Ein "Muss" auf dem "Erzweg Süd": die Eisenkaute nahe Weickartshain. ARCHIVFOTO: TB
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Ein "Muss" auf dem "Erzweg Süd": die Eisenkaute nahe Weickartshain. ARCHIVFOTO: TB

Reichlich Nahrung fürs Hirn

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Die Osterferien und das Frühlingswetter locken nach draußen. Gegen einen Osterspaziergang ist auch in Corona-Zeiten nichts einzuwenden. Dafür stellen wir etwas weniger ausgetretene Pfade vor. Zum Abschluss: der "Erzweg Süd" im Ostkreis.

Selbst die Menschen, die links und rechts des Seenbachs leben, von Freienseen im Süden bis Merlau im Norden, sie wissen nur noch wenig von diesem Kapitel Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Dabei ist es gar nicht so lange her, dass ein bedeutender Erwerbszweig sein Ende fand: 1966 schloss in dem noch landwirtschaftlich geprägten vorderen Vogelsberg die letzte Eisenerzgrube.

Heute finden sich nur mehr wenige Relikte, die dem ungeübten Auge sagen: "Hier haben Menschen im Schweiße ihres Angesichts geschuftet, um der Erde ihre Schätze zu entreißen." Etwa nahe Weickartshain, wo die 1940 schon nach zwölf Jahren geschlossene "Grube Deutschland" bald zum Teich wurde. Später zum Naherholungsgebiet "Weickartshainer Schweiz"; ein Startpunkt des "Erzwegs Süd". Er führt den Wanderer zu den Stellen, wo nach Erz gegraben, Gestein gewaschen, Schlammteiche angelegt wurden.

16 bebilderte Texttafeln zu diversen Themen sind über 14 Kilometer "Erzweg Süd" verteilt, bieten Infos zur Lage der Gruben, zur Geologie des Vogelsberges mit seinem vulkanischen Ursprung, zur Technik der meist überirdischen Förderung (Tagebau) und Aufbereitung des Erzes für die Verhüttung. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen kommen nicht zu kurz.

Nur ein Aspekt: Der industrielle Abbau hatte mit Eröffnung der Vogelsbergbahn Gießen-Fulda 1869/70 Fahrt aufgenommen, da nun das Erz zu den Hüttenwerken an Rhein und Ruhr transportiert werden konnte. 1903 brachte die Bimmelbahn von Mücke nach Hungen weitere Fortschritte in Sachen Logistik.

Als ein Einstieg sei besagte Eisenkaute bei Weickartshain empfohlen. Da es ein Rundweg ist, kann der Osterwanderer freilich überall starten. Vorbei an den ehemaligen Gruben "Deutschland" und "Neugrünende Hoffnung" geht es Richtung Freienseen, hernach wieder nordwärts nach Lardenbach. Oberhalb des Grillplatzes, am Hilgesberg, erfreut eine herrliche Aussicht ins Seental und darüber hinaus das Auge. Hier lässt’s sich gut rasten und Ostereier werfen - es müssen ja nicht die aufwendig verzierten sein.

Die Bodensenken, die unweit von Lardenbach und Klein-Eichen auf die Abbaustätten "Maximus Süd/Nord" verweisen, sind für den Laien kaum zu erkennen. Eher schon die Dämme, die einst die Schlammteiche begrenzten. Über kilometerlange Rohrleitungen herangeführt, die die Gegend ebenso prägten wie die Seilbahnen, setzte sich dort das Wasser aus den Erzwäschen ab. Eine solche stand auch in Stockhausen.

Die Info-Tafeln entlang des Wegs bieten reichlich Nahrung fürs Hirn. Etwa zur Abbautechnik. Oder von der Schwere der Arbeit, vom harten Alltag der Vorfahren. Fast alle lebten von der Landwirtschaft. Das Bergwerk, der karge, doch regelmäßige Lohn, die Rentenzahlungen waren da willkommen. Der Stundenlohn lag 1880 zwischen 0,15 und 0,28 Reichsmark, in den 1930ern zwischen 0,35 bis 0,38 Reichsmark. Dank des Erzabbaus gingen ab Mitte des 19. Jahrhunderts die immensen Auswandererzahlen zurück.

Durch offenes Feld geht es nun zurück nach Weickartshain, vorbei an Seenbrücke, das damals einen kleinen Bahnhof sein Eigen nannte. Jetzt gilt’s, noch einmal den Fernblick in den hohen Vogelsberg zu genießen, dann die letzten Meter zum Parkplatz - geschafft.

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