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Saft statt Wein: Auch wenn die Aufschrift auf dem Karton anderes verheißt, bei dem Besuch der Grünen auf dem Johanneshof blieb es bei Apfelsaft. FOTO_ LKL

Regional statt Bio

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Landwirtschaft ist ein »urgrünes« Thema, und dennoch finden beide Seiten nur selten einen gemeinsamen Nenner. Im Wahlkampf hat sich nun eine Grünen-Delegation um Landratskandidatin Kerstin Gromes mit zwei Landwirten aus der Region zusammengesetzt, um über Probleme, Chancen und Ideen zu sprechen.

Bio, regional, nachhaltig - für umweltbewusste Verbraucher gilt das als Nonplusultra. Doch viele Landwirte - und zwar auch solche, die sich Tierwohl und Co. auf die Fahnen geschrieben haben - lehnen eine Bio-Zertifizierung ab. Wieso ist das so? Welche Hürden gibt es bei der Umstellung auf ökologischen Anbau? Das war eines der Themen, die die Grünen-Delegation um Kerstin Gromes am Mittwoch auf ihrer Tagesordnung hatten, als sie den Johanneshof in Lich-Langsdorf besuchte, um mit zwei heimischen Landwirten und Direktvermarktern über deren Situation zu sprechen.

Sowohl Hofinhaber Wolfgang Schadeck als auch der ebenfalls anwesende Hungener Landwirt Ingo Schmalz haben dazu eine klare Meinung. Für beide Betriebe gilt: regional ja, Bio nein. »Ich will mir meine Böden nicht verseuchen«, begründete Wolfgang Schadeck die Entscheidung und verwies darauf, dass auch Bio-Pestizide schädlich sein können. So gibt es beim ökologischen Anbau von Kartoffeln oder Wein zur Pilzbekämpfung bislang keine Alternative zu Kupfer - für Schadeck keine gute Lösung. »Die Sachen, die wir einsetzen, sind in spätestens einem Jahr abgebaut«, betonte er.

Schmalz, der in Hungen neben dem Ackerbau auch Hühner und Mastschweine hält, erachtet ebenfalls nicht alle Bio-Vorgaben als sinnvoll, wohl aber kurze Transportwege für die Tiere und andere Maßnahmen zugunsten des Tierwohls. So hat er gerade einen neuen, offenen »Tierwohl-Stall« eingeweiht. Das sei den Kunden wichtig, führe jedoch zu einer Erhöhung des Fleischpreises, erzählte er. Einen noch höheren Preis durch Bio-Auflagen zu nehmen, hält er nicht für machbar, denn bereits jetzt würden die meisten Kunden aus Kostengründen nur einen Teil ihres Fleisch- und Wursteinkaufes bei ihm erledigen. »Jeder will Tierwohl, aber es sind vielleicht 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung bereit, den Mehrwert zu zahlen«, sagte er. Außerdem sei die Zertifizierung für viele kein Kriterium. »Bio zählt bei uns in der Region nicht, das geht eher in Richtung Gießen.«

Schadeck und Schmalz sprachen sich daher für einen Mittelweg aus. »Bio wird gefördert und der konventionelle Anbau mag sehen, wo er bleibt«, ärgerte sich der Betreiber des Johanneshofes. Dabei sei es viel sinnvoller, beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln stärker zwischen Schaden und Nutzen abzuwägen. Zudem müsse mehr in die Forschung investiert werden.

Die Grünen gingen hierbei nicht auf Konfrontationskurs. »Ich denke, wir sind vom inhaltlichen überhaupt nicht weit auseinander«, meinte etwa Christian Zuckermann, Chef der Kreistagsfraktion. »Natürlich finden wir als Grüne Bio immer super, aber ich persönlich halte Regionalität fast für noch wichtiger.«

Auch Gromes lobte das Konzept der Höfe, gab jedoch zu bedenken, dass nicht jeder Betrieb so eigenverantwortlich handele. Daher gehe es darum, Standards so zu setzen, dass das Fleisch auch bei den Großbetrieben teurer werde. Das betrachteten die Landwirte als problematisch. »Mit allen Sachen, die man den großen Betrieben auferlegt, trifft man in Wirklichkeit zuerst die kleinen«, sagte Schmalz.

Beispiele für Regelungen, die den Landwirten sauer aufstoßen, gab es reichlich - so kamen das CRISPR/Cas-Verfahren, die Betäubungspflicht bei der Ferkelkastration oder die sogenannte Rübenpille zur Sprache -, eine echte Diskussion kam bei diesen EU- und bundespolitischen Themen jedoch nicht zustande. »Ich oute mich hier ganz offen als Laie«, sagte Gromes im Hinblick auf die Komplexität vieler Themen. Gerade deshalb sei jedoch der Austausch so wichtig.

Dem stimmten auch die Landwirte zu. »Ich habe schon mit vielen Vertretern der Grünen diskutiert, und bei uns auf dem Hof ist immer alles Friede-Freude-Eierkuchen, aber wenn sie dann unter sich sind, wird ordentlich draufgehauen«, sagte Schmalz. Genau das gelte es zu vermeiden. »Wir wollen Sie als Entscheidungsträger sensibilisieren.«

Neben dem Schutz von Ackerflächen, Schlachtstätten und Ferkelzuchten in der Umgebung wünschen sich die Landwirte auf lokaler Ebene daher, dass das Thema Ernährung stärker in die Schulpolitik integriert wird. Denn in puncto Verbraucherbildung, da waren sich alle einig, besteht Handlungsbedarf. »Unser Hofladen ist auch ein Aufklärungsladen über das Thema Landwirtschaft«, sagte Schmalz. »Da können wir unheimlich viel beitragen.«

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