundheitsbehörde dem Minister ebenfalls mit auf den Weg gaben: Dass bitte Sorge zu tragen sei für eine einheitliche IT-Infrastruktur aller Gesundheitsämter: Und zwar landes-, am liebsten aber bundesweit. Denn auch das hat man aus der ersten Welle seit März gelernt: Der Austausch mit anderen Gesundheitsbehörden war teils schwierig, weil es eben keine kreisübergreifenden Netzwerke, keine zentrale Datenbank, keine einheitliche Software gibt. Just dies hätte es aber gebraucht, um etwa Fälle und Kontaktpersonen noch zügiger nachzuverfolgen.

Letztlich hatte es teilweise dazu geführt, dass zum Datenaustausch auf das gute alte Fax zurückgegriffen werden musste. Was zwar in Sachen Datensicherheit gut ist, aber eben zu Zeitverzögerungen führen kann.

Noch einmal Hygienikerin Hauri: »Ich befürchte, dass die bessere IT-Vernetzung schnell nötig sein wird mit Blick auf die Reise-Rückkehrer oder eine zweite Welle im Herbst«. Klose sicherte zu, dass die unabhängig von Corona »in Arbeit« ist.

Er verwies zudem auf die laufenden Beratungen zum »Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst und dessen Ausgestaltung: »Wir können froh sein, dass wir hier einen öffentlichen Gesundheitsdienst haben.«

Corona Gießen: Ärzte-Rekrutierung schwierig

Landrätin Schneider warb dafür, die Gesundheitsämter weiter zu stärken: »Es ist ein Schlüssel des Erfolges, dass die Gesundheitsämter regional aufgestellt sind und nicht zentral gesteuert«. So hat der Landkreis Gießen die personelle Besetzung nach oben korrigiert. Im Fachdienst Hygiene sind jetzt sechs neue Stellen unbefristet hinzugekommen, zudem elf weitere befristet bis Ende 2021.

Und, so räumt Schneider freimütig ein: »Wir haben gelernt, dass es schwierig ist, in einer Notphase Menschen einzustellen, die dann noch eingearbeitet werden müssen. Das funktioniert nicht gut«. Damit dies nicht noch einmal passiert, werden derzeit weitere 45 Mitarbeiter der Kreisverwaltung beispielsweise für die Arbeit der Kontaktpersonen-Nachverfolgung geschult, um eine personelle Reserve für diese Arbeit zu haben.

Schwierig bleibe es gleichwohl, für die Arbeit des öffentlichen Gesundheitsdienstes Ärzte zu bekommen. Da will der Kreis künftig offensiver zeigen, dass er für Mediziner ein attraktiver Arbeitgeber ist. Für die weitere personelle Ausstattung des Gesundheitsamts ist ein Gutachten in Arbeit. Das soll mit Blick auf 2021 aufzeigen, wo personell nachjustiert werden muss.

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