Reicht das Tempo?

  • Lena Karber
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Jüngst hat der Landkreis seine erste Treibhausgasbilanz veröffentlicht. Landrätin Schneider lobte Kreis und Kommunen und sagte, man sei auf dem richtigen Weg. In Sachen Ökostrom- Erzeugung aber steht das Gießener Land schlechter als manch Nachbarkreis da. Der Fokus liege ohnehin auf einer nachhaltigen Wärmeversogung, sagen die Verantwortlichen. Doch reicht das Tempo, um die eigenen Zielvorgaben bis 2030 zu erfüllen?

Die CO2-Emissionen im Kreisgebiet sind zwischen 2010 und 2018 um 10,4 Prozent gesunken, und die Menge an hierzulande produziertem Strom aus erneuerbaren Energien ist um 144,5 Prozent gestiegen - diese Zahlen aus seiner ersten Treibhausgasbilanz hat der Landkreis Gießen jüngst veröffentlicht. »Die Treibhausgasbilanz bestätigt, dass wir dank der kontinuierlichen Klimaschutzarbeit des Kreises und vieler Kreiskommunen auf dem richtigen Weg sind«, sagte Landrätin Anita Schneider daraufhin.

Wie aber steht der Kreis mit diesen Ergebnissen im Vergleich zu anderen Regionen da? Die Pro-Kopf-Emission im Gießener Land liegt nach wie vor über dem hessischen Durchschnitt. Ohne Weiteres vergleichbar ist dieser Wert jedoch nicht, heißt es aus der Kreisverwaltung.

Ein Grund dafür sind vor allem die unterschiedlichen Methoden der Datenerhebung und Bilanzierung. So wurde die Treibhausgasbilanz vom Kreis nach dem sogenannten BISKO-Standard erhoben. Dieser sieht vor, dass etwa beim Stromverbrauch mit einem bundesweit einheitlichen Emissionsfaktor gerechnet wird, um zu verhindern, dass Standortvor- oder -nachteile in die Bilanz einfließen. Zudem wird dem Landkreis Gießen der Durchgangsverkehr beispielsweise von Marburg nach Frankfurt zugerechnet.

Das Land Hessen bemüht hingegen ein Quellen- beziehungsweise Verursacherprinzip, bei dem Emissionen der Heimatkommune des Fahrers zugerechnet und unter anderem die Emissionen von importiertem Strom nicht berücksichtigt werden.

Etwas besser steht es um die Vergleichbarkeit im Bereich Stromverbrauch und erneuerbare Energien, denn hier liegen zumindest für die fünf zum Regierungspräsidium Gießen gehörenden Kreise gleichsam erhobene Daten vor. Aus diesen geht hervor, dass sich der Anteil des im Kreisgebiet produzierten Stroms aus erneuerbaren Energien am Stromverbrauch zwischen 2010 und 2018 von 142 890 auf 349 037 Megawattstunden (MWh) erhöht hat - was dem vom Landkreis angegebenen Anstieg um 144,5 Prozent entspricht. Damit ist der Deckungsgrad von 11,87 auf 31 Prozent gestiegen. Im Bereich des Regierungspräsidiums ist die Menge an erneuerbaren Energien im gleichen Zeitraum allerdings deutlich stärker gewachsen, nämlich um 283 Prozent. Dadurch erhöhte sich der Deckungsgrad von 11,92 auf 48,1 Prozent.

Maßgeblich ist dafür der Vogelsbergkreis verantwortlich, der inzwischen mehr als doppelt so viel Strom aus erneuerbaren Energien gewinnt als in der Region verbraucht wird - und damit die Gesamtbilanz stark beeinflusst. Allerdings haben sowohl der Landkreis Limburg-Weilburg als auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf den Kreis Gießen in Bezug auf den Deckungsgrad inzwischen überholt. Nur im Lahn-Dill-Kreis fällt dieser etwas geringer aus.

Die Kreisverwaltung führt das auf regionale Gegebenheiten zurück. So gebe es nur sehr wenige geeignete Flächen für Windkraftanlagen. »Viele der von den Windverhältnissen her interessanten Flächen sind naturschutzrechtlich geschützt«, sagt Louisa Wehlitz von der Kreis-Pressestelle. Und von den anderen Flächen hätten die meisten keine ausreichenden Windverhältnisse. »Marburg-Biedenkopf zum Beispiel hat mehr geeignete Flächen«, so Wehlitz.

Da es nicht möglich sei, den derzeitigen Strombedarf aus hierzulande produzierten erneuerbaren Energien zu decken, habe sich der Landkreis Gießen daher frühzeitig auf eine nachhaltige Wärmeversorgung fokussiert - die sogenannte Wärmewende. »44 Prozent der Energie werden für das Beheizen von Gebäuden verwendet, daher forciert der Landkreis Gießen den Ausbau von Wärmenetzen«, heißt es aus der Pressestelle. Zudem biete man über das Energieberatungsnetzwerk Beratungsangebote für Privatpersonen und die Wirtschaft an.

Zumindest der Rückgang des Stromverbrauchs ist hierzulande im Beobachtungszeitraum auch etwas stärker ausgefallen als in der Nachbarschaft. Der Landkreis verzeichnete ein Minus von 7,67 Prozent, das Regierungspräsidium insgesamt nur eines von 5,08 Prozent. Dazu passt auch, dass bei den Treibhausgasen die größten Einsparungen im Bereich der privaten Wohngebäude erzielt wurden (nämlich ein Minus von 18,9 Prozent).

Keine Einsparungen sind dagegen im Bereich Verkehr zu verzeichnen. Im Jahr 2010 entfielen auf diesen Sektor bereits 38 Prozent der CO2-Emissionen. 2018 waren es sogar 42 Prozent. Bei der Frage nach den Gründen verweist die Pressestelle hier auf eine dünne Datenlage.

Bleibt die Frage, ob sich die Zielvorgabe, bis 2030 Strom und Wärme zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu gewinnen, in diesem Tempo umsetzen lässt. »Rein bilanziell ist dies nur durch enorme Anstrengungen im Bereich der Energieeffizienz und des Energiesparens zu schaffen, da im Landkreis Gießen nicht die Voraussetzungen gegeben sind, den derzeitigen Strombedarf aus im Kreisgebiet produzierten erneuerbaren Energien zu decken«, heißt es aus der Pressestelle. Die Kreisverwaltung selbst werde das Ziel in ihrem Verantwortungsbereich wie den Schulen im Kreisgebiet jedoch erfüllen können.

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