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Hohe Niederschlagsmengen seit September bedeuten gute Startbedingungen auch für die Landwirte im Gießener Land. SYMBOLFOTO: TB

Reichlich Regen freut die Bauern

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Die Daten des Deutschen Wetterdienstes weisen seit September auch für den Landkreis Gießen hohe Niederschlagsmengen aus. Wurde auch Zeit, nach zwei Dürrejahren hintereinander, verbunden mit teils erheblichen Ertragseinbußen. Herrscht also trotz Corona einigermaßen gute Laune bei den Landwirten? Nachgefragt im Gießener Land.

Die jüngsten Bauernproteste gegen agrarpolitische Weichenstellungen in Berlin und Brüssel oder die von marktbeherrschenden Discountern gesenkten Milchpreise sind noch in guter Erinnerung - und keineswegs obsolet. Mit der erwachenden Natur treten bodenständige Themen wieder in den Vordergrund. Buchstäblich.

Denn, das lernt bereits jedes Kind, auch wenn die Eltern weder Garten- noch Ackerland besitzen: ohne Wasser, Fachleute sprechen von Bodenfeuchte, kein Pflanzenwachstum.

Bundesweit viel zitierter Gradmesser ist der "Dürremonitor", erstellt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Dem zufolge haben sich die hohen Niederschlagsmengen seit September 2019 positiv bemerkbar gemacht. Zwar sind die Böden in der Tiefe, gemessen wird bei 1,80 Meter, weiter trocken, doch die oberen Bodenschichten sind inzwischen gut durchfeuchtet. Und selbst die Grundwasserpegel - vorwiegend in verdunstungsarmen Wintern aufgefüllt, nach vielen regenarmen Jahren schon vor 2018 aber abgesunken - steigen langsam wieder an.

Soweit die Ausgangslage, auch im Gießener Land, wie Messungen des Deutschen Wetterdienstes belegen (siehe Info-Kasten). "Die Startbedingungen und auch Aussichten", bestätigt Herbert Becker, "sind dieses Jahr durchaus besser". Dessen Expertise ist oft gefragt, ist er doch nicht nur Pflanzenbauberater beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH), sondern auch ein Praktiker, der einen eigenen Bauernhof bewirtschaftet. Dass die erhöhte Bodenfeuchte aber nur ein Aspekt ist, wenn es um die Prognosen für 2020 geht, fügt er sogleich an. "Es kommt auf den jeweiligen Standort an", betont der Experte.

Denn selbst in dem recht überschaubaren Gießener Land gibt es große Unterschiede. Während es etwa zur Wetterau hin tendenziell mehr gute, da wasser- und nährstoffhaltende, Böden mit entsprechend besseren Ertragserwartungen gibt, sieht es zum Vogelsberg hin schon anders aus. Selbst bei einem einzelnen Betrieb können die Flächen geologisch unterschiedliche Bodengüten aufweisen. Wesentliches Kriterium ist die Bodenart, genauer die Zusammensetzung der Korngrößen (Sand, Schluff, Ton), da diese wiederum das Nährstoff-und Wasserspeichervermögen ausmachen.

Der Vollständigkeit halber seien als weitere Gütekriterien das geologische Ausgangsmaterial des Bodens (Nährstoffgehalt), der Zustand (etwa Erosion, Entwässerung), aber auch Hangneigung und lokales Klima genannt.

Auch wenn also die Startbedingungen gegenüber dem Vorjahr besser sind, so ist das nur die halbe Miete. Denn auch wenn die jetzt beginnende Aussaat der Sommerkulturen - vor allem Braugerste, Mais, Kartoffeln oder Zuckerrüben - erledigt ist, braucht es hin und wieder Regen. "Wenn wir wieder eine Hitzeperiode im April/Mai bekommen, haben wir gerade auf schwachen Böden ein Problem."

Als Erstes hoffen die Landwirte jetzt, dass die Ackerflächen weiter abtrocknen, um die Aussaat bodenschonend zu bewerkstelligen. Der Pflanzenbauexperte: "Ist es zu nass, kann die Bodenstruktur komplett zerstört, das für den Feuchtigkeitstransport benötigte Kapillarsystem geschädigt werden." Aktuell aber sieht es gut aus, langfristige Wetterprognosen allerdings sind stets mit Fragezeichen versehen.

"Ein Landwirt muss sich immer der Natur anpassen", mahnt der Fachmann. Sein Rat gerade an die jungen Kollegen: "Ruhig bleiben. Zu früh rausfahren und den Boden kaputt machen, ist der falsche Weg." Auch wenn dann der Ertrag etwas geringer ausfalle, so sei es doch besser, weil nachhaltiger, später zu drillen, wie der Fachmann das Ausbringen von Saatgut in Reihen nennt.

Apropos Anpassung an die Natur - werden Mittelhessens Äcker durch den Klimawandel bald anders aussehen? Der Pflanzenbauberater verweist hier auf erste Probeläufe im Kreis Gießen, was den Anbau neuer Pflanzen, insbesondere von Soja als Viehfutter und zur Ölherstellung, angeht. Jedoch fehlten bislang noch Sorten, die zu den hiesigen klimatischen Bedingungen passten, sei doch nicht durchgängig mit so trocken-heißen Sommern wie zuletzt zu rechnen.

Begünstigt wird erwähntes "Soja-Experiment" dadurch, dass jetzt in Eberstadt die kreisweit erste Anlage zum Verarbeiten der Bohnen ("toasten") errichtet wurde. "Ansonsten jedoch gibt es nicht die großen Alternativen", macht Becker am Ende des Gesprächs deutlich. Und fügt grundsätzlich noch an, dass auch der Landwirt rechnen müsse, mit neuen Kulturen auch der "entsprechende Ertrag" erzielt werden müsse. "Das sehe ich im Moment noch nicht."

Was die Corona-Krise angeht, so fürchtet Becker keine erheblichen Einschränkungen für seine Kollegen, also keine Einbrüche bei den Lieferketten für Dünger oder Ähnliches. Anders als in Südhessen dürfte sich im Gießener Land ob der hier vorwiegenden Betriebs- und Anbaustrukturen auch kein Problem mit ausländischen Saisonarbeitern ergeben. Und sollte es gar zu einer Ausgangssperre kommen, so dürfte der für die Gesellschaft so essenzielle Berufszweig des Landwirts davon ausgeschlossen bleiben.

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