Wulf Feinhals im Jahr 2015 bei einer Zahnbehandlung auf den Philippinen.	ARCHIVFOTOS: PM
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Wulf Feinhals im Jahr 2015 bei einer Zahnbehandlung auf den Philippinen. ARCHIVFOTOS: PM

Rege wie eh und je

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Wulf Feinhals ist vielen als Zahnarzt und grüner Kommunalpolitiker in Wettenberg in Erinnerung. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag auf der philippinischen Insel Siquijor.

Ende März letzten Jahres wollte Wulf Feinhals nach Gießen und Wettenberg kommen. Unter anderem, um alte Freunde wiederzusehen - eigentlich. Doch Feinhals wurde von Corona ausgebremst. Seit März 2020 gibt es in seiner neuen, zweiten Heimat auf der philippinischen Insel Siquijor einen bis heute währenden Lockdown.

Feinhals versucht, der Situation auch positive Seiten abzugewinnen: »Ich kann zwar meine Insel nicht verlassen, dafür haben wir bis jetzt auch keinen Corona-Fall«, sagt er am Wochenende gegenüber dieser Zeitung. Er spricht von »einer wunderbaren tropischen Einhegung«, die allerdings viele Aktivitäten binde. Denn seit März 2020 ist Siquijor laut Feinhals fast völlig von der Außenwelt abgeschlossen. »Niemand darf auf die Insel kommen und keiner darf die Insel verlassen - bis auf schwere Krankheitsfälle, die hier nicht behandelt werden können«, schildert Feinhals die Situation. Auch die Schulen seien dicht, Versammlungen mit mehr als zehn Personen nicht erlaubt. In der Öffentlichkeit besteht Maskenpflicht.

Dabei ist der Zahnarzt aktiv und rege wie eh und je: »Ich baue momentan zwei Modell-Müllsammelstellen in Lazi, einer Kleinstadt auf Siquijor«, schrieb er vergangene Woche in einer E-Mail. Zusammen mit Mitstreitern vom lokalen Rotary-Club und der Initiative »Mother Earth« wolle man die Menschen für Müllsammlung und -trennung sensibilisieren. Denn: »Bis jetzt wurde der Müll im Garten in einer Kuhle verbrannt oder von den Kleinstädten mit einem Laster in irgendeinem abgelegenen Tal im Hinterland abgekippt.« Das Ziel: Zero Waste Siquijor - also null Müll in Siquijor.

Auf die Philippinen ist Feinhals vor gut 13 Jahren gekommen. »Ich musste leider durch eine ›bescheuerte‹ Verordnung, die mir nicht erlaubte ab 67 Jahre die Kassenpraxis weiterzuführen, meine Praxis verkaufen«, erinnert er an eine unschöne Situation. Zumal die Verordnung vier Monate nach dem Verkauf zurückgenommen wurde.

Seinerzeit hatte er das Angebot der NGO »German Doctors« angenommen, als »Buschzahnarzt« auf den Philippinen zu arbeiten. »Die Lebensweise auf den tropischen Philippinen hat mich stark beeindruckt«, sagt er - und blieb. Seit 13 Jahren lebt er auf der Insel Siquijor mit ihren rund 100 000 Einwohnern. Dort hat Feinhals in den vergangenen Jahren maßgeblich am Aufbau des Hygieneprojekts »Fit for School« an 64 Grundschulen mitgewirkt. Um Schulkindern tägliches Händewaschen und Zähneputzen zu ermöglichen, Basisarbeit im besten Sinne, denn viele Schulen hatten zuvor noch nicht einmal fließend Wasser. »In Zusammenarbeit mit dem Rotary Club Siquijor Island konnten Gesundheits- und Hygieneprojekte wie Brillen für Schulkinder, Toilettenbauten und Wasserversorgungen für Schulen realisiert werden«, sagt Feinhals.

Seit acht Jahren engagiert er sich selbst als Rotarier. Dieses Netzwerk hilft, denn durch Spenden von Rotary-Clubs aus Deutschland und Kanada, aber auch von Zahnärzten im Gießener Raum konnte Feinhals vor fünf Jahren die erste Schulzahnklinik der Philippinen bauen. Mittlerweile zählt er 54 Zahnärzte aus Deutschland auf, die dort ehrenamtlich gearbeitet haben. Eingebunden ist unter anderem immer wieder der Gießener Kollege Dr. Ulrich Bolz. Mit dem Engagement zugunsten der Armen knüpft Feinhals auf den Philippinen an frühere Hilfsprojekte an: Bereits 1988 gründete er mit Kollegen die NGO »German Dental Care« auf Jamaika. Auch in Port Antonio und Portland ging es um die ehrenamtliche Versorgung von Menschen durch Zahnärzte aus dem Raum Gießen.

Zudem hat Feinhals auf Siquijor privat ein neues Glück gefunden: Mit Ehefrau Celyn hat er weitere zwei Kinder, den elf Jahre alten Fritz sowie die achtjährige Frieda.

Dabei war das alles nicht so vorgezeichnet: Nach dem Studium der Zahnmedizin in Marburg hatte der aus Bergisch Gladbach stammende Feinhals rund fünf Jahre in der seinerzeit neuen Zahnklinik in Gießen gearbeitet und 1979 eine Praxis in Gießen übernommen. Kurz darauf zog er nach Launsbach in eine alte Hofreite am Ortsrand. Dort wuchsen die Söhne Hannes und Jakob auf. In Wettenberg gehörte er gemeinsam mit Christoph Nix zu den Gründern der Grünen in den 1980er Jahren, engagierte sich als Vorsitzender des Ortsverbands und brachte sich politisch im Gemeindevorstand ein.

In diese Zeit fiel auch die von Wulf und und seiner zweiten Frau Annette Feinhals mit initiierte Gründung des Elternvereins »Ameise«. Dies, um Kinderbetreuung der Unterdreijährigen in Eigeninitiative zu organisieren, denn kommunale Angebote gab es dafür seinerzeit nicht. Neben dem klassischen Grünen-Thema Umweltschutz engagierte sich der Zahnarzt in seiner Wettenberger Zeit in der damals jungen Partnerschaft mit Zsámbék und Tök in Ungarn. Zudem verfolgte er die Idee einer weiteren Städtepartnerschaft mit Kalvarija in Litauen. Letzteres kam nicht dauerhaft zum Tragen. Gleichwohl wurde 2003 der damalige Deutsch-Litauische Verein Wettenberg (heute Gießen) aus der Taufe gehoben. Feinhals ist Ehrenvorsitzender des regen Vereins, der bis heute in Mittelhessen Litauern eine gemeinsame Plattform ist.

»Ich wollte Ende März 2020 eine rauschende Geburtstagsparty für den 26. Januar 2021 mit meinen Freunden im Gleiberger Bürgerhaus, Tempelchen, vorbereiten - alles hat diese merkwürdige Pandemie verhindert«, schreibt Wulf Feinhals mit Blick auf seinen 80. Geburtstag am heutigen Tage und fügt sehr persönlich an: »Das ist zwar zu verschmerzen, aber mir tut es weh, meine Kinder und Freunde in Deutschland für lange Zeit nicht gesehen zu haben, und es ist sehr ungewiss, ob ich sie überhaupt wiedersehe.«

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