Ratlos am Ende des Radwegs

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Manche chillen im Urlaub am Pool. Gerd Espanion fährt lieber Rad, gerne auch mal über die Alpen. Der Steinbacher ist Wiederholungstäter. Doch nicht immer läuft alles glatt.

Drei Länder, 560 Kilometer, 3000 Höhenmeter im Anstieg, die schönsten Berge der Welt und am Ende das Meer: Der Radweg München-Venedig hat viele Höhepunkte und viele Herausforderungen zu bieten. Und manchmal muss man die Nerven behalten, um wohlbehalten ans Ziel zu gelangen. Gerd Espanion kann viel davon erzählen. Vor ziemlich genau einem Jahr, vom 9. bis 15. Juli 2019 ist er die Route gefahren. Allein in fünf Etappen. Er ist wohlbehalten in Venedig angekommen und von dort gemeinsam mit seiner Frau Martina, die ihm nachgereist war, wieder nach Hause gefahren. Aber zwischendrin, auf der vierten Etappe, sah es mal einen Moment so aus, als ob sein Weg schon hier zu Ende wäre.

Er fährt gerne allein

Espanion ist spät zum Radfahren gekommen. Mehrtägige Fahrten mit der Männersportgruppe 50plus der TSG Steinbach haben ihn auf den Geschmack gebracht. "Es ist eine echte Droge geworden", erzählt er im Büro seiner Werbeagentur in der Schubertstraße. An der Wand hängt ein großes Foto einer Gruppe von Radfahrern, die einen Grat im Hochgebirge bezwingen. Der 66-Jährige bemerkt den Blick der Besucherin und schüttelt den Kopf. "Nein, Trails fahre ich nicht." Er hält sich lieber an markierte Routen. Und er fährt gerne allein. "Weil ich da planen kann, wie ich möchte."

Zweimal hat er solo die Alpen überquert. Vor zwei Jahren führte ihn sein Weg vom Bodensee an den Comer See, letztes Jahr von München nach Venedig. Garmisch-Partenkirchen, Achenpass und Innsbruck, der zweistündige Anstieg hinauf zum Brenner, Sterzing, Bozen, Toblach und Cortina d’Ampezzo sind Stationen auf dem gut markierten Weg durch eine traumhafte Bergwelt. Am Ende des dritten Tages erreichte Espanion Pieve di Cadore, die Geburtsstadt des Malers Tizian.

Die nächste und vierte Etappe begann spektakulär mit einer rasenden Abfahrt auf einer Serpentinenstrecke entlang steiler Bergwände. "Irgendwo stand ein Schild, dass der Radweg gesperrt sei", erinnert sich der Steinbacher. Weil ihm aber zwei Radfahrer wohlgemut entgegen kamen, nahm er die Warnung auf die leichte Schulter. "Was die können, kannst du wohl auch", habe er sich gedacht. Immerhin drosselte er sicherheitshalber sein Tempo.

Die ersten Baumstämme, die quer über dem Radweg lagen, hat er noch überwunden. Dann häufte sich Geröll und irgendwann brach der Weg einfach ab. 2019 war der Winter in den Alpen lang gewesen. Die Schneeschmelze hatte spät, dann aber umso heftiger eingesetzt und den Weg einfach weggerissen. "Vielleicht 20, 30 Meter habe ich das Rad noch getragen, aber dann wurde es zu gefährlich." Mit seinem Gepäck, auch wenn es nur leicht ist, konnte Espa- nion die Abrisskante nicht überwinden.

Also zurück marsch marsch, irgendwo musste ja ein Umweg ausgeschildert sein. "Das war er bestimmt auch, aber ich habe ihn wohl verpasst." Eine ganze Weile war guter Rat teuer. Schließlich nahte Rettung in Gestalt einer einheimischen Radfahrerin. "Sie hat mich zurück auf dem rechten Weg gebracht", erzählt Espanion. Vielleicht 20 oder 30 Kilometer habe er mit der Unbekannten zurück gelegt, der er heute noch dankbar ist. Ihren Namen kennt er nicht, aber die kurze Begegnung hat er in angenehmer Erinnerung behalten. "Die Frau sprach gut Deutsch und konnte mir viel über die Gegend erzählen."

Den Rest der Etappe legte der Steinbacher wieder alleine zurück. Als er am Abend in Treviso ankam, hatte er 164 Kilometer mehr auf dem Tacho. "Das braucht man auch nicht alle Tage."

Von weiteren Radabenteuern hat ihn dieses Erlebnis nicht abgehalten. Vor gut zwei Wochen ist Espanion von seiner jüngsten Reise zurückgekehrt. Die 804 Kilometer von Görlitz bis nach Steinbach hat er in sechs Tagen zurück gelegt. Und auch auf dieser Tour hat er sich einmal ordentlich verfahren. Das war schon kurz vorm Ziel. Irgendwo in den tiefen Wäldern zwischen Ehringshausen, Mücke und Feldatal hat er sich so verfranst, dass er immer wieder im Kreis fuhr. Diesmal kam keine unbekannte Retterin vorbei. Mit bald 800 Kilometern in den Beinen musste der 66-Jährige Frust und Erschöpfung niederkämpfen. Irgendwann blieb er stur auf einer langen Schneise, die ihn hinaus aus dem Wald bis nach Groß-Felda brachte. Die ersehnte Dusche daheim in Steinbach war dann noch etwa 40 Kilometer entfernt.

Auch fürs kommende Jahr plant Espanion wieder eine längere Tour, dann vielleicht sogar mit einem Begleiter. Der deutsche Limes-Radweg soll es sein, der über 818 Kilometer von Regensburg bis nach Bad Hönningen führt. Auch Pohlheim liegt an der Strecke. "Falls wir genug haben, können wir auch dort schon aussteigen", überlegt Espanion. Auf alle Fälle wird er jedoch vor dem Start Rudi Schön anrufen, den ehemaligen Ersten Beigeordneten von Fernwald. Der könne anhand der Mondphasen Wetterprognosen abgeben. "Ich weiß nicht genau, wie er es macht. Ich frage immer nur: Rudi, wann soll ich los?" Bislang ist er mit den schönschen Ratschlägen immer gut gefahren. Mögen auch manchmal blockierte Wege und tiefe Wälder Espanion das Radler-Leben schwer gemacht haben: Geregnet hat es auf all seinen Langstreckentouren so gut wie nie.

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