Jaqueline Kratz mit einem der Ferkel.
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Jaqueline Kratz mit einem der Ferkel.

Wo die Wutz noch wühlen darf

Gegenentwurf zu Tönnies und Großschlachtereien: Paar aus Kreis Gießen hält Vogelsberger Freilandschweine

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Wer gern Wurst und Fleisch isst, den beschleicht immer öfter Unbehagen, wenn er an große Mastanlagen denkt - gerade vor den aktuellen Diskussionen um die Bedingungen auf Großschlachthöfen. Wer ein Schnitzel vom Vogelsberger Landschwein auf dem Teller hat, der kann sich damit beruhigen, dass das Tier munter in der Erde gewühlt und nachts im Stroh geschlafen hat. Die Halter stammen aus dem Landkreis Gießen.

Wer am Rand von Bernsfeld an der Weide vorbeikommt, der stutzt, wenn er das Bild von Spaziergängen noch nicht kennt. Dort tummeln sich 20 Jungschweine, fressen Gras, wühlen in Erdmulden, ab und zu beäugt von den beiden Muttersauen, die nebenan ihr Zuhause haben.

Halter ohne landwirtschaftlichen Hintergrund

"Vogelsberger Freilandschweine" heißt das Projekt von Jaqueline Kratz. "Wir haben im Fernsehen einen Bericht über sogenannte Leasing-Schweine gesehen," erzählt sie mit Ehemann Marcel. Beide sind ohne landwirtschaftlichen Hintergrund in das Experiment eingestiegen. Statt Hund oder Katze ein Schwein halten? Das wäre doch was. Dazu kam: "Wir wollten einfach wissen, woher das Fleisch auf dem Teller kommt."

Zunächst wurde deshalb die Schweinehaltung für den Eigenbedarf geplant. Am Rande des Dorfs fanden die beiden, die aus dem Kreis Gießen stammen - Jaqueline von der Flugplatzsiedlung Ettingshausen und Marcel aus Geilshausen - genug Platz für ihr ungewöhnliches "Hobby".

Erste zwei Tiere bei Ebay gekauft

Nun geht man nicht einfach in den nächsten Laden und kauft ein Schwein. Dazu sollte es im Freien gehalten werden, was nur mit robusten alten Rassen geht. Dazu zählt das Schwäbisch-Hällische Landschwein, das obendrein mit guter Fleischqualität punktet. Tatsächlich stieß man über Ebay auf einen Züchter, dem sie zwei Tiere abkauften.

Auf dem Wiesengelände wurde ein Unterstand gebaut, dazu Futter- und Tränkestelle. Das Veterinäramt kontrollierte die Anlage und hatte nichts auszusetzen. In regelmäßigen Abständen kommt die Amtstierärztin vorbei, sie hat inzwischen schon Interessenten geschickt, die sich die vorbildliche Anlage anschauen wollen. Die Auflagen für die Haltung sind hoch. Ein Doppelzaun soll verhindern, dass sich ungewollt ein Wildschwein unter die Herde mischt.

Die Ringelschwänze bleiben dran

Aus der Haltung nur für den Eigenbedarf wurde allerdings nichts. Laufend kamen Anfragen von Verwandten oder Bekannten, ob man nicht etwas abhaben kann. So wurde das Schweine-Leasing angeworfen und über soziale Medien beworben, schließlich kam noch eine Seite im Internet dazu. Für eine bestimmte Summe im Monat können Interessierte nach einer Anzahlung einen Teil des Schweins leasen, nach der Schlachtung ("Unsere Schweine leben doppelt so lange wie andere") wird das Fleisch geliefert. Das schlug so gut ein, dass mittlerweile auch Kunden aus Dortmund und Ulm bestellen.

Die beiden Schweinehalter erzählen, dass es mehr als ein Hobby ist, auch wenn sie weiter in ihren Berufen arbeiten. Der Aufbau der Anlage war nicht billig, dann wurde noch eine Schrotmaschine gekauft. Das Futter beziehen sie von einem Landwirt aus Büßfeld, die Schweine fressen neben Gras und Heu Getreide, Kartoffeln oder Ackerbohnen. Der Einsatz von Sojafutter oder Antibiotika ist verpönt. Die Ringelschwänze bleiben dran, auch werden die Zähne nicht abgefeilt, denn Keilereien gibt es nicht: "Die Tiere sind sehr friedlich."

Anhänglich wie Hunde

In diesem Jahr wurde die Anlage erweitert. Nicht ins "Geschäft" kommt derzeit ein mächtiger Iberico-Eber mit spanischen Papieren, er soll für die Zucht weiterverkauft werden. Und fürs nächste Jahr gibt es für die Freilandschweine schon wieder jede Menge Anfragen. Eine Konkurrenz zu großen Betrieben sei man keineswegs, erzählt Jaqueline Kratz, man bewege sich in einer Nische. Die Vogelsberger Freilandschweine zeigen übrigens, dass Schweine völlig zu Unrecht einen gewissen Ruf haben, sie sind eigentlich sehr reinliche Tiere. Die Jungschweine haben in einer Ecke des Geländes ihr "WC", die Wiese bleibt sauber.

Nachts stehen mehrere mit Stroh ausgelegte Hütten bereit, wobei sich bisher noch alle Vierbeiner lieber in einer Hütte gemeinsam schlafen legen. Ansonsten sind die Tiere anhänglich wie Hunde. Kommen Jaqueline Kratz und ihre Tochter vorbei, traben die Schweine heran, um sich kleine Streicheleinheiten zu holen.

Kleine Attraktion im Dorf

Die Freilandschweine sind inzwischen eine kleine Attraktion im Dorf geworden. Auf der Bank davor kann man dem munteren Treiben zusehen, was gern in Anspruch genommen wird. Aber: Füttern streng verboten.

Lied zum Schwein veröffentlicht

Über welches Schwein kann man schon behaupten, dass ein Lied für das Tier geschrieben wurde? Bei den "Vogelsberger Freilandschweinen" ist das tatsächlich so. Nachbar Thorsten Löffler von der Partyband "Skyliners" hat nämlich zur Gitarre gegriffen und eine Ballade auf die munteren Vierbeiner komponiert. Der Titel lautet "Schwarzes Schwein" und ist zu hören auf Facebook. Löffler sendet damit verbunden auch gleich einen Appell: "Wenn es der Geldbeutel hergibt, kauft wieder regional. Wir merken ja gerade in diesen Zeiten, wie wichtig es sein kann, eine regionale Versorgungslage sicherzustellen."

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