In Lollar und Pohlheim gibt es viele Corona-Infektionen, über die wenig bekannt ist. Das befeuert Gerüchte, die sich teils gegen marginalisierte Bevölkerungsgruppen richten. (Symbolbild)
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In Lollar und Pohlheim gibt es viele Corona-Infektionen, über die wenig bekannt ist. Das befeuert Gerüchte, die sich teils gegen marginalisierte Bevölkerungsgruppen richten. (Symbolbild)

Debatte um Infektionsschutz

Rassismus? In Lollar und Pohlheim wird Corona zur Herkunftsfrage gemacht

  • vonLena Karber
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Mit Lollar und Pohlheim haben zwei Kommunen mit einem hohen Anteil an Migranten die höchste Corona-Inzidenz. Mitarbeiter des Landkreises Gießen warnen vor Stigmatisierungen und Pauschalisierungen.

  • In Lollar und Pohlheim ist die Corona-Lage seit Wochen äußert angespannt.
  • In beiden Kommunen leben viele Menschen mit Migrationshintergrund – nun schießen Spekulationen ins Kraut.
  • Belege für einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Corona gibt es nicht.
  • Beim Landkreis Gießen warnt man vor Stigmatisierung: „Corona ist ein weltweites Problem“

Lollar/Pohlheim – Als in Lollar vor einigen Wochen die Corona-Infektionszahlen in die Höhe schnellten, machten schnell Gerüchte über türkische Hochzeiten als Auslöser für diese Entwicklung die Runde. Schließlich war erst einige Tage zuvor publik geworden, dass in Nordrhein-Westfalen ein ähnliches Szenario eingetreten war. Eine Großhochzeit hatte Hamm zur Corona-Hochburg Deutschlands gemacht.

Corona in Pohlheim und Lollar: Kreis Gießen hat keine Daten zu Migrationshintergrund

In Lollar gab es letztlich keine offizielle Bestätigung für die Gerüchte. Seit Tagen ist neben Lollar Pohlheim die Kommune mit der höchsten Inzidenz im Kreis. In beiden Gemeinden leben Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen. Kulturen, in denen größere Zusammenkünfte weitaus üblicher sind. Besteht also dabei ein Zusammenhang zum Infektionsgeschehen?

»Vom Gesundheitsamt gibt es keine Daten, die das irgendwie belegen würden«, sagt Tim van Slobbe, Vorsitzender des Kreisausländerbeirats. Daten wie Migrationshintergrund erfasse man nicht, heißt es vom Landkreis. Die Bürgermeister vor Ort, Udo Schöffmann in Pohlheim und Bernd Wieczoreck in Lollar, sagen unisono, sie würden gerne aufklären, helfen und vermitteln, falls es irgendwo ein Problem gebe, nur wisse man schlicht nicht, wer infiziert sei.

Diskriminierungsgefahr im Landkreis Gießen: „Corona testet uns alle“

»Es sind schon auch viele Patienten mit Migrationshintergrund bei uns«, sagt derweil Professor Werner Seeger vom UKGM im Interview mit dieser Zeitung. Doch auch Seeger sagt, er habe keine Zahlen.

So bleibt vieles bei losen Beobachtungen, die, so warnt Istayfo Turgay, Dezernent für Integration, Antidiskriminierung und Teilhabe, schnell in Stigmatisierungen und Pauschalurteilen münden. »Corona testet uns alle«, sagt er. »Und was macht der Mensch, wenn er etwas nicht Greifbares vor sich hat, das er nicht mehr kontrollieren kann? Er sucht immer einen Sündenbock.«

Zu Beginn der Pandemie seien vor allem asiatisch aussehende Menschen diskriminiert worden, erzählte Maria von Kalckreuth, Koordinatorin des Integrationsprojektes WIR. Etwas später, als das Virus in Italien wütete, seien es dann italienische Gastwirte gewesen, die von derartigen Vorfällen berichteten.

Ausländerbeirat im Kreis Gießen warnt vor Stigmatisierung wegen Corona

Am Donnerstagabend hatte der Kreisausländerbeirat zu einem Gespräch geladen. »Corona und Stigmatisierungsgefahren« war eines der Themen. So erzählte Geschäftsführerin Marketa Roska von Menschen mit Migrationshintergrund, die »aufs Gröbste beschimpft werden, weil sie eine Sekunde zu spät ihre Maske aufgezogen haben«. Und überhaupt, man könne nicht sagen, jene seien unvorsichtiger als Menschen deutscher Herkunft, erklärte van Slobbe. Es gebe stets intelligentere und weniger intelligente Menschen, Leute, die an Corona glauben und welche, die es nicht tun. »Die Migranten sind genauso ein Querschnitt der Bevölkerung wie die Deutschen.«

Auch ein Informationsdefizit in Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund haben die Mitarbeiter von Dezernent Turgay nicht ausgemacht. Über die »Integreat-App« und die Website des Landkreises würden regelmäßig mehrsprachige Informationen und Piktogramme veröffentlicht, man habe bereits im April in allen Kommunen, bei Vereinen, Religionsgruppen und Beratungsstellen Informationsmaterial verteilt.

Corona im Landkreis Gießen: Keine Sprachbarrieren in Lollar und Pohlheim

Eine Sprachbarriere sehen sie im Kreisausländerbeirat ebenso wenig. »In Lollar und Pohlheim gibt es die nicht«, sagt van Slobbe. »Die meisten Familien leben schon seit mehreren Generationen hier.« Ohnehin könne man sich den Informationen über Corona gar nicht entziehen, egal in welcher Sprache man Medien konsumiere. »Corona ist ein weltweites Problem.«

Trotzdem würden - gerade in den sozialen Medien - häufig bestimmte Gruppen verbal angegriffen, sagt Turgay. »Wir können ganz klar sagen: Es ist keine bestimmte Bevölkerungsgruppe.« (Lena Karber)

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