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Rechtenbach - einst ein geteiltes Dorf

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Rechtenbach ist heute ein großes Dorf. Früher waren es zwei. Und mittendurch verlief eine Grenze.

In Rechtenbach gibt es vieles doppelt: Zwei Kirchen, zwei Friedhöfe, zwei Dorfgemeinschaftshäuser. Denn was heute ein Ort ist, war einst Klein-Rechtenbach und Groß-Rechtenbach. Zwischen den beiden Dörfern verlief früher eine harte Grenze: die zwischen Hessen und Nassau. In Höhe des heutigen Kinderheims Zoar stand gar eine Zollstation. Nur im Glauben waren die beiden Orte vereint: Groß- und Klein-Rechtenbach bildeten ein Kirchspiel. Der Tat eines Gläubigen ist es auch zu verdanken, dass es 1988 eine 1200-Jahrfeier geben konnte: 788 vererbte dieser an das Kloster Lorsch ein Stück Land. Das Dokument dazu ist die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes.

In Rechtenbach selbst lagerten einst viele Dokumente, die für andere Kommunen wichtig waren: In der Gemeindezwecksverbandskasse wurden die Geldangelegenheiten von insgesamt zwölf selbstständigen Gemeinden verwaltet. Werner Müller vom Kultur- und Heimatkreis Rechtenbach kann sich noch gut erinnern, wie hier mit Magnetstreifenrechnern gearbeitet wurde. Der erste Computer war da eine große Erleichterung.

Diese Institution verschwand im Zuge der Gebietsreformen. In Klein- und Groß-Rechtenbach hatte man die Zeichen der Zeit bereits früh erkannt und sich 1968 zu einer Gemeinde zusammengeschlossen. 1971 kamen Vollnkirchen und Weidenhausen dazu, die Gemeinde Schwingbach war gegründet. Sechs Jahre später war diese bereits wieder Geschichte, wurden die Dörfer Teil der Gemeinde Hüttenberg. Deren Rathaus steht mitten in Rechtenbach.

Alle mussten anpacken

Dass es zwei Dorfgemeinschaftshäuser in Rechtenbach gibt, hat übrigens nichts mit der Gebietsreform zu tun. In Groß-Rechtenbach wurde 1954 das erste Bürgerhaus im Kreis Wetzlar errichtet. Bürgermeister Wilhelm Lang hatte die Notwendigkeit des Baus unter anderem damit begründet, dass ein öffentliches Bad mit Wannen, eine Wäscherei und ein Backhaus für die Bürger dringend gebraucht würden. Mit "Hand- und Spanndienst" wurde das Gebäude errichtet: Jeder Groß-Rechtenbacher über 18 Jahre wurde zur Mithilfe am Bau verpflichtet. Kaum stand in Groß-Rechtenbach das Bürgerhaus, wollten die Klein-Rechtenbacher so etwas auch haben - und so wurde auf der anderen Seite des Tals auch gebaut.

Eingriffe in gewachsene Struktur

Die eingangs erwähnte Zollstation hatte einen Grund: Durch Rechtenbach verlief eine Haupthandelsroute zwischen Butzbach und Wetzlar. Da es im Ort steil bergauf ging, hielten einige Bauern Vorspannpferde: Schaffte es ein Händler mit den Pferden vor seinem Fuhrwerk aus eigener Kraft nicht hinauf, bekam er gegen einen kleinen Obolus Hilfe mit zusätzlichen PS. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Fuhrwerke ein alltäglicher Anblick: Bürgermeister Christof Heller hat Zahlen der Verkehrszählung von 1937 vorliegen. Die damalige R 277 benutzte 291 motorisierte Fahrzeuge sowie 91 "bespannte Fahrzeuge". Mit dem wachsenden Verkehr wurde die alte Straße bald zu schmal. Mehrere Häuser wurden für den Ausbau der Bundesstraße 277 abgerissen, um mehr Platz zu schaffen. Werner Müller bedauert dies: "Es war ein harter Eingriff in die gewachsene Ortsstruktur." Für Entlastung im Ortskern selbst sorgte die Verlegung der Landesstraße 3054, auch wenn hierdurch die Brücke "Eiserner Steg" über den Schwingbach abgerissen werden musste. Heller kann sich noch gut daran erinnern, wie sich dort früher die Kinder aus beiden Orten trafen, um sich zu zanken.

Beide Dörfer sind längst zu einer Einheit verschmolzen. Die Dorfgemeinschaft ist aktiv: Wenn es etwas zu tun gibt, wird mit angepackt, ganz gleich welcher Verein die Initiative ergriffen hat. Zum guten Zusammenhalt trägt nicht nur die vielfältige Vereinslandschaft, sondern auch die Gesamtschule Schwingbach bei. Hier werden die Schüler aus der Gemeinde gemeinsam unterrichtet und wachsen so miteinander auf.

Bauland heiß begehrt

Wachstum ist auch ein Stichwort für Rechtenbach: Durch die gute Lage an der Autobahn 45 ist Bauland ebenso wie Platz für Gewerbe heiß begehrt. Das sorgt dafür, dass der Ort eine Infrastruktur vorweisen kann, die sich manch andere Stadt wünschen würde. Von der Apotheke über Supermärkte und Drogerie bis hin zu einem großen Autohaus ist alles vorhanden. Bürgermeister Heller will die freien Flächen entlang der Gießener Straße noch als Bauland entwickeln. Doch dann sei erstmal Schluss. "Wir müssen auch dafür sorgen, dass Rechtenbach in Teilen ein Dorf bleibt."

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